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Ein lustvoller Forscher#

Walter Thirring#


Von der Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 20. Dezember 2008)

Von

Peter Markl


Walter Thirring
Walter Thirring
© Foto: apa/Christian Müller

Sein letztes größeres Werk hatte Walter Thirring jenem Thema gewidmet, das ihn in den letzten Jahren am meisten beschäftigte – "Kosmische Impressionen" beschrieb, wie sich die Kosmologie in den letzten Jahrzehnten durch bisher ungeahnte Beobachtungsmöglichkeiten und dank neuester Entwicklungen in der theoretischen Physik gewandelt hat.

Unter dem Eindruck seiner Begegnungen mit Kardinal König war es ihm wichtig, das, was er sagen wollte, in ein Netz religiöser Metaphern einzubetten. Jenen, die glauben, dass große Naturwissenschaft dieses Netz nicht braucht und nur schlecht in diesen Kontext gezwungen werden kann, blieb neben Respekt vor dieser Sicht das Bedauern, dass in diesem Buch nur ein Aspekt der in so vielen Aspekten überragenden Persönlichkeit Walter Thirrings zum Ausdruck kam – und leider wenig darüber, wie er in den kleinen Kreis der Physiker kam, deren Arbeit in den letzten 50 Jahren das heutige Bild von den Grundlagen der Physik prägte; nichts über seine dominante Rolle in der Entwicklung der Physik in Österreich und nichts über das internationale Erwin-Schrödinger Institut für mathematische Physik, das 1993 – auf Thirrings Initiative hin – ins Leben gerufen wurde. Es hat sich seither zu einem der führenden Institute auf dem Gebiet der mathematischen Physik entwickelt und ist ein Modell dafür, wie es auch einem kleinen Staat mit beschränkten Mitteln gelingen kann, Wissenschaftsinstitutionen zu schaffen, die – über die gegenwärtige Wissenschaftspolitik hinaus – zu einem übernationalen Forum für den Austausch von Ideen werden können.

Ein Mosaik aus Texten#

Jetzt hat Walter Thirring aber ein zweites Buch veröffentlicht, das sehr vieles von dem enthält, was das erste Buch vermissen ließ. Er hat es "Lust am Forschen" betitelt, und er beschreibt darin seinen Lebensweg, seine Arbeit und die Menschen, denen er dabei begegnete.

Doch damit ist dieses Erinnerungsbuch nur schlecht charakterisiert – es ist keine Autobiographie im herkömmlichen Sinn geworden. Persönliche Dinge sind ausgespart: man erfährt nichts über Krankheiten, Liebesgeschichten oder Ehrungen. Gerade das jedoch macht das Buch zu einem über Persönliches hinausgehenden, reichhaltigen Zeugnis einer erlebten Zeit.

Thirring, der sich nicht als Schriftsteller sieht, hat dazu eine interessante Form gewählt: das Buch ist ein Mosaik von Textteilen, die mit unterschiedlichem Anspruch und in verschiedenen Tonarten geschrieben, aus heterogenen Bausteinen ein Bild seiner Persönlichkeit erstehen lassen.

Da findet man – geschildert vor dem Hintergrund der letzten Jahrzehnte der k.u.k. Monarchie – die Vorgeschichte der Thirrings; und dann, gegen den Hintergrund der späteren Geschichte Österreichs, das Schicksal seiner engeren Familie mit berührenden Portraits seiner Frau Helga und seines Vaters Hans Thirring.

Es ist die Vielfalt der – wie Thirring sie nennt – "Gedankenfetzen", welche den Reichtum des Buches ausmachen. Er schreibt nicht nur über seine Begegnungen mit großen Physikern – darunter Einstein, Pauli, Schrödinger, Bohr oder Heisenberg –, sondern auch über die Stimmung in den Seminaren der damals ja bereits weltberühmten Stars der Physik, widergespiegelt in amüsanten Anekdoten aus der Sicht der nächsten Generation. In einem Fall dokumentiert er Glanz und Elend der Lösung eines zentralen physikalischen Problems durch eigene Tagebuchnotizen und durch die Briefe, die er in den entscheidenden Wochen an seine junge Verlobte und spätere Frau schrieb.

