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Verkünder der Neuen Töne#

Der Geburtstag des österreichischen Komponisten Robert Schollum jährt sich zum 100. Mal#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 21. August 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Als Volksbildner im Einsatz für die zeitgenössische Musik in Österreich.#

Robert Schollum
Robert Schollum führte die Rundfunkhörer an die Neue Musik Österreichs heran.
© Doblinger

Irgendwann in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre brachte ich meine Mutter regelmäßig zur Verzweiflung: Beim Urlaub in Österreich war von Montag bis Freitag um die Mittagszeit (war’s 13 oder 14 Uhr?) Radio angesagt; noch schlimmer zu Schulzeiten: Da musste die Großmutter, sie war ja zu Hause, die bewusste Sendung auf Kassette aufnehmen. Am Abend dann lauschte ich mit Kopfhörern und handelte mir manchen Verweis meiner Mutter ein: "Da hörst du Dir moderne Musik an, statt dass du Mathematik lernst." Aber die moderne Musik aus Österreich war spannender als Vektoren und Hyperbeln. Was meiner Mutter den Seufzer abrang, dass doch der Teufel den Robert Schollum holen möge.

Der nämlich, also der Robert Schollum, war der Kopf hinter der Sendung, der Mastermind, wie man das heute auf beinahe Deutsch sagt. Am morgigen Donnerstag jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

Heute ist Schollum nahezu vergessen - und das sollte nicht so sein. In Wirklichkeit müsste der Österreichische Komponistenbund dem 1913 in Wien geborenen Komponisten und Musikvermittler ein Denkmal errichten, denn mehr als er hat keiner gemacht für die österreichischen Komponisten in den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Die Karriere des Kompositionsschülers von Joseph Marx begann mit dem Arrangement von Volksmusik. Was als rein künstlerische Tätigkeit anfing, führte den politisch im Grunde Desinteressierten eng an die Brauchtumspflege der Nationalsozialisten heran - enger, als es unbedingt notwendig gewesen wäre. Doch die Tätigkeit bei Hitlerjugend und SA teilt er mit so manchem Österreicher - auch das Talent, sich "nachher" um die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit erfolgreich zu drücken: "Ein Auftrittsverbot für Musiker mit spezifischer NS-Vergangenheit konnte Schollum nach 1945 mittels der Fürsprache politisch unbelasteter Freunde innerhalb eines kirchlichen Wirkungskreises umgehen", schreibt der Musikwissenschafter Christian Heindl, nach wie vor unbestritten bester Kenner der österreichischen Komponisten jener Generation.

Unparteilicher Vermittler#

Nach prägenden Jahren in Linz, in denen Schollum, zusätzlich zu seiner Arbeit als Komponist, Gestalter von Rundfunksendungen, Chorleiter und Volksbildner, auch die Linzer Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik aufbaut, kehrt er mit gleichen und ähnlichen Aufgabenbereichen nach Wien zurück.

Schollums großes Verdienst ist die Unparteilichkeit. Es ist die Zeit, in der konservatives Lager und avantgardistischer Sturm einander unversöhnlich gegenüberstehen. Dennoch gewährt Schollum in seinen Sendungen Aufschluss über die ganze zeitgenössische Musik Österreichs, obwohl er selbst eher den Fortschrittlichen zugehört, und so erklingen Werke von Kurt Schmidek und Karl Schiske ebenso wie solche von Walther Nussgruber, Paul Kont und Kurt Rapf; Helmuth Eder und Gerhard Wimberger sind vertreten und viele andere, wie der in Wien lebende Amerikaner Eugene Hartzell, dessen "Synopsis of a Symphony" mich, seit ich sie in einer Sendung Schollums hörte, nicht mehr loslässt.

Bloß Schollum spielt Schollum sehr wenig. Man führt sich eben nicht selbst auf - die nobleren unter den damaligen Komponisten, die auch gewissermaßen Veranstalter sind, wissen das; Schollum hält sich daran auch in seinen beiden Amtszeiten (1965-1969; 1983-1984) als Präsident des Österreichischen Komponistenbundes ungeachtet der Tatsache, dass er sich damit schadet. Denn die anderen sind bessere Egoisten und revanchieren sich auch dann selten, wenn es ihnen leicht fiele.

Dabei ist Schollums Musik - nun ja: "genial" nicht. Aber so schwach, dass man sie außerhalb von zögerlichen Gedenkveranstaltungen im laufenden Jahr gar nicht mehr spielt? Nach Anfängen im Umfeld von Romantik, Impressionismus und polytonal eingeschrägtem Neoklassizismus, wendet sich Schollum einer Musik zu, in der er eine Synthese von Zwölftontechnik, tonartengebundenen Elementen, mitunter auch Jazz und Improvisation anstrebt.

Monumentale Passion#

Zu viel von dem entsteht da, was man als "Haus-" und "Gebrauchsmusik" bezeichnet, was der Verlag aber dankbar abnimmt, weil er gemischte Duos, Trios und Quartette eher verkaufen kann als Orchesterwerke und Oratorien. Werke wie die Fünfte Symphonie "Venetianische Ergebnisse" indessen, "Spiele" und "Rufe" sind es, die verdienen, gehört zu werden, und die "Markus-Passion" ist überhaupt eine der bemerkenswertesten musikalischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts mit dem Leiden Christi. Der enorme Aufwand freilich verbannte das monumentale Werk nach seiner Uraufführung 1983 in die Schublade.

Schollum, der sein Privatleben stets abzuschirmen wusste, hinterlässt zwei Adoptivsöhne, als er am 30. September 1987 in Wien stirbt. Die Verankerung der zeitgenössischen österreichischen Musik im ORF und der unermüdliche und oft von Erfolg gekrönte Einsatz, die Werke österreichischer Komponisten bei österreichischen Veranstaltern zu positionieren, gehören zu seinem Vermächtnis, das man mit seinem Namen wohl nicht mehr in Verbindung bringt, dessen Spuren sich aber im heutigen österreichischen Musikleben nach wie vor ausmachen lassen.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 21. August 2013