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„Politik ignoriert die Forschung“ #

Wie problematisch ist der viel diskutierte Genmais 1507? Die Alternativen hierzu klingen wenig überzeugend, meinen Paul Blanz und Hermann Maurer. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 15. Mai 2014).

Von

Paul Blanz und Hermann Maurer


Symbolbild: Gentechnik
Pflanzen & Gentechnik. Im Zentrum der Diskussion stehen Fragen der Ernährungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Auswirkungen auf die Natur sowie auch wirtschaftliche Interessen überwiegend außereuropäischer Saatgutfirmen.
Foto: © Shutterstock

Konventionelle Pflanzenzüchtung funktioniert durch Kreuzung mit folgender Selektion: Das bedeutet man „wirft zwei Genmengen zusammen“ und wählt dann viel versprechende Kandidaten aus. Bei der Grünen Gentechnik hingegen werden gezielt ein oder mehrere Gene hinzugefügt, die für bestimmte Eigenschaften verantwortlich sind. Intuitiv ist diese Methode präziser, und es lassen sich Eigenschaften erzielen, die durch Kreuzung oft gar nicht möglich sind. Eine aktuell beispielhafte Anwendung ist der Genmais 1507, der neben der Wirkung gegen schädliche Insekten zusätzlich noch eine Herbizid-Resistenz aufweist, die eine leichtere Unkrautbekämpfung auf den Feldern ermöglicht.

Nutzen und Risken #

Die Verwendung genveränderter Pflanzen bietet dem Landwirt durch höhere Resistenz gegen Schädlinge und Trockenheit sowie durch effektivere Unkrautbekämpfung Vorteile bei Aufzucht, Pflege und Ertrag: Der höhere Preis für genverändertes Saatgut macht sich also für den Landwirt bezahlt. Die Hersteller genveränderter Sorten zielen aber nicht nur auf Pflanzen mit neuen vorteilhaften Qualitäten, die sie mit Lizenzen schützen, sondern sichern ihren Absatz durch Herstellung nicht mehr fortpflanzungsfähigen Saatguts. Die Landwirte werden abhängig von den Herstellern, indem sie das genveränderte Saatgut immer neu kaufen müssen. Die Verwendung von genverändertem Saatgut hat auch zur Folge, dass ertragreiche genveränderte Pflanzen alte, weniger ertragreiche Sorten zum Verschwinden bringen. Das bedeutet eine Verarmung der genetischen Vielfalt.

Wird dann durch überstaatliche Regelungen der Anbau alter Kultursorten gar noch verboten, so wird dieser Verlust billigend in Kauf genommen. Dies kann unter veränderten Klimabedingungen zu schwerwiegenden Problemen führen, die durch derzeitige Samenbanken nicht gelöst werden können. Dies wird aber in der Landwirtschaft wegen der höheren Erträge und der gleich bleibenden Qualität durchaus akzeptiert, wenn es nicht andere schwerwiegende Gründe dagegen gibt. So sollte man natürliche Pflanzen nicht gesetzlich verbieten, sondern es den Landwirten überlassen, ob sie natürliche oder genveränderte Sorten verwenden wollen. In der EU ist entsprechend formuliert, „dass die Landwirte unter Einhaltung der Etikettierungs- und Reinheitsvorschriften eine echte Wahl zwischen konventionellen, ökologischen oder genveränderten Produktionssystemen haben“.

Heikel ist zudem, dass Gentechnik auch negative Effekte zeigen kann. Bekannt ist, dass genveränderte Pflanzen, die ein gegen Schädlinge wirksames Gift erzeugen, auch für andere Insekten gefährlich sein können. Ferner wird immer wieder darauf verwiesen, dass genveränderte Pflanzen bei manchen Menschen Allergien auslösen könnten. Die Gefahr, dass genveränderte Pflanzen sich mit nicht genau vorhersehbaren Folgen mit natürlichen Pflanzen auskreuzen können, ist unbestritten. Deshalb ist zum Beispiel in Ländern mit Genmaisanbau ein Abstand zwischen genveränderten und anderen Anbauflächen vorgeschrieben, in der EU zwischen 50 und 300 Metern. In Österreich sind die Landwirte verpflichtet, für jedes Feld und jede Pflanzenart eine behördliche Genehmigung einzuholen, wenn genverändertes Saatgut verwendet wird.

