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Bilanz eines vergeudeten Jahres#

Das kritiklose Abfeiern von Jubilaren setzt sich vermutlich auch 2014 fort#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 28./29. Dezember 2013)

Von

Edwin Baumgartner


Nach der Wagner-Heiligsprechung droht die Strauss-Seligsprechung.#

Richard Strauss
Richard Strauss widmete dem "Polenschlächter" Hans Frank ein "Danklied"
wikipedia/Schmutzer/ÖNB

Es war das Jahr des Richard Wagner. 2013. 200. Geburtstag und so weiter. Nun gut, man hat ziemlich viel Verdi gespielt (200 Jahre alter übler Verbreiter von welschem Dunst und welschem Tand), die Briten haben sich, wen wundert’s bei dieser Namensähnlichkeit, anlässlich dessen 100. Geburtstags mehr um Britten gekümmert, wenngleich eher unter dem Aspekt, mit welchen minderjährigen Buben er ins Bett gegangen ist oder auch nicht, als unter dem, dass er ein ziemlich guter Komponist war. Aber sonst: Wagner überall, hier als Regietheater, dort werkkonform, da mit Neuinszenierungen der Hauptwerke, dort unter Hervorholung der Frühwerke.

Aber was hat das Ganze nun gebracht an Neuem zu Wagner? - Gar nichts. Und genau deshalb war es das Jahr des Richard Wagner. Man hat ihn abgefeiert. Er ist wieder der deutsche Staatskomponist, so wie seinerzeit, als ein schmalbärtiger Oberösterreicher den Gruß der römischen Legionen einführte, weil er das just so in "Rienzi" gesehen hatte: "In jener Stunde begann es", schwadronierte Adolf Hitler, und es führte, möchte man ergänzen, folgerichtig in die größte Menschheitskatastrophe, nach Auschwitz, Mauthausen, Treblinka...

Reinwaschungen#

Es war das Jahr des Richard Wagner, weil, mit Ausnahme des abtrünnigen Urenkels Gottfried Wagner, nicht einmal bisher kritische Autoren Relativierendes beitrugen. Lieber in ungefährdeter und allgemein applaudierter Feierstimmungssicherheit die ohnedies nie angezweifelten musikalischen Verdienste des Bayreuther Meisters Leitmotiv für Leitmotiv durchgehen, als sich auf das Minenfeld wagen, dass Wagners musikdramatische Herrlichkeit auch antisemitische Propaganda ist und arischer Heilskult - nicht zu reden von dem bemerkenswerten Vorschlag im Essay "Das Judenthum in der Musik", "unsere Kultur" vom "zersetzenden fremden Element" zu reinigen, und zwar durch eine "gewaltsame Auswerfung". Nur nicht daran rühren, lieber das Frühwerk "Die Feen", wie in der Wiener Staatsoper geschehen, als Schrumpfversion für Kinder ansetzen, dies für einen relevanten Akt zum Wagner-Jahr halten - und den einzigen tatsächlich relevanten Beitrag dem Jüdischen Museum überlassen, in dessen glänzend gemachte Ausstellung "Das jüdische Wien und Richard Wagner" (noch bis 16. März zu sehen) sich freilich ein gestandener Wagnerianer aus offenliegenden Gründen ohnedies kaum hineinverirren wird.

Es war das Jahr des Richard Wagner - und die späte Bilanz ist aktueller denn je zuvor, denn es gilt lediglich, Namen und Jahr auszutauschen: 2014 feiert man, anlässlich seines 150. Geburtstags, Richard Strauss. Und damit den nächsten Problemfall, bei dem jedes Verlangen nach kritischer Aufarbeitung vom Tisch gewischt wird. Die Bilanz eines vergeudeten Jahrs lässt sich schon jetzt ziehen - für 2013 ebenso wie für 2014. Denn niemand Geringerer als der Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper gab mittels ORF2-"Zeit-im-Bild" ex kathedra die Linie vor, über die man sich nicht hinauszuwagen hat: Richard Strauss sei, so Franz Welser-Möst, ein "Verführter" des Nationalsozialismus gewesen. Verführte sind Opfer. Strauss ein Opfer des Nationalsozialismus?

Der verführte Frank-Freund#

Dann hat also ein armer Verführter dieses Gedicht verfasst und für Singstimme ohne Klavier komponiert: "Es ist der Freund Minister Frank / Wie Lohengrin von Gott gesandt, / hat Unheil er von uns abgewandt. / Drum ruf ich Lob und tausend Dank / dem lieben Freund Minister Frank".

