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Ein Delfin weiß, wie er heißt#

Große Tümmler reagieren als einzige Säugetiere außer Menschen auf ihre Namen#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Mittwoch, 24. Juli 2013)


Gezielte Ansprache und Antwort mit speziellen Pfeiftonfolgen ab der Kindheit.#

Delfine
Auf den Pfiff kommt es an: Nicht nur junge, sondern auch erwachsene Tümmler nutzen ihre Namen, um zu kommunizieren.
© corbis

Wien. (est) Wenn die Analyse stimmt, sind sie die ersten Säugetiere nach dem Menschen, denen diese Fähigkeit nachgewiesen wird: Delfine hören auf ihren eigenen Namen. Das berichten Forscher aus dem Vereinigten Königreich in den "Proceedings der National Academy of Sciences".

Bereits bekannt war, dass junge Delfine in ihren ersten Monaten für sich selbst einen Namen entwickeln. Große Tümmler hören nach der Geburt besonders genau auf ihre Umwelt, um schließlich eine bestimmte Pfeiftonfolge zu entwickeln, die ausschließlich sie selbst bezeichnet. Wenn der Name einmal feststeht, können sich das Jungtier und seine Mutter gezielt zurufen, falls sie sich aus den Augen verlieren. Das ist wichtig, weil die Jungtiere drei Jahre lang von der Mutter abhängig sind.

Rufe dienen Zusammenhalt in der Gruppe#

Einmal gelernt, verliert der Name jedoch ein ganzes Tümmlerleben nicht an Bedeutung, denn die Namen werden bis ins Erwachsenenalter genutzt. Treffen zwei Gruppen aufeinander, pfeift jedes Tier zur Begrüßung den seinen, damit alle wissen, wer da ist. Auch bei der Jagd koordinieren sich die Gruppenmitglieder über die Signaturen. Tiere, die sich sehr nahestehen, wie Mutter und Kalb oder erwachsene Männchen, die dauerhafte Allianzen bilden, kopieren auch die Signaturpfiffe ihrer Begleiter, um sie über größere Distanzen zu rufen.

Die Meeresbiologen Stephanie King und Vincent Janik von der St. Andrews Universität in Edinburgh King wollten wissen, ob Delfine auch auf ihre Namen antworten - so wie ein Mensch antwortet, wenn er gerufen wird. "Es handelt sich um den ersten wirklichen Beweis, dass in der Tierwelt Namen und Anreden existieren", so King.

Die Forscher folgten 200 Großen Tümmlern an der Ostküste Schottlands über Jahre hinweg, nahmen deren Rufe auf und analysierten diese. Danach spielten sie den Tieren im Wasser verschiedene der aufgenommenen Signaturpfiffe vor. Fühlte sich ein Tier namentlich angesprochen, wiederholte es innerhalb von einer Minute den Pfiff. Auf die Signatur bekannter Artgenossen reagierten sie dagegen sehr oft, indem sie diese wiederholten. Fremde Namen pfiffen sie hingegen nicht als Antwort zurück.

Delfine zählen neben Vögeln, Walen, Papageien oder Fledermäusen zu den wenigen Tierarten, die Töne erfinden und nachahmen können. Die Tatsache, dass die Delfine die Signale ihrer Bekannten als Namen nutzen, mit denen sie diese ansprechen und deren Aufmerksamkeit erhalten können, gehe jedoch über das von Vögeln bekannte Kopieren von Lauten hinaus, betonen die Forscher. Aus der individuellen Art der Ansprache schließen sie auf Parallelen zwischen der Kommunikationsweise von Menschen und Delfinen.

Objekten oder Personen Namen und Bezeichnungen zu geben, diese zu lernen und sich darüber auszutauschen, gilt als grundlegender Aspekt menschlicher Sprache. Zwar vermitteln Tiere ihren Artgenossen, wo Futter zu finden ist oder dass Gefahr droht. Doch diese Sorte von Kommunikation ist meist angeboren. "Tiere vermitteln die Existenz spezifischer Objekte oder Objektklassen mit spezifischen akustischen Signalen", erklärt Janik: "Delfine gehören zu den seltenen Beispielen von Tieren, die Bezeichnungen lernen." Diese Form der Kommunikation sei eine Grundlage für Gruppenzusammenhalt und eine Voraussetzung für die Entwicklung komplexer Systeme.

Der Mensch bildet im Laufe seines Lebens seine Identität aus. In westlichen Gesellschaften dient der Name unter anderem dazu, diese Identität in der Interaktion mit anderen Menschen beizubehalten. In manchen afrikanischen Stämmen erhalten Kinder hingegen die Namen ihrer Clans, hier läuft die Identifikation weniger über den individuellen Namen als über jenen der Gruppe. Die genaue Rolle, die Identität für Delfine spielt, ist offen. Janik sieht jedoch in der Pfiffsignatur "einen Code für individuelle Identität, die unabhängig ist von der Funktion von Lauten".

Wiener Zeitung, Mittwoch, 24. Juli 2013