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Babylonisches Omen#

Für den österreichischen Astronomen Konradin Ferrari d’Ochieppo (1907 bis 2007) war der Weihnachtsstern mehr als nur eine Legende.#


Von der Wiener Zeitung, (Freitag, 07. Dezember 2007), freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Christian Pinter


Er wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Doch Konradin Ferrari d‘Occhieppo, der große österreichischen Astronomiehistoriker, starb am 18. März 2007 in Reutte in Tirol. Sein Name bleibt mit dem Stern von Bethlehem verbunden, der auch heuer wieder mit lang gekrümmtem Schweif unzählige Krippen, Plakate und Postkarten ziert. Als ein kometenhaftes Gestirn wollte d‘Occhieppo die biblische Erscheinung aber nie verstanden wissen.

Ende des 17. Jahrhunderts war einer seiner Vorfahren mit der kleinen piemontesischen Grafschaft Occhieppo belehnt worden. So kam das Tiroler Geschlecht zu dem langen Namen. Konradin wurde am 9. Dezember 1907 in wenig begüterte Verhältnissen hinein geboren. Nur mit Mühe ließ sich sein Schulbesuch finanzieren. Vom Vater für die Sterne begeistert, schloss er 1934 das Studium der Himmelskunde ab. Er leitete die Wiener Urania-Sternwarte und lehrte nach dem Krieg am Universitätsinstitut für Astronomie. Der liebenswerte Professor legte rund 200 Arbeiten vor, deren viele sich mit dem astronomischen Wissen der alten Ägypter oder der Gelehrten des Zweistromlandes befassten.

Schon 1965 hatte er erforscht, wie gut man in Babylon den Planetenlauf hatte vorhersagen können. Es gelang ihm, ältere Vermutungen über den sogenannten "Weihnachtsstern" in einen wissenschaftlichen Kontext zu betten. Sein populäres Buch "Der Stern von Bethlehem in astronomischer Sicht" stieß vor allem im deutschsprachigen Raum auf Resonanz.

Die Seele Cäsars#

1627 war der Versuch des Augsburger Juristen Julius Schiller gescheitert, die "heidnischen" Sternbilder durch christliche zu ersetzen. An Stelle des antiken Helden Herkules wollte er die "heiligen drei Könige" verstirnen. Doch die Legende von Caspar, Melchior und Balthasar ist außerbiblischen Ursprungs und jünger als das Matthäus-Evangelium, welches von einer unbestimmten Anzahl von Männern aus dem Osten spricht. Je nach Übersetzung sind es "Weise", "Magier" oder "Sterndeuter". Diese wollten dem neugeborenen König der Juden huldigen, nachdem sie dessen Stern im Osten aufgehend gesehen hatten. Nach erfolgloser Suche im Hause des Königs Herodes führte sie ein altes Prophetenwort nach Bethlehem: Aus dieser Stadt sollte der Herrscher und Hirte des Volkes Israel hervorgehen. Als die Männer Bethlehem erreichten, blieb der Stern, so das Evangelium, am Himmel stehen.

Christliche Gelehrte fragten sich, welche Himmelserscheinung damit gemeint war. 218 n. Chr. bewunderte der Alexandriner Theologe Origines den Halleyschen Kometen und erklärte daraufhin einen früheren Himmelsvagabunden zum Stern von Bethlehem. Diesem Gedanken folgte auch der Künstler Giotto: Nachdem er 1301 den Kometen Halley beobachtet hatte, setzte er ihn in sein berühmtes Fresko "Die Anbetung der heiligen drei Könige" ein, was unser Bild vom Weihnachtsstern prägte. Halley war auch 12 v. Chr. erschienen. Eine fernöstliche Quelle erwähnt noch einen weiteren "Besenstern" im Jahr 5 v. Chr. Doch ihres Rufs wegen eigneten sich Kometen nur schlecht als Vorlage für den Evangelisten Matthäus: Nach antikem Glauben schienen die unvermittelt auftauchenden Schweifsterne "nur an Unglückstagen". So wurde die Sichtung des Halleyschen Kometen 66 n. Chr. nachträglich als Menetekel für die Zerstörung Jerusalems durch die Römer interpretiert. Im Juni 44 v. Chr. hatte ein anderer himmlischer Vagabund über Rom geglänzt: Ovid sah darin Cäsars zum Himmel aufsteigende Seele. Spätere Autoren, Shakespeare inklusive, rückten diesen Kometen jedoch vor die Iden des März – womit er zum flammenden Omen des Fürstenmords geriet.

Im Dezember 1603 beobachtete Johannes Kepler, wie sich am Himmel über Prag der Jupiter am Saturn vorbei schob. Zehn Monate nach dieser "Konjunktion" (lat., Verbindung) flammte, ebenfalls im Sternbild Schlangenträger, ein neues Gestirn auf. Nicht ahnend, dass er gerade den katastrophalen Tod eines Sterns miterlebte, erklärte Kepler diese Supernova zur Folge der Planetenkonjunktion. Auch das christliche Zeitalter sei, so spekulierte er, 7 v. Chr. von einer Konjunktion Jupiters und Saturns angekündigt worden – wohl zusammen mit einem vermeintlichen, später aufleuchtenden Stern. Jesus, resümierte Kepler, wäre also "fünf ganze Jahre" vor Beginn der heute gebräuchlichen Zeitrechnung geboren worden. Deren Beginn hatte Dionysius Exiguus jedoch erst im 6. Jahrhundert festgelegt. Zeitgenossen misstrauten dem Ergebnis des römischen Mönchs und zögerten, Urkunden "ab Menschwerdung des Herrn" zu signieren. Der von den Römern eingesetzte Herodes war tatsächlich schon 4 v. Chr. verstorben. Sein Todesjahr lässt sich mit Hilfe einer Mondfinsternis datieren. Für Keplers hypothetische Supernova im Jahr davor fehlen sichere Belege.

