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Der Neuerer mit dem offenen Blick#

Friedrich Cerha, Doyen unter den österreichischen Komponisten, feiert seinen 85. Geburtstag #


Von

Christoph Irrgeher


Mit freundlicher Genehmigung von der Wiener Zeitung (Sa./So. 12./13. Februar 2011)


  • Verhältnis zwischen Masse und Individuum als Lebensthema.
  • Durch "Dienstleistung" an Alban Bergs "Lulu" zu Weltruhm gelangt.


Friedrich Cerha
Kritische Distanz gegenüber allen Moden: Der Komponist Friedrich Cerha wird 85.
Foto: © apa/Roland Schlager

Wer das Klischee vom mittellosen Komponisten im Kopf hat, dürfte enttäuscht sein: Friedrich Cerha, am 17. Februar 1926 geboren, logiert in einer Hietzinger Villa. Inmitten des großzügigen Salons thront ein Flügel; und während der Journalist eintritt, entlockt Cerha dem Instrument einen schweren Akkord.

Schwer hat es einst auch Cerha gehabt, mag er derzeit auch in Ehrungen untergehen. "In den 50er Jahren habe ich eisige Ablehnung einstecken müssen", sagt er, denn er galt als "Zerstörer der Tradition". Damals habe er sich daran gewöhnt, Dinge gelassen zu nehmen. Ebenso halte er es heute mit Trophäen. Wobei: Über den Salzburger Musikpreis (mit 60.000 Euro dotiert) meinte der noch 84-Jährige, dass das "eigentlich zu spät" komme. Etwas distanziert bleibt der Wiener also auch gegenüber einer wohlmeinenden Öffentlichkeit – und damit seinem Lebensthema treu: der kritischen Betrachtung des Verhältnisses von Masse und Individuum.

Wien als "Wüste"#

Drastisch bekam er es schon in der Kindheit vor Augen geführt. Der Vater, im Bürgerkrieg für Wiens öffentliche Beleuchtung zuständig, führte ihn nach Ende der Kampfhandlungen auf die Straße. "Ich hab’ die zerschossenen Häuser, die Blutlachen auf dem Boden gesehen. Mein Vater sagte: ‚Du siehst, was Menschen Menschen antun können.‘" Später rief die Hitlerjugend. "Du bist nichts, dein Volk ist alles", hieß es da. Der Slogan trieb ihn auf die Palme. Von der Wehrmacht nahm er dann zweimal Reißaus. Als der Krieg zu Ende ging, verdingte sich Cerha als Hüttenwirt im Karwendel. Danach hatte er Probleme mit der Zivilisation: "Wenn ich von den Bergen hinunter geschaut hab’, dachte ich immer: Soll ich in diese Umgebung, die für die Schrecken verantwortlich war, hinuntersteigen und mich einordnen?" Letztendlich siegte die Neugier.

Das Anders-Sein wurde jedoch bald wieder spürbar. Zeitgenössische Kunstmusik, damals in Wien – fast ein Ding der Unmöglichkeit. Kurt Schwertsik, seinerzeit Leidensgenosse, nannte die Stadt darum diesbezüglich eine "Wüste". Auch Schönbergs Musik hatte da einen schweren Stand.

Ob die Situation heute erfreulicher ist? "Ein himmelhoher Unterschied", jubelt Cerha. Angesichts seiner Vergleichswerte wundert es freilich kaum, dass Cerha nicht in ein branchenübliches Lamento einstimmt. Neue Musik, jammern ja manche, werde weiterhin zu selten gespielt und friste ein Ghetto-Dasein. Dass der heutige Konzertbetrieb Neue und klassische Musik meist strikt trennt, findet Cerha dagegen "an sich logisch". Schließlich gehe jeder "seinen eigenen musikalischen Bildungsweg". Neue-Musik-Zyklen programmierte einst auch Cerha im Kampf gegen die klassische Monotonie: 1958 gründete er mit Schwertsik das Ensemble die reihe. "Eine kulturelle Großtat", jubelte ein Kritiker – niemand anderer als der bis heute tätige Neuton-Aktivist Lothar Knessl. Cerhas Ensemble mühte sich nicht nur um Neuerer wie John Cage und György Ligeti, sondern auch um Schönberg und die seinen.

