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Tötet die Klimaerwärmung unsere Alpenflora? (Essay)#

Michael Gottfried

Seit der letzten großen Eiszeit, vor etwa 12.000 Jahren, hat sich die Atmosphäre um 4–5 °C erwärmt. Bis 2100, in nur 100 Jahren, wird uns eine Temperaturzunahme von bis zu 6 °C vorhergesagt.

Dass diese starke und vor allem extrem rasche Klimaerwärmung drastische Folgen für das Leben auf der Erde haben wird, leuchtet uns allen ein. Besonders in den Alpen, in Gebirgen generell, sind viele Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, sagen Klimawandelforscher.

Warum? Temperatur ist der bestimmende Klimafaktor, der die artenreichen Lebenssysteme unserer Gebirge organisiert. Sie nimmt mit zunehmender Seehöhe ab.

Auf bestimmte Kälte- Schwellenwerte reagiert die Waldgrenze ebenso wie der Übergang von der alpinen Graslandschaft zur Gletscherregion. Viele Alpenpflanzen sind perfekt angepasst an diese – noch – kalten, aber bunten und einzigartigen Lebensräume im Hochgebirge: Die Fläche oberhalb der heutigen Waldgrenze macht in Europa etwa drei Prozent aus. In dieser Zone, und nur dort, leben über 2.500 Pflanzenarten. Das sind 20%der Flora des Kontinents. Dazu zählen solch attraktive Arten wie Edelweiß und Enzian, wie Steinbrech, Gletscher- Hahnenfuß und Alpen-Mannsschild.

Erhöhen wir durch CO2-Ausstoß die Temperatur, drängen wir diese Lebewesen nach oben. Wärmeliebende Pflanzen aus tieferen Regionen wandern in die Hochlagen ein und verdrängen dort die Kälte-Spezialisten.

Diese sind zum Ausweichen nach oben gezwungen, bis ihnen der Raum ausgeht, denn Bergspitzen sind eben nicht höher, als sie sind.

Soweit die Theorie. Was wurde bisher beobachtet? Aus einigen europäischen Gebirgen wie dem Ural, aus Skandinavien und dem Balkan gibt es bereits Befunde über einen Anstieg der Waldgrenze.

Detaillierte Untersuchungen aus den Alpen zeigen, dass manche Arten der alpinen Graslandschaft bereits in die darüber liegenden Fels- und Schuttregionen einwandern. Zwar verlaufen diese Vorgänge – nach menschlichem Zeitempfinden – langsam, sie sind für den Bergwanderer kaum wahrnehmbar, und ihre Erfassung erfordert exakte wissenschaftliche Beobachtungsreihen. In geologischen Zeiträumen gerechnet laufen diese Bewegungen aber schneller denn je ab, vermutet man.

Stellen wir eine einfache Rechnung an. Heute liegt dieWaldgrenze in den Alpen bei durchschnittlich 1.900 Meter. Pro 100 Höhenmetern nimmt die Temperatur um etwa 0,7 °C ab. Sechs Grad Erwärmung könnten eine Verschiebung der Waldgrenze auf 2.750Meter erzwingen. Das würde die waldfreien Hochzonen der Alpen um 85 % ihrer Fläche reduzieren!

Nun ist diese Rechnung eine sehr grobe Verallgemeinerung unter Vernachlässigung anderer Einflüsse wie etwa der Alpwirtschaft. Die Dimension der zu erwartenden Veränderungen mag sie aber verdeutlichen.

Viele Gebirgszüge im Alpenraum, die heute noch Raum für bunte Gras- und Felsfluren geben, wären damit nahezu vollständig bewaldet, und das in 100 Jahren. Nun weiß man, dass die meisten Pflanzen aufgrund ihrer Ausbreitungsbiologie mit dieser Geschwindigkeit gar nicht Schritt halten können.

Im Grunde ist es aber unerheblich, ob sich diese Szenarien schon 2100 oder erst in einigen hundert Jahren verwirklichen. Stattfinden werden sie.

Tötet die Klimaerwärmung also die Alpenflora? Teilweise ja! Wohl werden sich manche Pflanzenarten noch lange halten können, etwa an Felswänden, die sich aufgrund ihrer Steilheit gar nicht bewalden können. Ein großerTeil der alpinen Flora wird aber zweifellos unter die Räder der Weltveränderung kommen, die wir verursachen.

Damit zerstören wir eine Region, die vielfältige Funktionen trägt, für die Wasserversorgung des Tieflandes, für den Tourismus der Gebirgsanrainerstaaten, für die genetische Artenvielfalt der Welt. Und das nicht nur in den Alpen.

Der Mensch beeinflusst damit Gebiete, die er selbst noch kaum betreten hat, etwa entlegene Gegenden der Anden, des Himalayas und im Osten Sibiriens.

Vegetationsstufen in den Alpen

– Hügelstufe (kolline Stufe) = bis ca. 500 m; vom Tiefland bis zur oberen Grenze des Weinbaus, umfasst alpine Tallagen
– Untere Bergstufe (submontane Stufe) = bis ca. 1.000 m; Waldstufe mit Buchen, Linden, Eichen, Kastanien
– Obere Bergstufe (hochmontane Stufe) = bis ca. 1.500 m; Waldstufe mit Bergwald aus Buchen, Fichten, Tannen, Föhren
– Subalpine Stufe = bis ca. 2.000 m; Waldgrenze, Krummholz- und Alpenrosenzone, Lärchen, Zirben – Alpine Stufe = bis ca. 2.500/3.200 m (oberhalb der Baumgrenze); Zwergstrauch- und Grasheidenzone, Latsche, Strauchbuchen, Straucherlen
– Schneestufe (nivale Stufe) = ab 2.500 bis 3.000 m; Pionierrasen, Moose, Flechten


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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