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Dr. Herbert Hönel (1890 – 1990)#

Erfinder der Wasserlacke und ein Pionier auf dem Gebiet des Umweltschutzes#


Von

Mag. pharm. Dr. Bernd Mader


Gedenktafel für Herbert Hönel
Abb. 1: Gedenktafel für Herbert Hönel
Foto und © Dr. Bernd Mader

Im September 2013 wurde in Graz am Haus Universitätsstrasse 27 eine Gedenktafel angebracht, die erinnern soll, dass in diesem Haus Dr. Herbert Hönel seine Jugendjahre verbracht hat (Abb. 1). Ich glaube nicht fehl zu gehen, dass nur sehr wenigen Grazern dieser hervorragende Wissenschafter, der auch auf dem Gebiet des Umweltschutzes Vorbildhaftes geleistet hat, ein Begriff ist. Diese kurze Arbeit soll seinem bemerkenswerten Leben und Wirken gewidmet sein.

Am 13. Februar 1890 wurde er als viertes Kind von DI. Georg Hönel und seiner Frau Anna in Graz geboren. Aus Schlesien zugezogen, hatte der Vater Georg Hönel in Graz eine Baufirma gegründet und sich hier niedergelassen.

Die Familie wohnte in der Schubertstrasse 11 (heute Universitätsstrasse 27-28) (Abb. 2). Herbert Hönel besuchte die evangelische Volksschule und anschließend ab 1900 das zweite Staatsgymnasium (heute Lichtenfelsgymnasium). Krankheitsbedingt musste er pausieren. Als Externist machte er die Aufnahmsprüfung in die achte Klasse in Leoben, wo er auch im Juni 1908 maturierte.[1]

Von 1908 bis 1913 studierte Hönel an der Karl-Franzens-Universität in Graz Chemie und Physik. 1913 legte er seine Dissertation „Versuche über die elektromotorische Kraft in Aceton und Aceton-Wassermischungen“ vor und bestand die abschließenden Prüfungen mit Auszeichnung.[2]

Nach einer kurzen Anstellung in Geisenheim am Rhein, wo er in der Weinbranche beschäftig war, musste er 1915 zur k. u. k Armee einrücken. Er kam zur Feldartillerie und mit ihr auf den östlichen Kriegsschauplatz, wo er hauptsächlich in Galizien zum Einsatz kam. 1918 musterte er als Leutnant ab.

1919 trat Herbert Hönel in die Fa. Kurt Albert in Biebrich am Rhein ein und kam so erstmals in Kontakt mit der Lackindustrie. Als die Firma wirtschaftlich in Schwierigkeiten kam, kehrte er nach Österreich zurück. Hier fand er 1926 eine Anstellung in der Lackfabrik Reichhold-Flügger-Böcking in Wien, wo er sich mit der Herstellung von Kunstharzen beschäftigte.[3]

Gebäude Universitätsstrasse 27-28
Abb. 2: Universitätsstrasse 27-28
Fotot und © Dr. Bernd Mader

Um Kunstharze möglichst ökonomisch herzustellen, wandte Hönel sich an seinen ehemaligen Studienkollegen Alois Zinke (1892-1963), der intensiv auf diesem Gebiet forschte und mittlerweile an der Grazer Universität zum Extraordinarius für pharmazeutische und organische Chemie aufgestiegen war. Diese Zusammenarbeit erwies sich als sehr fruchtbar. Zahlreiche Patentschriften Hönels belegen das. Aus dieser Zusammenarbeit gingen „entscheidende Impulse“ aus und Zinkes Institut, mit seinen Mitarbeitern, die späteren Professoren Erich Ziegler und Gustav Zigeuner, wurde ein international anerkanntes Zentrum der Phenolharz- und Harnstoffharz-Chemie.[4]

Während des 2. Weltkrieges arbeitete Hönel in Wien und Hamburg. 1947 kehrte er nach Österreich zurück. Es zog ihn nach Graz. Hier wurde er zum Mitbegründer der VIANOVA-Kunstharz AG. Als finanzielle Basis dienten vorerst die Produktion und der Verkauf konventioneller Kunstharze. Nach wie vor verfolgte er aber seine Idee, wasserverdünnbarer Lackkunstharze herzustellen, weiter.

Erste Vorarbeiten dazu erfolgten in den Räumen des Chemischen Instituts der Grazer Universität, später in den Labors der Firma in der Grazer Dreihackengasse und dann im großen Forschungszentrum der VIANOVA, als das in der Leechgasse errichtet wurde (Abb. 3).[5] Hier forschte man auf breiter Basis und mit zahlreichen Mitarbeitern auf dem Gebiet der wasserverdünnbaren Lackkunstharze (Abb. 4). Das führte letztlich zum Erfolg und das unter dem Markennamen RESYDROL® entwickelte Produkt wurde weltweit eingesetzt.