Kritik im eigenen Lager#

Trotz Lust am Neuen wahrt Cerha aber auch gegenüber den Zwölfton-Heroen eine gewisse Distanz. "Aus dem 19. Jahrhundert hat die Vorstellung eines Herrenmenschentums nachgewirkt. Auch Schönberg und seine Aposteln waren nicht ganz frei davon." Die kritiklose Ausübung der Zwölfton-Gebote war Cerhas Sache nicht. Und auch der Urknall für die Komponisten der Nachkriegszeit – die legendären Darmstädter Ferienkurse – findet bei Cerha nicht nur Lob. Natürlich: Dort tauschten sich alle maßgeblichen Komponisten der Zeit aus, wurde "so hitzig diskutiert wie nie wieder". Doch auch dort ergaben sich manche unreflektiert einer Dogmatik. Um die serielle Musik ging es damals, verkürzt gesagt also: die Ausweitung von Schönbergs System auf alle Gestaltungselemente. Cerha: "Ich habe mir immer einen gewissen offenen Blick bewahrt." Schon damals habe er eine kritische Sicht eingenommen – "wie auch später gegenüber modischen Trends".

So kam es dann auch, dass der Avantgardist Luigi Nono den Wiener Kollegen anfauchte: "Du machst mit unserer Technik traditionelle Musik!" Stein des Anstoßes: Das Kammerstück "Deux éclats", denn es erzeugt mit seriellen Mitteln doch eine Entwicklung. Auf symphonischen Gebiet erfand Cerha, zeitgleich mit Ligeti, dann die Klangflächenkomposition: Aus sieben Teilen besteht die personalintensive "Spiegel"-Serie. Ob er beim Schreiben, in den 60er Jahren, an eine Aufführung dachte? "Ich habe damals gezweifelt, ob ich das je hören werde."

Geheime Opernarbeit#

Auch in den mikrofeinen Strukturen dieses Werks spiegelt sich Cerhas Hauptthema: Die "Spiegel" sind auch eine tönende Interaktion zwischen Masse und Individuum. Sogar eine Art Libretto hat Cerha dafür geschaffen, weil er beim Komponieren optische Eindrücke hatte. Seine Opern handeln dezidiert von Außenseitern: Hier ein ungestümer Künstler ("Baal"), da ein Riesenwüchsiger ("Der Riese vom Steinfeld"), dort eine einsame Märchenfigur ("Der Rattenfänger"). So gesehen nur konsequent, dass es auch Friedrich Cerha war, der eine berühmte Einzelschicksals-Oper komplettierte: Alban Bergs "Lulu".

Als der Schönberg-Schüler starb, lagen lediglich zwei der drei Akte als Partitur vor. Nach einer "Lulu" im Jahr 1962 habe Knessl dann zu Cerha gesagt, man müsse "mal schauen, was von Berg da ist". Cerha tat’s und staunte nicht schlecht. Denn der Schlussakt lag als Entwurf vor. Die Universal Edition beauftragte ihn mit der Ausarbeitung. Weil Bergs Witwe dies jedoch untersagte, arbeitete Cerha im Geheimen: 15 Jahre mit Unterbrechungen. Vor der Premiere 1979 kam dann ein Kompromiss mit der Berg-Stiftung zustande. Ob sich Cerha, in Kenntnis aller Mühen, noch einmal darauf einlassen würde? Ja. "Ich habe mich immer den großen Werken der Tradition verpflichtet gefühlt. Mir war’s einfach ein Bedürfnis, diese Dienstleistungsarbeit für Berg zu tun."

Auch anderweitig hat er sich ja um die Tradition gekümmert: In frühen Tagen als Musiklehrer (übrigens auch von Bundespräsident Heinz Fischer); später – was verwundern mag – als Leiter eines Originalklang-Orchesters. Und natürlich auch in seiner Rolle als Kompositionslehrer. Der Schüler Karlheinz Essl schätzte ihn für seine undogmatische Art. Sie ertönt auch in Cerhas Spätwerk, wie im Violinkonzert: Leichtfüßige Lyrik trifft auf moderne Zerbrechlichkeit. Und am Schluss glaubt man, ein verschmitztes Lächeln zu hören. Mögen es noch viele Musikfreunde kennenlernen.


Wiener Zeitung, Sa./So. 12./13. Februar 2011