Genmais: heftige Kontroversen #

Insgesamt ist die Freisetzung genveränderter Pflanzen mit großer Vorsicht, aber aufgrund vieler Vorteile doch in einigen Fällen ernsthaft zu überlegen. Ob die Ertragssteigerung durch genveränderten Pflanzen allerdings die Ernährungsproblematik mindert oder diese nur an der schlechten Verteilung, nicht an der Quantität der Nahrungsmittel liegt, ist unklar: Es gibt Studien, die das eine ebenso wie das andere belegen.

Gen-Tomaten
Gen-Tomaten
Foto: © Shutterstock

Die früher in Europa nicht bekannten größten Maisschädlinge haben sich in den letzten Jahren auch hierzulande stark verbreitet. So vernichten der Maiszünsler und der Maiswurzelbohrer schon heute 10 Prozent des Maisertrags in Österreich. Das mag dem Verbraucher vernachlässigbar erscheinen, ist für den Landwirt aber wegen steigender Ernteausfälle alarmierend. Der Genmais 1507 wurde genau gegen diese Schädlinge entwickelt: Er erzeugt in der Pflanze selbst ein Gift, das die im Maisstängel heranwachsenden Raupen der Schädlinge abtötet.

Die Alternativen zur Verwendung von Genmais in Österreich klingen wenig überzeugend: zunächst Veränderung der Fruchtfolge mit logistischen Problemen für viele Landwirte, dann Einstellung des Anbaus auf großen Flächen (unrealistisch!) oder Sprühen mit Insektiziden. Da die Aufnahme des notwendigen Giftes in das Innere der Maispflanze notwendig ist und dies vorwiegend über die Wurzeln erfolgt, sind große Giftmengen notwendig, um den Mais zu retten. Dies verursacht zusätzliche Kosten und erhöht den Arbeitsaufwand. Wenn auch der Anbau von Genmais in manchen Ländern verboten wurde, ist er nach vielen Kontroversen in der EU seit 2006 auch als Lebensmittel zugelassen. Er wird heute in Europa in mehreren Ländern angebaut, nicht jedoch in Österreich und Deutschland.

Vertreter der Industrie verweisen auf Ertrags- und Einkommenssteigerungen, Reduktion von Herbiziden und damit geringere Umweltbelastung sowie eine erleichterte Unkrautbekämpfung. Umwelt- und Verbrauchergruppen hingegen gehen von ökologischen und gesundheitlichen Gefahren aus. Die Wissenschaft ist gespalten. Mögliche Gesundheits- und Umweltrisiken bleiben in der EU Gegenstand heftiger Kontroversen. Munition dafür sind Studien, die negative Effekte von Genmais belegen. Tatsächlich wurden aber alle uns bekannten Studien mit negativen Behauptungen mit so kleinen Stichproben durchgeführt, dass die Aussagen keinen statistischen Wert haben. Meta-Studien für Genmais hingegen kommen, so weit wir das feststellen konnten, nie zu negativen Auswirkungen.

Industrieprodukte. Gentechnisch veränderte Pflanzen dienen auch zur Herstellung von Industrieprodukten wie Biokraftstoffe , Enzyme, biologisch abbaubares Plastik, Schmieröle oder pharmazeutische Produkte.
Industrieprodukte. Gentechnisch veränderte Pflanzen dienen auch zur Herstellung von Industrieprodukten wie Biokraftstoffe, Enzyme, biologisch abbaubares Plastik, Schmieröle oder pharmazeutische Produkte.