Ist doch schön, dass der von Gott gesandte Lohengrin wenigstens von Strauss Ungemach abgewendet hat. In Polen ist der Spezl vom Strauss bis zum heutigen Tag als "Schlächter von Polen" und "Judenschlächter von Krakau" ein Begriff. "Ich habe freilich in einem Jahr weder sämtliche Läuse noch sämtliche Juden beseitigen können. Aber im Laufe der Zeit (...)wird sich das schon erreichen lassen", da ist Hans Frank ganz zuversichtlich im Dezember 1940. Das Lied von Strauss stammt aus dem Jahr 1943.

Der verführte Strauss wird am 15. November 1933 zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernannt (er demissioniert 1935). 1934 hält er eine Rede, in der er Hitler und dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels dankt für die nun mögliche Erneuerung "unserer" musikalischen Kultur. Dazu bedurfte es wohl der Aufführungsverbote für Strauss’ jüdische Konkurrenten.

Am 1. August 1936 erklingt im Olympiastadion Berlin Strauss’ "Olympische Hymne" mit dem Text "Völker! Seid des Volkes Gäste" (man merke den feinen Unterschied "Völker" und "das Volk"). Die Düsseldorfer Reichsmusiktage 1938, die von der Schandschau "Entartete Musik" begleitet werden, versorgt Strauss mit einem Eröffnungsfestkonzert, in dem er höchstpersönlich sein "Festliches Präludium" (1913) dirigiert, während in der Ausstellung Komponisten wie Gustav Mahler, Franz Schreker, Erich Wolfgang Korngold oder Kurt Weill verhöhnt und verleumdet werden. Für den Wiener Gauleiter Baldur von Schirach schreibt Strauss 1943 eine "Festmusik".

Die Reinwaschung Strauss’ erfolgt dabei stets mit den gleichen Argumenten: Seine Schwiegertochter war Jüdin, er stand zu ihr und hatte Angst, sich zu exponieren. Einem alternden Komponisten vorzuwerfen, dass er nicht im Widerstand war, wäre dabei natürlich Unfug. Doch ist das Argument mit der jüdischen Schwiegertochter wirklich mehr als jene "Freunde in Israel", die ehemalige Nationalsozialisten nach 1945 aus dem Ärmel zogen, wenn ihnen die Argumente ausgingen?

Im Fall von Richard Strauss kommt eine Facette hinzu: Im Sommer 1944 besucht er die Sängerin Hedda Grab-Kernmayer, eine Verwandte seiner Schwiegertochter, im KZ Theresienstadt. Damit ist klar: Strauss wusste, dass es Konzentrationslager gibt (wusste er auch von jenen, die sein Freund Hans Frank errichten ließ?). Die Folge seines Besuchs? Nichts. Er rührt keinen Finger für seine jüdische Verwandte.

Wer ist da ein Opfer?#

Wie so viele Antisemiten (etwa auch Wagner) akzeptierte Strauss Juden im unmittelbaren persönlichen Umfeld. Davon Entschuldigungen für einen Künstler abzuleiten, der sich den Nationalsozialisten hemmungslos anschmiegte, ist absurd. Auch Christoph Wagner-Trenkwitz’ vermenschelnde Strauss-Darstellung "Sie kannten Richard Strauss" kann das simple Faktum nicht aus der Welt schaffen, dass Strauss schon im sogenannten Judenquintett seiner Oper "Salome" (1905) eine antisemitische Karikatur lieferte, dass seine frühen Briefe antisemitische Äußerungen enthalten und dass er im NS-Staat zum alleinigen lebenden Großrepräsentanten der deutschen Musik unter dem Hakenkreuz aufstieg.

Das Strauss-Jahr mit der Umbenennung der Wiener Richard-Strauss-Gasse zu begehen, wäre eine symbolische Geste. Dass freilich nicht einmal eine kritische Aufarbeitung der Biografie stattfinden wird, ist nur zu wahrscheinlich. Eher wird’s Aufführungen und Jubeldokumentationen regnen, in denen Musikwissenschafter erklären, weshalb der verführte Strauss ja gar nicht anders konnte, als ein Opfer zu sein. Und das, obwohl er den lohengringleichen Polenschlächter zum Freund hatte. Vielleicht bringt wenigstens das Jüdische Museum etwas Erhellendes zum Thema. Bei Wagner hat’s ja auch funktioniert.

Wiener Zeitung, Sa./So., 28./29. Dezember 2013