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Grün – Kraftquelle Des Lebens #

Von der Nachahmung der Photosynthese versprechen sich Wissenschafter einen Lösungsansatz für die globalen Energiesorgen. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 11. April 2013

Von

Martin Tauss


Blätter
Blätter
© Istockphoto

Saftiges Grün steht für Lebensfreude und Energie und entfaltet eine erfrischende, harmonisierende Wirkung: Farbpsychologisch geschulte Einrichtungsberater empfehlen Grün daher als ideale Farbe zur Konzentration im Arbeitszimmer, oder in gedeckten Tönen wie Schilfgrün zur Entspannung und Regeneration in den eigenen vier Wänden.

Tatsächlich steht Grün seit archaischen Zeiten für Wachstum, Jugend sowie die Erneuerung des Lebens und symbolisiert den Frühling und das Pflanzenreich, das sich nach einem langen Winterschlaf zyklisch regeneriert, erwacht und erblüht. Dies bringt auch der ethymologische Ursprung des Farbbegriffs zum Ausdruck, denn das altgermanische Adjektiv „gruoni“ stand für den organischen Prozess des Keimens und Wachsens, und im Mittelhochdeutschen bedeutete „grüene werden“ das Sich-Erholen und wieder zu Kräften-Kommen.

Baum
Baum
© Istockphoto

Heilsame Wirkungen #

Eine heilsame Wirkung der Farbe Grün für Körper und Seele wurde bereits im Mittelalter von der deutschen Benediktinerin und Mystikerin Hildegard von Bingen beschrieben, die den Begriff der „Grünkraft“ prägte und ihr geistliches Streben mit einer pflanzlichen Metaphorik charakterisierte: „Wie die sprossende Grüne der Erde will ich wirken.“

Die Farbe Grün versinnbildlicht andererseits aber auch ein natürliches Kraftwerk, das in den Blättern und Pflanzen selbst verborgen ist, und dessen Geheimnis den Schlüssel für einen groß angelegten technischen Durchbruch bereit zu halten scheint.

Die grüne Farbe der Vegetation entsteht durch den Farbstoff Chlorophyll, der wie ein Sonnenkollektor das Licht absorbiert und im Rahmen der Photosynthese eine zentrale Rolle spielt – jener biochemische Vorgang, bei dem Pflanzen mit Hilfe von Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid energiereiche organische Verbindungen wie Kohlenhydrate erzeugen, wobei Sauerstoff oder andere anorganische Stoffe freigesetzt werden.

Die Sauerstoff-produzierende Photosynthese ist die Grundlage fast aller Ökosysteme und gilt als wichtigster biochemischer Prozess unseres Planeten. Sie ermöglicht das Leben, indem sie den Lebewesen pflanzliche Nahrungsmittel sowie Sauerstoff für die Atmung, den notwendigen Treibstoff für unseren Stoffwechsel, zur Verfügung stellt. Auch in den fossilen Treibstoffen wie Erdöl, die vor Millionen von Jahren aus den Verfallsprozessen tierischer und pflanzlicher Reste hervorgegangen sind, ist die Energie aus der Photosynthese gespeichert und konserviert.

Pflänzchen
Photosynthese. Über Milliarden von Jahren haben Pflanzen den wichtigsten biochemischen Prozess unseres Planeten hervorgebracht, der die Grundlage der Ökosysteme darstellt.
© Shutterstock

Photosynthese ist darauf ausgerichtet, aus der immensen Sonnenenergie zu schöpfen, und bewerkstelligt eine schier unermessliche Produktionsleistung. „Die Sonne ist wie der ‚Weltmeister‘ unter den Energiequellen: Das Ausmaß der solaren Energie, die in einer Stunde auf der Erde eintrifft, übersteigt den weltweiten Energieverbrauch eines Jahres aus fossilen, nuklearen und allen erneuerbaren Energiequellen zusammen“, erläutert James Barber, Professor für Biochemie in London. „Die Energieversorgung durch die Sonne ist aus menschlicher Sicht unerschöpflich, und ihre Nutzung verspricht die Umwelt und das Klima schadlos zu halten.“ Mit Hilfe der Sonnenenergie produziert die Photosynthese pflanzliche Nahrung im Ausmaß von schätzungsweise 160 Milliarden Tonnen Trockenmasse pro Jahr – die verborgene grüne Welt in den Tiefen der Ozeane noch gar nicht eingeschlossen.

