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Forscherdrang und Marktgespür#

Der österreichische Wissenschafter und Industrielle Carl Auer von Welsbach hat mit seinen Erfindungen, insbesondere mit dem Gasglühstrumpf, Technik- und Wirtschaftsgeschichte geschrieben.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 22./23. Februar 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Herbert Hutar


Carl Auer von Welsbach
Carl Auer von Welsbach (1858-1929).
© Wikimedia/gemeinfrei

Wien. Es war eine Karriere, wie man sie in unseren Zeiten im Silicon Valley vermuten würde: ein junger Student, ein brillanter Wissenschafter, der an der besten Universität forscht, der an die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnisfähigkeit geht. Er entdeckt ein neues Verfahren, lässt es patentieren, entwickelt es zur Marktreife, verkauft es an die Industrie und ist mit 27 Jahren Millionär. Mit dem Geld gründet er eine Firma und macht weiter, rastlos: Als Forscher mit Kontakten zu den Spitzen seines Faches in aller Welt und ebenso als Unternehmer.

Carl Auer von Welsbach hat das in Österreich vor mehr als 100 Jahren geschafft. Die noch ganz junge Lichttechnik war damals Hochtechnologie, in Wirkung und Bedeutung durchaus vergleichbar mit der heutigen Informationstechnologie, die in unglaublicher Geschwindigkeit aus dem Versuchsstadium im Labor zur Marktreife getrieben wurde. Auer von Welsbach schaffte es immer wieder, in kürzester Zeit seine Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in industrielle Verfahren umzusetzen und zu Geld zu machen, zu viel Geld: Mit künstlichem Licht wurde die Nacht zum Tag. 24 Stunden am Tag produzieren und konsumieren zu können, war eines der neuen Bedürfnisse der Gründerzeit, und Auer hat diesen Bedarf gedeckt.

Die Wiener Chemikerin Inge Schuster hat dem Phänomen Carl Auer von Welsbach nachgespürt und vier Punkte für seinen überragenden Erfolg definiert:

  • Die Erfindungen betrafen essentielle, noch nicht hinreichend abgedeckte Bedürfnisse.
  • Die Erfindungen waren überzeugend.
  • Das Marktvolumen für die Erfindungen war gigantisch.
  • Das Produktionsvolumen war groß genug, um die Nachfrage abzudecken.

Sechster Sinn für Markt#

Carl Auer von Welsbach hatte, so Schuster, "einen sechsten Sinn für vermarktbare Forschungsergebnisse und daraus resultierendes Unternehmertum, aber auch für entsprechende Werbung."

Und er hatte optimale Startbedingungen: Sein Vater machte die k.u.k. Hof- und Staatsdruckerei von einem notleidenden Kleinbetrieb zu einer technischen Vorzeigeindustrie mit 800 Angestellten und leitete weitere Druckereien. Vater Aloys von Welsbach starb, als der kleine Carl erst elf Jahre alt war, aber der Bub dürfte doch einiges vom väterlichen Innovations- und Unternehmergeist mitbekommen haben, auch vermittelt durch die Mutter. Und der Vater hinterließ ein beruhigendes Vermögen.

Hoch hinaus wollte der junge Carl nach der Matura: Die Technische Hochschule in Wien diente ihm als Sprungbrett an die Universität Heidelberg, damals das Mekka der Physik und der Chemie. Dort promovierte er bei Rudolf Bunsen, der berühmt war für seine fächerübergreifende und praxisorientierte Arbeit ("Ein Chemiker, der kein Physiker ist, ist gar nichts"). Zurück in Wien, mietete er sich ein Labor an der Technischen Hochschule und arbeitete als finanziell unabhängiger Privatgelehrter in seinen Fächern rund um die Seltenen Erden mit den Methoden der Spektralanalyse.

Der erste große Wurf wurde zugleich auch jene Erfindung, die bis heute in einem Atemzug mit Carl Auer von Welsbach genannt wird: Der Gasglühstrumpf, patentiert 1885. Den Kauf einer Fabrik in Wien-Atzgersdorf, und zwar für ein High-Tech-Produkt, finanziert aus der Vermarktung des Patentes, mit einem Universitätsassistenten als Werksleiter würde man heute als Start-Up bezeichnen, das allmählich auf 40 bis 50 Beschäftigte anwuchs. Risikokapital steuerte der englische Industrielle Fred Williams de Lafontaine bei, die Firma hieß daher Welsbach & Williams.

