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Handarbeit statt Klettern#

Vormenschen konnten gehen, sich aber auch in Baumkronen zurückziehen#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 27. Oktober 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Roland Knauer


Knochen eines Australopithecus-afarensis-Mädchens
Die Knochen der rechten Schulter eines Australopithecus-afarensis-Mädchens waren nach dem Tod bis hinter den Oberkiefer hochgeschoben worden.
© Zeresenay Alemseged/Dikika Research Project

Welche Schlüsse Anthropologen aus den Fossilien eines Urzeit-Mädchens ziehen.#

Berlin. Vor gut drei Millionen Jahren lebten die Vormenschen der Art Australopithecus afarensis offenbar gleichzeitig in zwei Welten. Hüfte, Beine und Füße eigneten sich hervorragend, um auf zwei Beinen über die Savannen Afrikas zu traben. Das zeigten bereits 1974 die fossilen Knochen eines Individuums, das man nach einem damals beliebten Song der Beatles "Lucy" nannte. Schulter, Arme und Hände dieser Art ähneln dagegen zum Teil verblüffend den Gliedmaßen, mit denen sich Schimpansen und junge Gorillas noch heute durch das Kronendach des Regenwaldes hangeln. In einem gerade in "Science" erschienenen Artikel demonstrieren das Zeresenay Alemseged von der Kalifornischen Akademie der Wissenschaften in San Francisco und David Green von der Midwestern University Downers Grove im US-Bundesstaat Illinois mit Hilfe der Schulterknochen der in Äthiopien gefundenen Fossilien eines Australopithecus-afarensis-Mädchens.

"Bisher gab es zwei sehr unterschiedliche Theorien über die Entwicklung von einem kletternden Affen zum zweibeinigen Menschen", erklärt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. In seiner Abteilung hatte Zeresenay Alemseged 2006 seinen ersten Artikel über die Fossilien des ungefähr dreijährigen Mädchens veröffentlicht, die er kurz vor Weihnachten 2000 in der äthiopischen Tiefebene gefunden hatte. "Das Skelett ist fast vollständig, sogar etliche kleine Knochen existieren noch, die bei den allermeisten anderen Fossilien längst verschwunden sind", erläutert Jean-Jacques Hublin die Bedeutung dieses Fundes. Das aber lieferte die Chance, eine alte Streitfrage in der Frühmenschenforschung zu entscheiden.

Eine Fraktion hatte angenommen, dass die ersten Vormenschen sich vollständig vom Leben in den Baumkronen verabschiedeten, sobald sie sich zu einem Zweibeiner entwickelt hatten. "Savanne oder Wald" könnte man diese Position nennen, beide Lebensstile zugleich schienen diesen Forschern unvereinbar. Andere Wissenschafter aber glaubten, dass der offensichtliche Zweibeiner Australopithecus afarensis sowohl im Dauerlauf durch die Savanne streifen wie auch geschickt im Geäst klettern konnte. Die Schulterknochen des dreijährigen Mädchens geben jetzt dieser "Savanne und Wald"-Fraktion recht.

Überlegenheit der Affen#

So ist die Gelenkpfanne der Schulter, die den Oberarmknochen umgibt, beim Australopithcus-Mädchen ein wenig nach oben gerichtet. Ihre Arme konnten daher geschickt Äste weit über dem Kopf greifen und waren so eine ideale Voraussetzung für einen guten Kletterer, wie es junge Gorillas und Schimpansen noch heute sind. Bei Menschenbabys dagegen ist diese Gelenkpfanne leicht nach unten gerichtet und die Stellung der Arme zum Klettern viel weniger geeignet. Erst die Gelenkpfanne eines erwachsenen Menschen zeigt ungefähr waagrecht, stellen Zeresenay Alemseged und David Green fest.

Die für Kletterer gute Ausrichtung nach oben aber erreicht die Schulter beim modernen Menschen nie mehr. Das ist ein wichtiger Grund, aus dem uns Schimpansen und junge Gorillas im Kronendach des Regenwaldes haushoch überlegen sind. Australopithecus-Vormenschen konnten in dieser Disziplin vermutlich mithalten. Erwachsene Gorilla-Männchen dagegen sind für akrobatische Kletterkünste zu schwer. Sie müssen aber auch keine Raubtiere am Boden fürchten, während sich Australopithecus-Menschen vor einem Löwen auf sichere Bäume retten konnten.

Weshalb aber hat die Menschheit in ihrer Entwicklung überhaupt die guten Kletterarme ihrer Vorfahren aufgegeben? "Da spielte vermutlich das geschickte Hantieren mit Gegenständen und Werkzeugen eine wichtige Rolle", überlegt Max-Planck-Forscher Jean-Jacques Hublin. Als das Leben in den Bäumen allmählich aus der Mode kam, wurde auch die Hand langsam umgebaut. Heute können wir mit dem Daumen und einem beliebigen anderen Finger daher hervorragend ein Ei oder ein Werkzeug halten. Schimpansen und Gorillas gelingt das dagegen nur mit Daumen und Zeigefinger sehr gut. Das aber machte den Weg frei für die Handarbeit, die noch heute für den Menschen typisch ist.

Wiener Zeitung, Samstag, 27. 10. 2012