Was war das Besondere und besonders Verdienstvolle an Hönels Forschungsergebnissen? Er hat damit erreicht, dass die giftigen und brennbaren Lösungsmittel, die bisher in allen Lacken zur Verdünnung notwendig waren, weitgehend durch Wasser ersetzt wurden. Seine Lackbindemittel waren zunächst wasserverdünnbar, nach dem Trocknen jedoch ergaben sie einen wasserresistenten und korrosionsfesten Film. Die Lacke werden heute, natürlich in wesentlich anderer Zusammensetzung als zu Dr. Hönels Zeiten, weltweit in der Autoindustrie z. B. bei VW, Mercedes und BMW verwendet, aber auch auf vielen anderen Gebieten wie z. B. auf dem Bau- und Holzsektor. Rund 300 Patenterteilungen in allen Industriestaaten der Welt bestätigen Hönels Pioniergeist.

Winterfoto von der Fa. Vianova
Abb. 3: Winterfoto von der Fa. Vianova
© Dr. Harald Rauch-Puntigam

Herbert Hönel gilt als ein großer Pionier auf dem Gebiet des Umweltschutzes. Vor seiner Entwicklung wasserverdünnbarer Lackkunstharze entwichen jährlich Millionen von Tonnen Lösungsmittel nach dem Trocknen von Lackfilmen in die Atmosphäre, wobei durch natürlichen chemischen Abbau von Lösungsmitteln in der Atmosphäre „Petrochemischer Smog“ entstehen kann, der wieder für die Ozonbelastung und das Waldsterben mitverantwortlich gemacht wird.[6]

Die Leistungen Herbert Hönels wurden mit vielen Auszeichnungen bedacht. So erhielt er sowohl die Auer-von-Welsbach-Medaille (1960), als auch die Hermann F. Mark-Medaille (1976), beides höchste Auszeichnungen für Chemiker. 1970 ernannte ihn die Karl–Franzens-Universität zum Ehrensenator, dem 1985 das Ehrendoktorat folgte. 1980 erhielt er das Große Ehrenzeichen des Landes, 1985 das der Stadt Graz und ihm gleichen Jahr zusätzlich noch das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark.

Trotz aller Ehrungen blieb Dr. Hönel stets ein sehr bescheidener Mensch. Humanistisch gebildet, liebte er in seiner Freizeit die Musik. Er fühlte sich auch zu seiner Heimat sehr hingezogen und war ein begeisterter Schifahrer und Bergwanderer. Ersteres belegt auch eine Anekdote eines Mitarbeiters.

Dr. Hönel mit Mitarbeiter im Labor
Abb. 4: Dr. Hönel mit Mitarbeiter im Labor
© Dr. Harald Rauch-Puntigam

Man war gemeinsam auf der Turrach zum Schifahren und verabredete für nächsten Tag einen Treffpunkt beim Lift. Anstatt den Lift zu benützen, fragte ihn Dr. Hönel: „Haben Sie Felle mit?“. Als der Mitarbeiter verneinte, lieh Hönel ihm eines seiner Felle und beide machten sich, jeder mit nur einem Fell, an einen mühsamen Aufstieg. Dafür konnten dann die Liftfahrer die eleganten Telemark-Schwünge Dr. Hönels bewundern.

Hervorzuheben ist auch Dr. Hönels ausgeprägte sozial-humanitäre Einstellung. Als es noch geringen Mindesturlaub gab, gewährte er allen seinen Mitarbeitern eine zusätzliche Urlaubswoche, die „Hönel-Urlaubswoche“. Er verteilte auch seine Patenteinnahmen an seine Mitarbeiter und gründete einen Sozialfond für die Belegschaft.[7]

Als Humanist war er auch ein Pazifist aus Überzeugung und setzte sich in den Sechzigerjahren für einen Frieden in Vietnam ein. Am 3. Juni 1990 verstarb Herbert Hönel im 101. Lebensjahr. Sein Grab wird man vergebens suchen – er hat seinen Körper der Anatomie vermacht.[8]


Ich möchte mich bei Herrn Univ. Prof. Dr. Harald Rauch-Puntigam herzlich bedanken, der mir großzügig Unterlagen und Fotos zur Verfügung gestellt hat. Ich danke auch meinem Schulfreund Dr. Heiner Verdino, der bis zu seiner Pensionierung selbst eine leitende Stelle bei VIANOVA eingenommen und mir diese Verbindung vermittelt hat.



Fußnoten:

[1] Entnommen dem maschingeschriebenen Manuskript einer Rede, die Mag. Dr. Alois Kernbauer, der spätere ao. Univ. Prof. am Institut für Geschichte in Graz, am 12. September 1989 im Technischen Museum in Wien anlässlich einer Ehrung von Dr. Herbert Hönel gehalten hat.

[2] Ebda. S. 3

[3] Ebda. S. 4

[4] Aus der Rede „Dr. Herbert Hönel (1890-1990)“, die am 24. 9.2013 anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel von Univ. Prof. Dr. Harald Rauch-Puntigam gehalten wurde.

[5] Ebda.

[6] Ebda.

[7] Ebda.

[8] Ebda.

Mag. pharm. Dr. Bernd Mader