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Man kann auch aussterben!#

1816 ging als "Jahr ohne Sommer" in Historie und Literatur ein - eine Geschichte ohne Happy End#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 6./7. April 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernhard Baumgartner


Es gibt Jahre, in denen der Sommer ausfallen kann - das hat Konsequenzen.#

'Dead Forrest' im Yellowstone-Park
"Dead Forrest" im Yellowstone National Park, der durch Feuer zerstört wurde. Er befindet sich auf einem Super-Vulkan - bricht dieser aus, fällt der Sommer flach.
© corbis

"Den nächsten Klimaexperten, der etwas von der Erderwärmung daherfaselt, erschlag ich mit einem Eiskratzer!" - solche und ähnlich echauffierte Bemerkungen dominierten in der vergangenen Woche die sozialen Netzwerke. Dichter Schneefall Anfang April, Ostern versinkt in Eis und Kälte und ausgerechnet dann veröffentlichen Klimaforscher eine Hundert-Jahres-Studie, wonach der Frühling "immer früher kommt". Höhnischere Postings unter Artikeln hat man selten gelesen - zusammen mit der Aufforderung, die Herren und Damen Experten mögen statt auf Bildschirme auch einmal aus dem Fenster schauen.

Keine Frage: Das Wetter war aus Sicht des mitteleuropäischen Durchschnittsbürgers zuletzt der Aggressor Nummer eins, dagegen nimmt sich das Säbelrasseln des kleinwüchsigen Nordkoreaners mit den gegelten Haaren geradezu putzig aus. Was ist das schon gegen Schneeschaufeln am Ostermontag? Und so mancher fragte gar, ob das heuer überhaupt noch etwas mit dem Frühling wird? Kann die warme Jahreszeit auch gänzlich ausfallen, ein Winter, der mehrere Jahre dauert, wie er in der US-Erfolgsserie "Game of Thrones" vorkommt?

Ja, der Sommer kann ganz ausfallen. Und ein solches "Jahr ohne Sommer" ist in der Geschichte kein Einzelfall. Zuletzt war es das Jahr 1816, das als "Jahr ohne Sommer" in die Geschichtsschreibung einging. Tatsächlich waren davon Nordamerika und Mitteleuropa betroffen. "Auch zu Mittag warf die Sonne maximal dürre Schatten", ist in zeitgenössischen Beschreibungen zu lesen. Der Zustand, wie man ihn sonst nur von Sonnenfinsternissen kennt, dauerte nicht wenige Minuten, sondern das ganze Jahr. In der Schweiz schneite es jeden Monat mindestens einmal bis auf 800 Meter herab. Am 2. und 30. Juli gab es Schnee in tiefen Lagen.

Das hatte grauenvolle Folgen: Niedrige Temperaturen und vermehrte Niederschläge führten in Teilen Europas zu katastrophalen Missernten. Besonders schlimm stand es um den Alpenraum. In Vorarlberg erreichte der Getreidepreis im Juni 1817 das Zweieinhalb- bis Dreifache des Niveaus von 1815. Quellen sprechen von "Kindern, die Gras weiden wie die Schafe". Russland schickte daraufhin Hilfslieferungen.

Ein Sommer, der ausfällt#

Was ist die Ursache dafür, dass der Sommer in einem Jahr einfach ausfallen kann? Tatsächlich ist das keine Laune des Wetters, wenn man so will, vielmehr gehen Wissenschafter von den Folgen heftiger Vulkanausbrüche oder dem Einschlag eines Meteoriten aus. Jeder kennt die Bilder von ausbrechenden Vulkanen, die massive Rauchsäulen in die Luft entlassen. Im Falle von 1816 hat man den Vulkan Tambora auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien als Schuldigen auf der Rechnung. Dieser war im April 1815 mit einer Stärke von 7 auf dem Vulkanexplosivitäts-Index ausgebrochen. Die Folge waren 150 Kubikkilometer Staub, Asche, auch Schwefelverbindungen, die der Vulkan hoch in die Atmosphäre geschleudert hat. Dort legte sich diese Schicht wie ein Sonnenschild um Teile der Erde.