Die Photosynthese ist ein dermaßen effektiver Prozess, dass es nicht verwunderlich ist, dass Wissenschafter und Bioingenieure aus allen Teilen der Welt danach streben, diese auch technisch nutzbar zu machen. In den Zeiten knapper werdender fossiler Rohstoffe ist die „künstliche Photosynthese“ zu einem viel versprechenden Forschungsschwerpunkt geworden, der sich mit diversen Möglichkeiten befasst, die Sonnenenergie in nachhaltige Energieträger zu verwandeln. Laut Alan Heeger, einem Chemie-Nobelpreisträger von der Universität Kalifornien, soll die Imitation der Photosynthese dazu führen, solarbasierte Treibstoffe herzustellen, „sodass die Energie der Sonne gespeichert und verwendet werden kann, wann und wo auch immer ein Bedarf dafür gegeben ist“.

In den USA etwa widmet sich das 2010 gegründete „Zentrum für künstliche Photosynthese“ in Kalifornien dem Versuch, eine kosteneffektive Methode für die Herstellung erneuerbarer Energiequellen zu finden, die – wie die Funktionsweise der Blätter – lediglich auf Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid angewiesen ist. Gemäß den Angaben des Zentrums soll die künstliche Methode zehnmal so effizient sein wie die natürliche Photosynthese und den nationalen Energiebedarf abdecken können.

Ist die Zukunft grün? #

Wie US-Präsident Barack Obama betonte, wäre dieses Verfahren wegweisend im Sinne einer nachhaltigen Energiewende, die das Problem der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen lösen und maßgeblich zur Verringerung der Kohlendioxid- Emission beitragen soll. Auch wenn die geplanten künstlichen Blätter eines technologisch gesteuerten Photosynthese- Verfahrens nicht naturgrün sein werden, versprechen sie eine von der Natur inspirierte „grüne“ Technologie. Wird das Geheimnis des Grüns somit zum Inbegriff von „Hightech“ und zum Motor unserer modernen Hochleistungsgesellschaft?

Die europäische und amerikanische Kultur- und Geistesgeschichte ist bislang eher von der Opposition „grüner“ Denker, Literaten und Künstler gegenüber dem technologischen Fortschritt geprägt: Liegt doch der Ursprung der modernen Rückbesinnung auf das Grüne als Ausdruck unversehrter Natur in der Zeit der beginnenden industriellen Revolution, die nicht nur neue Arbeitsbedingungen, sondern auch eine neue Dimension der Naturbeherrschung und -zerstörung mit sich brachte.

In der romantischen Gegenbewegung zum rationalen Zweckdenken und seinen technischen und ökonomischen Folgewirkungen spielte der Rückzug in die Natur als Exil zu den Anmaßungen des modernen Lebens eine wesentliche Rolle. Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau etwa berichtete in seinen zivilisationskritischen Werken von seinem einsiedlerischen Leben in den Wäldern und beeinflusste Generationen von nachfolgenden Literaten und Aktivisten. Damit verbundene Ideen und Lebensentwürfe haben seither immer wieder große Attraktivität entfaltet, beispielsweise in den jugendlichen Protestkulturen der späten 1960er Jahre.

Mit der wünschenswerten Einführung ökologisch „intelligenter“ Technologien im Zeichen der Energiewende könnte es möglicherweise auch zu einer kulturellen Wende kommen, wobei technische und industrielle Neuerungen problemlos mit der „Rückkehr zur Natur“ assoziierbar wären.

Grün – das ist generell die Farbe des Neubeginns: So bemerkte der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger in seinen Prosastücken „Das Abenteuerliche Herz“ (1929/1938) sinnträchtig, dass „die grüne Farbe die erste ist, die sich in der Morgendämmerung belebt. Sie beginnt um diese Stunde mit silberner Zartheit in die Dinge einzuströmen wie die Lebenskraft in den Körper des Genesenden“.

GRÜNBEREICHE#

Jean-Jacques Rousseau
Jean-Jacques Rousseau
© K.K.
Mikroaufnahme, Symbolbild
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Medizinische-Kräuter, Symbolbild
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Ernährung, Symbolbild
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Philosophie #

Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712– 1778) kritisierte die Entfremdung in der modernen Gesellschaft und plädierte für eine Rückkehr zum menschlichen „Naturzustand“.

Wissenschaft #

Das Sonnenlicht wird in den Pflanzen von Photosystemen eingefangen, wobei die Sonnenenergie in der so genannten Lichtreaktion zur Spaltung von Wassermolekülen genutzt wird.

Medizin #

Die historisch älteste Form von Pflanzen-Medizin findet sich bei den Schamanen der Steinzeit. Aber auch die modernen Ärzte verschreiben mitunter pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka).

Ernährung #

Grün steht heute sowohl für Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft, die ein Garant für erhöhte Biodiversität ist, als auch für ein gesundes, maßvolles nachhaltiges Konsumverhalten.

DIE FURCHE, Donnerstag, 11. April 2013