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Die Perlentaucher von Korneuburg#

Freigelegtes Austernriff ist 400 Quadratmeter groß. Erlebnispark soll die Fossilienwelt Besuchern zugängig machen.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung (Freitag, 22. August 2008)

Von

Petra Tempfer


Wien/Korneuburg. Die größte fossile Perle und die längste Riesenauster zählen zu den Fundstücken der umfangreichsten paläontologischen Grabung, die je in Österreich durchgeführt worden ist. Mitte August ging die Kampagne des Naturhistorischen Museums Wien (NHM) und freier Mitarbeiter bei Stetten im Korneuburger Becken zu Ende: Auf dem etwa 400 Quadratmeter großen 16,5 Millionen Jahre alten Austernriff konnten mehr als 60 fossile Tierarten freigelegt werden, die vermutlich einem Tsunami zum Opfer gefallen sind. Der im Bau befindliche Erlebnispark "Fossilienwelt Weinviertel" soll dieses wertvolle Erbe für die Nachwelt erhalten.

Die Idee für den Park stammt vom Unternehmensberater Wolfgang Sovis und sicherte schließlich auch die Finanzierung der Grabung: Die vier Millionen Euro Projektkosten wurden mehr als zur Hälfte vom Land Niederösterreich bezahlt, den Rest steuerten das NHM, die Gemeinde Stetten, der Regionalverband "10 vor Wien" und private Sponsoren bei.

Wo heute Baumaschinen die ersten Aushübe für die Fossilenwelt graben, waren bereits seit mehr als 150 Jahren private Sammler und Paläontologen mit Schaufeln, Spaten und Pinseln am Werk. Eine konzentrierte wissenschaftliche Bearbeitung der Fossilen wurde in den vorigen zwei Jahrzehnten intensiviert – und ermöglichte den Nachweis von mehr als 650 unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten im Korneuburger Becken, das in der geologischen Vergangenheit von einem Meer erfüllt war.

Bagger und Muskelschmalz#

Diese vielversprechende Vorgeschichte war schließlich der Auslöser, warum sich die Geologisch-Paläontologische Abteilung des NHM unter der Leitung von Abteilungsdirektor Mathias Harzhauser mit dem Verein der Freunde der Mineralien und Fossilien, unzähligen freien Mitarbeitern und Studenten zusammenschloss – mehr als 150 Personen zählte schließlich das Team, das am 19. Mai mit der Freilegung des gigantischen Austernriffs startete.

Anfangs konnten noch technische Hilfsmittel genutzt werden: Ein kleiner Bagger arbeitete sich 40 bis 60 Zentimeter nah an die fossilen Austern heran. Dann war Muskelschmalz gefragt: "Täglich arbeiteten etwa 20 Mitarbeiter am Gelände, sie führten circa 7000 Schiebtruhen voll Erde weg, bevor sie sich mit Pinseln an den Feinputz machten", sagt Sovis.

Schließlich hatten sie mehr als 15.000 Riesenaustern freigelegt, von denen die größten so lang wie ein Unterarm sind. Dazwischen fanden sich weitere Muschelarten, Schnecken, Schwämme, Rochen und unzählige Haifischzähne. Die größte fossile Perle der Welt mit stolzen vier Zentimetern Durchmesser entstammt einer Miesmuschel. Sogar der Skelettrest einer Seekuh war unter den Fundstücken. "Der stark verweste Kadaver ist vor mehr als 16 Millionen Jahren an das Austernriff gespült worden", erklärt Harzhauser.

Nach dem Bergen der Fossilien begann unter den Paläontologen das große Rätselraten, wie und warum es zu dieser ungewöhnlich großen Menge an Tieren auf relativ kleinem Raum kam – seltsamerweise liegen die Austern wirr durcheinander. "Eine Orientierung in eine bestimmte Richtung würde darauf hinweisen, dass die Schalen zusammengeschwemmt worden sind", sagt Harzhauser. Außerdem war keine der Austern doppelklappig erhalten, "ein Hinweis, dass die Schalen nach dem Tod der Tiere bewegt worden sind", ergänzt der paläontologische Spurensicherer.

Ein Blick auf die Schichten über den Austern brachte den ersten Hinweis: Lido-Sand, wie man ihn heute am Strand der Adria findet, überlagert die Fossilien: "Derartige Abfolgen entstehen wenn der Meeresspiegel ansteigt. Das Austernriff ist anscheinend ertrunken", sagt Harzhauser. Jetzt folgte die Katastrophe: Ein Tsunami wühlte den Meeresboden auf, die Austern wurden hochgerissen und in unmittelbarer Nähe wieder abgelagert.

Sandbucht im Weinviertel#

Dieses katastrophale Ereignis im Korneuburger Becken soll nun in der knapp drei Hektar großen "Fossilienwelt Weinviertel" festgehalten werden: Die symbolische Spatenstichfeier fand Ende des Vorjahres statt, für Mai 2009 ist die Eröffnung geplant. Ein zwölf Meter hoher Schneckenturm wird beim Eingang die Besucher begrüßen, die dann auch selbst nach Haifischzähnen graben dürfen und sich anschließend in einer nachgeahmten Lido-Sandbucht in Liegestühlen entspannen können. Die Austernhalle, die um das fossile Riff herum errichtet wurde, steht laut Harzhauser bereits, "durch Licht- und Toneffekte soll dort ein Tag wie vor 16,5 Millionen Jahren herrschen."

Wiener Zeitung, Freitag, 22. August 2008