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Genie oder Schizophrenie #

Wahnsinnig genial: Wie viel Wahn steckt tatsächlich im Musenkuss? Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema Kreativität unter Federführung des Instituts für Psychologie der Karl-Franzens- Universität Graz versucht diese Frage nun aus verschiedenen Perspektiven auszuleuchten.#


Der Artikel wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von dem Forschungsmagazin der Karl-Franzens-Universität UNIZEIT Ausgabe 1/2013


von

Julia Schafferhofer


Vincent van Gogh: Selbstbildnis mit Strohhut 1887/88
Vincent van Gogh: Selbstbildnis mit Strohhut 1887/88. Der geniale Maler litt unter Anfällen von Depression und Wahnvorstellungen.
Foto: Wikimedia

Man hat ihnen zeitlebens vieles verziehen: Wolfgang Amadeus Mozart zum Beispiel unterzeichnete seine Briefe öfter einmal mit „Herzlichst Ihr Süssmaier Scheißdreck“, Vincent van Gogh soll sich sein Ohr in einem manischen Anfall abgeschnitten haben, Grunge-Musik-Legende Kurt Cobain oder Sängerin Amy Winehouse wurden selbst während zugedröhnter, katastrophaler Bühnenauftritte umjubelt und Karl Lagerfeld verzeiht man ob seiner Modeschöpfungen den Wahn nach Dürre auf seinen Laufstegen und den einen oder anderen exzentrischen Auftritt. Warum? Weil ihnen allen etwas anhaftet, das sie von vielen anderen unterscheidet: das Außergewöhnliche, das Geniale. Dafür werden SchriftstellerInnen, KünstlerInnen, MusikerInnen oder ModeschöpferInnen gerne bewundert, verehrt, begehrt.

Forschungsfragen. #

Braucht Genie den Wahnsinn? Wie viel Wahn steckt tatsächlich in von der Muse geküssten Menschen? Und fördern psychologische Krankheiten die Kreativität? Sind sie gar der Preis der Genialität? Das untersucht nun ein interdisziplinärer Forschungsschwerpunkt zum Thema Kreativität unter Federführung des Psychologie- Instituts der Karl-Franzens-Universität Graz. Im Rahmen der jungen Initiative „BioTechMed- Graz“ widmet man sich dieser Frage aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Perspektive in Kooperation mit der Medizinischen Universität Graz und der TU Graz. „Wir werden konkret die Frage untersuchen: Was haben kreative Menschen mit jenen mit Hang zu Psychopathie gemein?“, erklärt der Psychologe Assoz. Univ.-Prof. Dr. Andreas Fink.

Kreativer Wahnsinn. #

Bei vielen KünstlerInnen sind psychische Krankheiten überliefert, teilweise auch mit empirischen Befunden. Vor wenigen Monaten hat das Karolinska-Institut aus Schweden dazu die umfassendste Analyse vorgelegt. Dazu wurde bei 1,2 Millionen PatientInnen mit psychiatrischen Erkrankungen die Häufigkeit kreativer Berufe in Bereichen der Kunst und der Wissenschaft im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen untersucht. Das Ergebnis: Menschen in Berufen mit hohen Kreativitätsanforderungen hätten ein höheres Risiko, an einer bipolaren Störung oder einem Wechsel zwischen depressiven und manischen Zuständen zu erkranken. Und: Besonders gefährdet seien SchriftstellerInnen. Der Umkehrschluss – je kreativer, desto kränker – trifft jedoch nicht zu. Ein genereller Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn konnte demnach nicht nachgewiesen werden.

„Bestimmte Denk- und Wahrnehmungsmuster sind bei schizotypen und hoch kreativen Menschen durchaus vergleichbar. Jedoch geht Kreativität in der Regel nicht mit starken Krankheitsausprägungen einher“, erzählt Andreas Fink. Ein Beispiel: Sowohl KünstlerInnen als auch geistig Erkrankte würden die Welt mit einer breiter ausgerichteten Aufmerksamkeit, vielleicht auch mit weniger stark ausgeprägten Filtermechanismen wahrnehmen, wodurch zahlreiche und sehr mannigfaltige Eindrücke aus unserer Umgebung Eingang in die bewusste Wahrnehmung finden könnten. „Allerdings lassen Befunde in diesem Bereich keinerlei Aussagen über Ursache und Wirkung zu“, betont Fink. Hier steht die Kreativitätsforschung mit den Methoden der Neurowissenschaft und der konsequenten technischen Weiterentwicklung im Bereich bildgebender Verfahren erst am Anfang.

Wie definiert die Forschung überhaupt Kreativität? „In der Psychologie wird sie sehr häufig als Fähigkeit beschrieben, etwas Originelles, Ungewöhnliches oder Neuartiges zu schaffen, das innerhalb eines gesellschaftlichen Rahmens auch von Nutzen sein soll“, so Fink. Kreative Menschen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie neue Perspektiven einnehmen, sich nicht mit dem Ist- Zustand zufriedengeben und bewährte Pfade verlassen. Eine bestimmte Risikofreudigkeit und ein Nonkonformismus im Denken sind dabei beobachtbar.

Genialität im Gehirn.#

Innerhalb der Forschung haben sich mehrere Wege der Messung von Kreativität etabliert: Neben Selbst- oder Fremdbeurteilungstests, die sich auf das kreative Produkt oder auf kreativitätsrelevante Einstellungen, Interessen oder Persönlichkeitsmerkmale beziehen, hat in den letzten Jahren insbesondere ein Messverfahren in diesem Bereich an Bedeutung gewonnen: die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT). In Graz steht der Forschung ein eigener Scanner zur Verfügung, der von WissenschafterInnen der Karl-Franzens-Universität, der TU Graz und der Medizinischen Universität genutzt wird. Darin untersucht man die Kreativität und wie sie im Gehirn messbar wird. „Anzumerken ist, dass sie in keinem bestimmten Gehirnareal lokalisiert ist“, informiert Andreas Fink. Vielmehr sei sie durch ein flexibles Zusammenspiel von vor allem frontalen Hirnregionen und Arealen des Scheitellappens charakterisiert.

Der Psychologe und seine KollegInnen werden das in Kreativitätstests von gesunden und psychisch kranken ProbandInnen im Tomographen untersuchen. Auch die Methode der Elektroenzephalographie (EEG) kommt zum Einsatz, um die so genannte Alpha-Aktivität zu messen.

Ziel der Forschungen sind neben der Erfassung von Faktoren für Kreativität auch praktische Anwendungen, um sie zu fördern. Sozusagen die Anleitung zum Musenkuss.

Andreas Fink ... #

ist assoziierter Universitätsprofessor und Leiter der Taskforce für Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) am Institut für Psychologie der Uni Graz. Im Rahmen seiner Forschungstätigkeit beschäftigt er sich mit kognitiven und neuronalen Grundlagen der Kreativität. Sein besonderes Interesse gilt auch der Trainierbarkeit kognitiver Fähigkeiten und den damit einhergehenden Veränderungen in neurophysiologischen Funktionen.

UNIZEIT Ausgabe 1/2013