Qualitätsprobleme zwangen den Jungunternehmer zu einer zwischenzeitlichen Schließung, aber nachdem Auer den Glühstrumpf verbessert hatte, ging es ab 1891 endgültig aufwärts. Es entstanden zahlreiche Niederlassungen, Tochtergesellschaften und Beteiligungen in Europa und in den USA. Immer wieder gelang es dem österreichischen Erfinder, für seine überzeugenden Innovationen Risikokapital aufzutreiben.

Gemeinsam mit dem deutschen Bankier Leopold Koppel startete er die weltweite und durchaus gewinnträchtige Expansion: Die Pariser Auer-Gesellschaft zahlte, so Auer-Biograf Roland Adunka, bereits im ersten Jahr unvorstellbare 125 Prozent Dividende. Und in den USA wurden in den Neunzigerjahren nicht weniger als 80 Millionen Glühstrümpfe pro Jahr verkauft. Der Bankier Leopold Koppel sollte später Albert Einstein nach Berlin verpflichten.

Einsatz Seltener Erden#

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entwickelte sich auf dem Gebiet der Lichttechnik ein massiver Konkurrenzkampf zwischen Gaslicht und elektrischer Beleuchtung, den zunächst das Gaslicht für sich entschied. Gaslicht konnte sich auf eine bestehende Infrastruktur stützen, die Gasglühstrümpfe boten mehr Licht, hielten länger und waren billiger als die damals am Markt befindlichen elektrischen Kohlenfadenlampen. Strom war extrem teuer.

Was Auer von Welsbach nicht daran hinderte, auch die elektrische Glühlampe zu revolutionieren. Seinen Konkurrenten Thomas Edison lernte er in den USA kennen, als Auer eigene Werke in New Jersey besuchte. Einmal trafen sie sich am Bahnsteig in St. Veit an der Glan, als Edison nach Wien fuhr. 20 Minuten Verspätung nahm die Bahn in Kauf, um die Unterhaltung der beiden weltberühmten Herren nicht zu stören, berichtet Biograf Adunka.

Die Schwächen der Kohlefaden-Glühlampe Edisons (geringe Haltbarkeit, geringe Lichtausbeute, hoher Stromverbrauch) ließen den rastlosen Forscher, Entwickler und Industriellen nicht ruhen, bis er ein marktfähiges Konkurrenzprodukt präsentieren konnte: die Metallfadenlampe. Dabei konnte Auer für die Herstellung der Prototypen seine Glasbläserkunst anwenden, die er als Student für die Herstellung von Glaskolben für chemische Experimente erlernt hatte.

Beiden Lichttechniken gemeinsam war die Technologie der Seltenen Erden, Auers wissenschaftliche Kernkompetenz - beim Gaslicht Thorium, beim elektrischen Licht Osmium.

Dabei unterlief Auer von Welsbach einer seiner seltenen Flops: Nachdem er sich um teures Geld einen Großteil der weltweiten Osmium-Vorräte gesichert hatte, stellte sich Wolfram als die bessere Alternative für Glühlampen heraus. Den technologischen und patentrechtlichen Wettlauf haben die Amerikaner bei General Electric gewonnen, aber Auer von Welsbach ließ sich nicht aus dem Feld schlagen: Er erzeugte ab 1906 in Berlin - gemeinsam mit AEG und Siemens - auch Wolframlampen, und weil er zunächst Osmium verwendet hatte, entstand aus OSmium und WolfRAM schließlich die Marke OSRAM.

Mit 35 drohte Carl Auer von Welsbach das, was wir heute Burn- Out nennen, und es zog ihn, wie viele seiner Wiener Standesgenossen, zur Erholung nach Kärnten. Dort kaufte er 1893 erst eine Villa und baute sich später ein Schloss, in dem ein umfangreiches Labor nicht fehlen durfte. Die Gegend um Treibach und Althofen wurde zu jener Zeit von einer schweren Krise der Eisenindustrie gebeutelt, der letzte Hochofen musste 1886 ausgeblasen werden. Die Kärntner Landesregierung bat den erfolgreichen Herrn Baron aus Wien um Hilfe. So entstand auf dem Gelände des stillgelegten Eisenwerkes die heutige Treibacher Industrie AG, und Carl Auer von Welsbach wurde Kärntner.