Emotionsfreie Politik gefragt#

Es ist zunächst überraschend, dass sorgfältige Forschungsergebnisse von der Politik ignoriert werden. Dafür finden sich zwei Gründe: Erstens kommt der Genmais 1507 von der US-Saatgutfirma Pioneer. Dafür, dass man eine solche Abhängigkeit nicht goutiert, hat man als Europäer Verständnis. Wenn man aber bedenkt, dass wir dann entweder mit der Pestizid-Keule in gefährlichem Ausmaß für Mensch und Natur agieren oder eine Flut von Container-Schiffen, die mit dem Futtermittel Mais über den Atlantik kommt, leben müssen, scheint der Genmais doch die bessere Lösung zu sein – zusammen mit dem Aufbau einer Saatgut- Industrie in Europa. Zweitens wird der emotionale Widerstand gegen Genmais auch aus wahltechnischen Überlegungen sehr ernst genommen: Man will doch keine Wähler vergrämen!

Für Deutschland wie für Österreich birgt die zögerliche Haltung der Politik gegenüber der Grünen Gentechnik noch eine andere Gefahr in sich: Angewandte Forschung auf diesem Gebiet erfolgt in jenen Ländern in weit höherem Maße, wo sie in der Praxis erprobt werden kann. Unsere Forschungseinrichtungen werden durch die pauschale „Gen-Hysterie“ behindert, unser wissenschaftlicher Nachwuchs wird in diesem Bereich schlechter als in vielen anderen Industriestaaten ausgebildet. Dies kann sich künftig zu einem auch wirtschaftlich spürbaren Manko entwickeln.

Inzwischen wächst das Anbauvolumen von Genmais kontinuierlich und liegt weltweit bereits bei über 35 Prozent. Bis heute sind keine negativen Folgen bekannt. Allerdings ist festzuhalten, dass der Anbau genveränderter Pflanzen für jede einzelne Art und Sorte zu prüfen ist. Sorglosigkeit ist gegenüber der Gentechnik ebenso fehl am Platz wie pauschale Ablehnung. Das gilt auch für das politische Handeln: Hier könnte wirklich nur eine emotionsfreie, rationale Politik weiterhelfen.

Paul Blanz ist Professor am Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Graz; Hermann Maurer ist Professor (em.) für Informatik an der TU Graz

GENTECHNIK-ANBAU

Kampf um EU-Regelung#

Während in den USA und Lateinamerika der Anteil genveränderter Pflanzen seit den 1990er-Jahren immer stärker gewachsen ist, hat sich in der EU bisher nur eine Gentech-Pflanze im Anbau durchgesetzt: der Genmais MON 810 des Agrarkonzerns Monsanto. 90 Prozent des Gesamtanbaus in der EU fällt dabei auf Spanien. Andere Länder haben ein Anbauverbot für MON 810 verhängt, darunter auch Österreich.

Eine kontroverse Debatte zur Anwendung der Grünen Gentechnik in Europa hat sich nun anlässlich des Zulassungsverfahrens einer weiteren Genmais-Sorte (1507) entzündet, die vom Saatgut-Konzern Pioneer Hi-Bred hergestellt wird. Dieser Mais weist zwei gentechnisch bedingte Eigenschaften auf: Er bildet ein Insektengift, das gegen die größten Maisschädlinge wirksam ist, und ist resistent gegenüber dem Herbizid-Wirkstoff Glufosinat. Auch ein nationales Selbstbestimmungsrecht für Gentech-Verbote wird derzeit diskutiert. Die EU-Ratspräsidentschaft hat eine „Opt-out“- Klausel vorgeschlagen: Damit sollen EU-Staaten entscheiden können, ob sie den Gentechnik-Anbau verbieten wollen. Dass der Vorschlag den Biotech-Konzernen ein Mitspracherecht einräumt, stößt teils auf heftige Kritik. Zudem werden Verbesserungen im EU-Zulassungsverfahren für Gentech-Pflanzen angemahnt: Denn Langzeitrisiken oder Nachteile für die Landwirtschaft würden im aktuellen Zulassungssystem nicht berücksichtigt. (mt)

DIE FURCHE, Donnerstag, 15. Mai 2014


Siehe dazu auch den interessanten Beitrag "Die Bedrohung der Umwelt" #