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„Die Versprechen haben sich nicht bewahrheitet“ #

Grüne Gentechnik sei keine Lösung, meint Heidemarie Porstner von GLOBAL 2000: Der Anbau genveränderter Pflanzen zeige bereits negative ökologische, soziale und gesundheitliche Auswirkungen. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 15. Mai 2014).

Von

Heidemarie Porstner


Stempel: GMO-free
Stempel: GMO-free
Foto: © Shutterstock

Die Diskussion um den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen bewegt sich nicht nur in Europa im Spannungsfeld zwischen Politik, den Interessen multinationaler Agrochemie- Konzerne und den Bedenken von Umweltschutz-Organisationen und Konsumenten. Der jüngste Bericht von Friends of the Earth International zeigt, dass auch in den Ländern des Südens – in Lateinamerika, Afrika, aber auch in Indien – der Widerstand gegen die Grüne Gentechnik immer stärker wird. Denn die Versprechen, die man den Bauern dort gegeben hat, haben sich nicht bewahrheitet. Weder ließen sich die Erträge dauerhaft steigern, noch konnte der Pestizideinsatz reduziert werden. Die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen in Anbaugebieten, aber auch die Folgen für die Umwelt und die kleinbäuerliche Landwirtschaft sind dort bereits deutlich sichtbar.

Derzeit wird gerade die Anbauzulassung des Genmais 1507 des Saatgut-Konzerns Pioneer heftig diskutiert. Vor einer Zulassung müssen in der EU die möglichen Risiken für Mensch, Tier und Umwelt erhoben werden, die mit dem Anbau einer gentechnisch veränderten Pflanze einhergehen können. Das Problem jedoch ist evident: Im Falle von Genmais 1507 weisen diese Risikobewertungen einige wesentliche Lücken auf.

Die Wirkung des Insektengiftes, das der genveränderte Mais produziert, muss auch für so genannte „Nicht-Ziel-Organismen“ erhoben werden: Denn neben Schädlingen wie dem Maiszünsler können durch das Insektizid auch zahlreiche nützliche Schmetterlings- und Falterarten geschädigt werden. Hinweise darauf gibt es, doch wurden die tatsächlichen Auswirkungen im Zusammenhang mit dem Insektizid des Genmais 1507 nicht ausreichend untersucht. Studien zu den Auswirkungen auf Honig- und Wildbienen fehlen gänzlich. Auch mögliche Schädigungen von wichtigen Boden- und Wasserorganismen wurden nicht oder nur unzureichend untersucht. Dennoch kam die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zu dem Schluss, der Genmais 1507 könne für den Anbau zugelassen werden.

Fehlende Studien #

Neben der Insektenresistenz spielt die Resistenz gegenüber Herbiziden eine wichtige Rolle bei genveränderten Pflanzen. Im aktuellen Fall des Genmais 1507 ist es der Wirkstoff Glufosinat, der mit einem entsprechenden Anbau auch in der EU vermehrt eingesetzt würde. Glufosinat kann sich schon in geringen Mengen schädigend auf Föten im Mutterleib auswirken. Erhebungen darüber, wie sich die Anwendung von Glufosinat im Zusammenhang mit Genmais 1507 auf die Umwelt auswirkt, wurden nicht durchgeführt. Frühere Studien zeigen jedoch, dass Glufosinat Boden- und Wasserorganismen schädigen kann und sogar einige Süßwasserfische dadurch gefährdet sind. Bewertungen der EFSA fehlen hier ganz.

Debatte um Genmais.In der EU hat sich bislang nur der Genmais MON 810 des Agrarkonzerns Monsanto für den Anbau durchgesetzt. Ob der derzeit umstrittene Genmais 1507 des Agrarkonzerns Pioneer ebenfalls zugelassen wird, obliegt nun der EUKommission., Foto: © Shutterstock
Debatte um Genmais.In der EU hat sich bislang nur der Genmais MON 810 des Agrarkonzerns Monsanto für den Anbau durchgesetzt. Ob der derzeit umstrittene Genmais 1507 des Agrarkonzerns Pioneer ebenfalls zugelassen wird, obliegt nun der EUKommission.
Foto: © Shutterstock

Die Risikobewertungen sind auch nach Ansicht vieler Mitgliedsstaaten der EU nicht ausreichend. Im Februar hat sich die Mehrzahl der Mitgliedsstaaten gegen eine Anbauzulassung des Genmais 1507 ausgesprochen, doch fehlten hier die Stimmen der stärkeren Länder wie Deutschland und Großbritannien. Deshalb konnte keine „qualifizierte Mehrheit“ erreicht werden, bei der über 70 Prozent der Stimmen notwendig sind. Da auf diesem Wege keine Entscheidung getroffen werden konnte, obliegt es jetzt der EU-Kommission, ob sie diesen Genmais zulässt oder nicht.

Mitspracherecht für Konzerne #

Doch die EU-Kommission ist unter Druck geraten. Denn der Agrarkonzern Pioneer hat sie verklagt, weil das Verfahren für die Anbauzulassung einige Jahre auf Eis gelegen ist, und er hat Recht bekommen. Eine Entscheidung zum Anbau ist nach wie vor offen.

Inzwischen wird auf EU-Ebene an einem Vorschlag für ein nationales Selbstbestimmungsrecht gearbeitet. Dieses soll Mitgliedsstaaten die rechtliche Grundlage liefern, in ihrem Land Gentechnikanbau zu verbieten, selbst wenn eine genveränderte Pflanze EUweit zugelassen ist. Dieser Vorschlag beinhaltet als ersten Schritt folgendes Vorgehen: Wenn ein Mitgliedsstaat keinen Gentechnik-Anbau möchte, soll er sich über die EU-Kommission an den Antragsteller, also den jeweiligen Konzern wenden. Willigt der Konzern ein, kann der Mitgliedsstaat auf seinem Gebiet den Anbau der genveränderten Pflanze verbieten. Lehnt der Konzern ab, müssen weitere Verfahrensschritte eingeleitet werden, damit der Mitgliedsstaat trotzdem frei von Gentechnik- Anbau bleiben kann.

Die Entscheidung über diesen Vorschlag soll in den nächsten Wochen im EU-Ministerrat fallen. Viele Staaten wollen eine schnelle Lösung für ihr eigenes Land, bevor weitere genveränderte Pflanzen zugelassen werden. Aber um welchen Preis?

Soll den Agrochemie-Konzernen tatsächlich noch mehr Mitspracherecht eingeräumt werden? Klar ist: Die Risiken der Grünen Gentechnik für Mensch, Tier und Umwelt sind bei weitem nicht ausreichend abschätzbar und eine große Mehrheit der Konsumenten und Landwirte in der EU steht diese Risikotechnologie sehr kritisch gegenüber. Doch es wird weitere Anträge für Anbauzulassungen geben. Und der Druck auf die EU wächst, nicht zuletzt durch das geplante Handelsabkommen mit den USA. Sollen also wieder einmal Konzerninteressen über jene der Bevölkerung gestellt werden?

Heidemarie Porstner ist Gentechniksprecherin von GLOBAL 2000 in Österreich.

DIE FURCHE, Donnerstag, 15. Mai 2014