Dadurch entsteht das, was man als "vulkanischen Winter" bezeichnet. Denn bereits in der Stratosphäre werden die Sonnenstrahlen absorbiert oder reflektiert - sie können nur mehr sehr reduziert bis zur Erdoberfläche vordringen. Im gleichen Maß, wie sich die Stratosphäre mit dem Gemisch aus Asche, Staub und Schwefelsäure erhitzt, kühlen die Stellen an der betroffenen Oberfläche ab. Dieser Effekt ist dem ähnlich, was Apokalyptiker als "nuklearen Winter" skizzieren, nur dass der Auslöser nicht natürlich (Vulkan), sondern anthropogen (Druck auf den roten Knopf) ist - womit wir wieder bei gelhaarigen Diktatorensöhnen wären.

Durchschnittlich um 2,5 Grad Celsius sank die Durchschnittstemperatur durch den Ausbruch von 1815. Das klingt aushaltbar, dennoch dauerte es bis 1819, bis sich die Wogen einigermaßen geglättet hatten. Tatsächlich führte die Kälte zu Missernten und dadurch zu Auswanderungswellen aus dem noch von den Franzosenkriegen geschüttelten Europa. Immerhin war den Menschen damals weder die Ursache des Phänomens bekannt, noch konnte man einschätzen, ob es temporär oder permanent ist. Erst knapp hundert Jahre später, im Jahr 1920, kamen Forscher der Ursache auf die Spur.

Und sie wurden in der Folge bei vielen Extremereignissen im Wetterkalender fündig. Ähnliche Katastrophen ereigneten sich offenbar auch 535/536, 1529, 1588, 1601, 1618, 1628 und 1675. Missernten und Seuchenausbrüche wie Lepra und Beulenpest dürften ebenso mit solchen Extremen korrelieren wie Wanderungsbewegungen in der Bevölkerung.

Der härteste Winter#

Vom Winter von 1783/1784 weiß man, dass er als der härteste der jüngeren Geschichte gilt. Schuld war der Ausbruch der Laki-Krater in Island, die so viel Schwefeldioxid emittierten, dass alleine ein Fünftel der Bevölkerung Islands direkt an den Gasen zugrunde ging. Doch die Folgen waren auch anderenorts spürbar: Benjamin Franklin berichtete von einem bemerkenswert kalten Winter in Philadelphia. Er vermutete, dass die Kälte das Resultat eines Staubnebels in der Atmosphäre über Europa und Nordamerika sein könnte. Die Kälte war so stark, dass Schlitten den Long-Island-Sund überqueren konnten und der Hafen in New York City für zehn Tage zufror.

Doch "Jahre ohne Sommer" spiegeln sich auch in der Literatur wider. So verdankt sich eine ganze Reihe an auch heute noch bekannten Schauergeschichten dem schlechten Wetter des Jahres 1816. Die britische Schriftstellerin Mary Shelley verbrachte wie viele britische Intellektuelle den Sommer am Genfersee. Sie besuchte Lord Byron in seiner nahegelegenen Villa. Man beschloss, mangels Alternativen zu Hause zu bleiben und sich die Zeit mit Schauergeschichten zu vertreiben. Shelley schrieb "Frankenstein" und Byrons Leibarzt John Polidori verfasste "Der Vampyr" - Jahrzehnte vor dem Entstehen von Bram Stokers genrebildendem "Dracula". Lord Byron selbst schrieb im Gedicht "Darkness": "The bright sun was extinguish’d, and the stars / Did wander darkling in the eternal space, / Rayless, and pathless, and the icy earth / Swung blind and blackening in the moonless air."

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 6./7. April 2013