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Ein musikalischer Allrounder#

HK Gruber beehrt das Musik-Festival Grafenegg nicht nur als Composer in Residence#


Von der Wiener Zeitung (Sa/So, 13./14. August 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Lena Dražić


Der Komponist über Politik, Neue Musik und Zugänglichkeit als Ziel. "Northwind Pictures" als Festival-Uraufführung.#

HK Gruber
Für den Festivalbetrieb bereit: HK Gruber in Grafenegg.
© Werner Kmetitsch

Grafenegg. "Für mich ist Grafenegg so wichtig, weil auch Konzerte mit aktueller Musik programmiert werden", sagt HK Gruber, diesjähriger Composer in Residence des gleichnamigen Musik-Festivals. "Mein Motto ist: Für jeden Beethoven muss man strafweise ein neues Stück spielen." HK (auch bekannt als "Nali") Gruber verbindet mit Grafenegg eine jahrzehntelange Geschichte: Bereits 1980 war hier sein Klavierzyklus "Luftschlösser" uraufgeführt worden. Und an der Planung des Festivals, dessen fünfte Ausgabe nun am 19. August beginnt, hat er selbst als Freund und Berater von Ex-Geschäftsführer Johannes Neubert im Hintergrund mitgewirkt. Gekrönt wird diese Verbindung nun durch seine Position als Composer in Residence, die dem Allrounder Gelegenheit gibt, sich in vielfältigen Rollen zu zeigen: als Chansonnier (bereits am 13. August in seinem Pandämonium "Frankenstein!!"), Dirigent, Workshop-Leiter und Komponist.

Versteckte Botschaften#

Im Zentrum steht dabei der Workshop "Ink Still Wet", der Komponisten die Möglichkeit bietet, eigene Werke mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich einzustudieren - Ziel ist die Verbesserung der Kommunikation zwischen Orchestermusikern und Komponisten. Die Ergebnisse werden am 22. August bei freiem Eintritt präsentiert, frei zugänglich ist zuvor auch der dreitägige Workshop.

Die Konfrontation mit dem Orchester, ist Gruber überzeugt, bewirkt auch einen anderen Zugang zum Komponieren. Sein eigenes Auftragswerk "Northwind Pictures" wird am 4. September aus der Taufe gehoben. Das Stück, so der 68-Jährige, sei eigentlich aus einer Verlegenheit heraus entstanden: Die anfänglich geplante Uraufführung der Schlagzeug-Symphonie "Into the Open" konnte aus Zeitgründen nicht realisiert werden. Doch ist der Komponist mit der Lösung keineswegs unglücklich: Das 25-minütige Orchesterwerk, das Gruber aus seiner Oper destilliert hat, sei wie "Dancing in the Dark" (das ebenfalls zu hören sein wird) eine Möglichkeit für ein gutes Orchester, seine Stärken auszuspielen. Die politischen Implikationen des Librettos von HC Artmann, das der Oper zugrunde liegt, würden in der Orchesterversion freilich nicht offen zutage treten, was dem Werkverständnis jedoch keineswegs abträglich sei.

Politisches Denken liegt auch dem Werk von Hanns Eisler und Kurt Weill zugrunde: Zwei Komponisten, für die sich Gruber stets stark gemacht hat. Am 4. September wird er darum auch Weills "Sieben Todsünden" dirigieren, laut Gruber "Das wohl berührendste antikapitalistische Manifest, das es im musikalischen Bereich gibt".

Weill und Eisler fühlt sich Gruber verbunden, weil er Parallelen zwischen ihrer historischen Situation und seiner eigenen erblickt. Beide hätten einst gegen die ästhetische Doktrin verstoßen, die im Verzicht auf Tonalität den einzigen Weg zum Heil sah. Auch für Gruber bildet größtmögliche Verständlichkeit die Maxime des Komponierens - eine Maxime, der die Musik der Avantgarde nicht immer gerecht geworden sei: "Die Neue Musik begann sich einzuigeln durch nicht genügend Rücksichtnahme, was die Kommunikation mit dem Publikum betrifft." Dennoch möchte Gruber, der sich früher selbst mit der Reihentechnik befasst hat, nicht auf die Errungenschaften der Avantgarde verzichten. Von der Wiener Schule könne man lernen, innerhalb der Musik komplexe Zusammenhänge zu schaffen - auch für den um Einfachheit bemühten Gruber eine Notwendigkeit.

Entmilitarisierte Märsche#

Das Zusammenwirken von Einfachheit und Komplexität lässt sich an Grubers Komposition "Demilitarized Zones" für Brass Band beobachten, die beim Eröffnungskonzert des Festivals zu hören sein wird. In der Collage aus 20 gleichzeitig erklingenden Märschen, die von 26 Blechbläsern dargeboten wird ("Die machen einen furchtbaren Lärm!"), werden die dominanten Themen mehr und mehr von den lyrischen Mittelstimmen verdrängt - diese, so Gruber, würden quasi eine entmilitarisierte Zone innerhalb der Marschmusik darstellen. "Ein Stück zu schreiben, wo die Mittelstimmen als das eigentlich wichtige Element befreit werden, ist fast schon eine politische Aussage", meint der Komponist. Ob diese Botschaft wohl beim Publikum ankommt?

Wiener Zeitung, Sa/So, 13./14. August 2011