Wasserkraftpionier#

Wieder waren es Produkte aus dem Bereich der Seltenen Erden, die von hier aus in alle Welt geliefert wurden. Cer-Metall in Verbindung mit Eisen wurde durch seine Fähigkeit der Funkenbildung als "Auermetall" zur Grundlage moderner Feuerzeuge. Sicher konnte der zunächst kleine High-Tech-Betrieb nicht die Arbeitslosigkeit der ganzen Gegend beseitigen. Aber Auer investierte weiter im Land, und weil für die chemischen Prozesse in den diversen Betrieben viel Strom gebraucht wurde, wurde Auer auch zum Wasserkraftpionier. Als Bauleiter für seine Kraftwerke engagierte er den jungen Ingenieur Franz Wallack, den späteren Erbauer der Großglockner-Hochalpenstraße.

Der Erste Weltkrieg brachte auch Auer von Welsbach schmerzhafte Einschnitte. Seine US-Firmen wurden als Feindeseigentum beschlagnahmt, ein Großteil seines Geldvermögens, das er als kaisertreuer Patriot in Kriegsanleihen angelegt hatte, entpuppte sich - wie die roten Stempel auf den Zertifikaten deutlich machten - als "non valeur", als wertlos.

Aber es war genug übrig geblieben, um nicht nur für Treibach-Althofen die Kriegsfolgen entscheidend zu mildern: Auer verkaufte sein Palais in Wien und steckte das Geld in umfangreiche karitative Projekte, von der Milchversorgung für Kärntner Kinder bis zur Anschaffung von Röntgenapparaten für Spitäler in ganz Österreich. Schon vor dem Krieg erwies er sich mit dem Bau einer Schule und von Werkssiedlungenals fürsorglicher Firmenpatriarch.

Devise "Plus lucis"#

Sein Tod mit 71 Jahren kam schnell. Am 4. August 1929 starb Carl Auer von Welsbach, nachdem er erst tags zuvor über Bauchschmerzen geklagt hatte, aber keine Röntgenuntersuchung wollte. Die Todesursache ist unklar. Sein Biograf Roland Adunka lässt durchblicken, die lebenslange Arbeit mit giftigen chemischen und auch radioaktiven Substanzen, darunter Thorium und Radium, könnte eine Art tödlicher Strahlenkrankheit ausgelöst und den schnellen Tod herbeigeführt haben.

Was ist von Carl Auer von Welsbach geblieben? Neben den Wasserkraftwerken in Kärnten und dem umfangreichen Grundbesitz in seiner Familie (zu der auch sein Urenkel, der Jurist und Finanzjongleur Wolfgang Auer von Welsbach gehört, Anm. d. Red.) vor allem und besonders die beiden Industrien OSRAM in der Lichttechnik und Treibacher Industrie AG im Bereich der High-Tech-Chemie. Beide haben vielfach die Besitzer gewechselt, sind aber - immer noch im Geiste ihres Gründers - Technologieführer auf ihren Gebieten, zum Teil auch Weltmarktführer, geblieben.

Und die Metall-Glühfadenlampe, die nun von den Energiesparlampen verdrängt wird? Da scheint sich der Kreis zu schließen: Chemische Verbindungen des Elementes Yttrium aus der Gruppe der Seltenen Erden haben in Auers Gasglühstrümpfen für Licht gesorgt und sind heute in Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen unentbehrlich. Ganz im Sinn von Auers Wappenspruch: "Plus lucis" - mehr Licht.

Herbert Hutar, Dr. phil., früher Leiter der Wirtschaftssendung "Saldo" (Radio Ö1), arbeitet als Wirtschaftsjournalist in Wien.

Literatur: #

Roland Adunka: Carl Auer von Welsbach. Entdecker - Erfinder - Firmengründer. Kärntner Landesarchiv, Klagenfurt 2013, Buchreihe Band 41, 112 Seiten, 97 Abbildungen.

Wiener Zeitung, Sa./So., 22./23. Februar 2014