Das Buch enthält – abgesetzt vom chronologischen Text – zudem Einschübe, die Außenseitern etwas von der Faszination der Physikerfragen erlebbar machen sollen – gedacht als Angebote an Leser mit unterschiedlichen Vorkenntnissen. Die umfassendsten von ihnen setzen kaum physikalisches Wissen voraus – so zum Beispiel seine Diskussion der unterschiedlichen Sichtweisen auf das "Wesen" der Materie oder Thirrings Zwischenbilanz des Ertrags der Forschung in den letzten 50 Jahren, endend in einer sehr persönlichen Sicht dessen, was offen blieb.

In weiteren Kapiteln beschreibt Thirring seine Genfer Jahre, wo er von 1968 bis 1972 Mitglied des Direktoriums von Cern war, in einer der führenden Positionen in der Hochenergiephysik. Im Gegensatz zu nicht wenigen seiner Kollegen hielt Thirring jedoch die damaligen Vorstellungen der Teilchenphysik im Wesentlichen für richtig, obwohl er vermutete, dass es noch Jahre dauern würde, bevor man das durch Experimente belegen könnte. Interessanterweise hat er sich in dieser Situation wieder mit Gravitationsphysik beschäftigt.

Liebe zur Musik#

1971 ist Thirring nach Wien zurückgekehrt, wo er das Institut für theoretische Physik der Universität wieder an das Weltniveau heranführte und großen Einfluss auf wissenschaftspolitische Entscheidungen nahm, deren Zustandekommen er mit amüsanten und erhellenden Anekdoten illustriert.

Erst am Ende des Buches kommt Thirring auf seine Liebe zur Musik zu sprechen, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Er ist nicht nur ein ausgezeichneter Pianist und Organist, sondern auch ausgebildeter Komponist. Zu seinen Lehrern gehörte Anton von Webern, zu dem er für seine wöchentlichen Stunden in Harmonielehre in eine Mödlinger Villa pilgerte. Thirring gesteht, dass er nicht imstande sei, in Worte zu fassen, was Musik ihm bedeute: "Ich will daher nicht länger über die Musik und ihre Wirkung rätseln, aber zum Erklingen bringen kann ich sie durchaus – deswegen habe ich am Ende des Buches eine CD mit meiner Musik angefügt."

Es ist natürlich unmöglich, im begrenzten Rahmen einer Besprechung auch nur auf einige der von Thirring zur Diskussion gebrachten Themen angemessen einzugehen – so sehr man auch manche Episoden und Problemsituationen anders sehen mag, als sie sich Walter Thirring jetzt in Erinnerung gerufen hat.

Er wurde in eine Familie geboren, in der man von Familienmitgliedern Außerordentliches erwartete und sich seiner weit in die Monarchie zurückreichenden österreichischen Wurzeln sehr bewusst war. Der Gang der Geschichte hat die Thirrings jedoch immunisiert gegen realitätsfremde Verklärungen eines billigen "Patriotismus", der unter zu vielen Österreichern anscheinend endemisch ist und in seinen virulenten Phasen dann auch von anderen eingefordert wird.

Thirrings "Gestohlene Jugend" stand 1938 bis 1945 im Schatten der Nazis und dem von ihnen angezettelten Krieg. Die stoische Gelassenheit, mit der sein Vater Hans, selbst Physiker von Weltrang, die Demütigungen durch die Nazis hinnahm, hat Thirring ebenso geprägt, wie der Tod seines Bruders, der im letzten Kriegsjahr in Russland verschollen ist.