Doch Jupiter und Saturn trafen einander tatsächlich im Jahr 7 v. Chr., und zwar im Sternbild der Fische. Dabei schrumpfte ihr gegenseitiger Abstand bis zum doppelten Vollmonddurchmesser. Der ruhig strahlende, gelbliche Saturn übertraf an Glanz alle Fixsterne in seiner Umgebung. Nur der weißliche Jupiter strahlte noch 18 Mal kräftiger. Zweifellos fiel das Doppelgestirn sogar Laien auf. Die im Evangelium verwendeten Begriffe "Aufgang" oder "Stehen bleiben" entsprangen nach Ferrari aber der astronomischen Fachterminologie. Östlich von Jerusalem gab es im Altertum ein Zentrum der Astronomie: Babylon. Dorthin waren die Bewohner Jerusalems 586 v. Chr. verschleppt worden. Viele ihrer Nachfahren blieben in Mesopotamien, wo sie den Glauben an die Heilserwartungen des Judentums am Leben erhielten. In Zeiten der Unterdrückung wuchs die Hoffnung auf einen Erlöser. Palästina stand unter der Herrschaft Roms. Und Babylon war bloß noch Teil des Partherreichs.

Die Priesterastronomen#

Zuvor hatten in Mesopotamien mehr als tausend Götter das irdische Geschick "gelenkt". Ihre Absichten galt es zu erkennen, ihre Wünsche zu beachten. Zum Glück machten sie diese durch allerlei Omina kund. Dazu zählten auch die Bewegungen der Wandelsterne. Priesterastronomen studierten den Himmel und überlieferten die Beobachtungen an die folgenden Generationen. Im 4. Jahrhundert entdeckten sie jene Großperioden, nach denen sich bestimmte Phänomene wiederholten – etwa der erste und letzte beobachtbare Aufgang eines Planeten in der Dämmerung.

Jetzt konnten sie auch vorhersagen, wann und wo ein Planet im Tierkreis innehalten, umkehren, abermals stehen bleiben und dann seine ursprüngliche Laufrichtung fortsetzen würde. Diese beiden Stillstände markierten die Wendepunkte der scheinbaren planetaren Schleifenbewegung; erst Nikolaus Kopernikus sollte sie korrekt erklären. Im Jahr 7 v. Chr. zogen Jupiter und Saturn ihre Schleifen jedenfalls gemeinsam in den Fischen. Deshalb eilte Jupiter nicht einfach an Saturn vorbei, sondern schob sich gleich dreimal an ihn heran. Mitte November blieben beide fast gleichzeitig in ihrem Lauf stehen: Damals, so glaubt Occhieppo, erreichten die Weisen Bethlehem. Sie hatten den Stillstand wohl vorher berechnet. Den Sternkundigen galt Jupiter als Symbol des höchsten Gottes Marduk, der in enger Beziehung zum babylonischen König stand. Er verdiente somit höchste Beachtung. Der Windgott Ninurta offenbarte sich im viel langsameren Saturn, akkadisch "Kewan" genannt. Ein von den Israeliten gepflegter Götzenkult des Kewan wurde einst vom Propheten Amos verflucht – für Ferrari Indiz einer astrologischen Verbindung zwischen Saturn und den Juden. Die wird von Kritikern allerdings bezweifelt. Im Sternbild der Fische erblickten babylonische Astrologen laut Ferrari den Länderbogen zwischen Mesopotamien und Unterägypten. Die Dreifachkonjunktion fand im westlichen Teil der Fische statt. Dieser habe, so mutmaßt er, Palästina bedeutet. Auch dies stößt auf Kritik.

Lässt man alle Einwände beiseite, könnte das babylonische Omen gelautet haben: Ein König (Jupiter) wird dem Volk der Juden (Saturn) in Palästina (Teil der Fische) geboren.

Vielleicht schimmert im Matthäus-Evangelium bloß die Erinnerung an ein Himmelsphänomen durch, das zeitlich gar nichts mit Jesu Geburt zu tun hatte. Vielleicht ist das Gestirn nur Symbol, um an alte Erlösungsverheißungen anzuknüpfen: So würde nach dem vierten Buch Moses dereinst ein Stern aus Jakob aufgehen. Sollte hier aber doch eine reale Himmelserscheinung gemeint gewesen sein, wäre Occhieppos Stern ein plausibler Kandidat.

Literatur: #

Konradin Ferrari d’Ochieppo:Der Stern von Bethlehem in astronomischer Sicht. Brunnen-Verlag, Gießen 2003, 207 Seiten.

Christian Pinter, geboren 1959, schreibt seit 1991 über astronomische Themen im "extra".

Wiener Zeitung, Freitag, 07. Dezember 2007