Zu den ihn prägenden Jugenderlebnissen gehört aber auch der Niedergang seiner Schule – der katholischen Neulandschule – nach ihrer Usurpation durch die Nazis. Thirring schreibt bewegende Seiten über die mutige Haltung von Pater Dolezal und ruft die menschliche Niedertracht in Erinnerung, mit der ein Nazi als Schuldirektor agierte: Man hatte entdeckt, dass zwei Schüler ausländische Sender gehört hatten und dumm genug waren, das Gehörte niederzuschreiben und zu verteilen. Sie wurden von einem Kriegsgericht zum Tod verurteilt. Doch wurde schließlich angesichts der Jugend und offensichtlichen Naivität der Täter einem Gnadengesuch der Eltern stattgegeben; der Direktor der Schule aber legte dagegen erfolgreich Berufung ein, und die beiden Schüler wurden geköpft.

Entscheidende Eindrücke blieben dem Autor vor allem aus den letzten Jahren des Krieges: Der noch nicht 16 Jahre alte Walter Thirring wurde 1943 – Hitlers Truppen hatten gerade die Schlacht um Stalingrad verloren – als Flakhelfer rekrutiert und versuchte von da an, die Turbulenzen der nächsten Jahre mit zum Teil verzweifelten Tricks zu überleben. Thirring beschreibt die heute manchmal nur mehr absurd wirkenden Geschehnisse aus diesen Jahren mit großer Offenheit.

In die Kriegszeit fällt auch ein im Buch im vollen Wortlaut wiedergegebener Feldpostbrief, den sein Bruder aus Jugoslawien nach Hause gesandt hatte – ein entsetzliches Dokument für den endgültigen Abstieg in die Bestialität: Harald Thirring hatte bei einem Einsatz der Wehrmacht in Jugoslawien einen Feldwebel der mit den Nazis verbündeten faschistischen Ustascha-Truppen getroffen, welcher halbwüchsigen Gefangenen die Kehle aufschlitzte, die Schlagadern herausriss, diese dann abbiss und das Blut aussaugte.

Gründe für den Glauben#

Walter Thirring schreibt dazu: "Ich kann nur zusammenfassen, was mich der Krieg gelehrt hat: das moralische Gerüst eines Menschen muss sorgfältig aufgebaut werden. Fehlen im Elternhaus oder sonst wo die richtigen Vorbilder, und hat jemand nie die Zehn Gebote gelernt, so bleibt es eine brüchige Kruste. In der Hand eines Demagogen wird sie dann zur dünnen Haut, die beliebig deformiert werden kann. Wo sie einreißt, kann eine Bestie ausbrechen."

Erst am Ende seines Erinnerungsbuches kommt Thirring noch einmal auf seinen katholischen Glauben zu sprechen und erinnert sich dabei wieder an Gespräche mit Kardinal König, der in seiner Suche nach erlebter Transzendenz in Walter Thirring einen Verbündeten sah.

Thirrings Buch macht klarer, wo die Quellen seiner Transzendenzerfahrung liegen: zum einen im "platonischen" Erleben der Mathematik, die er – ungleich vielen Anderen, auch Nichtgläubigen – als Erforschung von Strukturen sieht, die unabhängig von Raum und Zeit existieren, und doch von Menschen eben dort entdeckt werden können.

Zum anderen findet Thirring in der Mathematik eine fruchtbare Methode zur Beschreibung der Welt, mit deren Hilfe man in der Kosmologie Feinabstimmungen im Bau des Universums entdeckt hat, die er nicht vorschnell als Zufälligkeiten abgetan sehen will. Schließlich spürt Thirring die Transzendenz auch im Erleben großer Musik – und auch in der Hoffnung, dass es eine Form überkonfessioneller Religiosität gibt, welche die Moral so weit zu stützen vermag, dass die Möglichkeit neuerlicher Abstürze in die Bestialität geringer wird. Denn Walter Thirring glaubt auch an den Glauben.

Peter Markl ist emeritierter Professor für Analytische Chemie an der Universität Wien.

Information#

Walter Thirring: Lust am Forschen. Lebensweg und Begegnungen. Seifert Verlag, Wien 2008. (Kompositionen von Walter Thirring auf beigelegter CD.), 200 Seiten, 22,90 Euro.

Wiener Zeitung, Samstag, 20. Dezember 2008