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Der Chemiker als Friedensstifter#

Nobelpreisträger Martin Karplus#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 15. Oktober 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Eva Stanzl aus Boston


Nobelpreisträger Martin Karplus über sein Engagement für Frieden, Fotografie als Dokumentation und Motor-Moleküle in Zellen.#

Martin Karplus im Harvard Faculty Club in Cambridge, USA
"Man lernt, nein zu sagen": Martin Karplus im Harvard Faculty Club in Cambridge, USA.
© OSTA/David Fox

Martin Karplus, geboren 1930 in eine jüdische Mediziner-Familie in Wien, wurde 1938 aus Österreich vertrieben. Der Chemiker hat die österreichische Staatsbürgerschaft, nimmt aber eine reservierte Haltung zu seinem Geburtsland ein. Er promovierte 1953 am California Institute of Technology und lehrte ab 1966 an der Universität Harvard in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts, wo er nun Professor Emeritus ist. 2013 erhielt Karplus gemeinsam mit Michael Levitt und Arieh Warshel für Arbeiten zur Entwicklung universeller Computermodelle zur Voraussage chemischer Prozesse den Nobelpreis für Chemie.

Der Theoretische Chemiker ist auch passionierter Fotograf. Seine Retrospektive, "Martin Karplus - Photographs 1953-2009", ist derzeit im Österreichischen Kulturforum in New York und ab Mai 2015 in Wien zu sehen. Am Rande des "Austrian Science Talk" in Boston, an dem die "Wiener Zeitung" auf Einladung des Forschungsrats teilnahm, sprach Karplus mit Journalisten. Einige Fragen und Antworten sind hier wiedergegeben.

"Wiener Zeitung": Als Sie im Vorjahr den Nobelpreis bekamen, waren Sie mit dem offiziellen Österreich nicht sonderlich glücklich. Haben Sie sich seitdem versöhnt?

Martin Karplus: Ich gehe im Frühjahr nach Wien, um ein Ehrendoktorat der Universität anzunehmen und meine Fotos zu zeigen - ich kann die Bilder ja nicht ausstellen, wenn ich nicht da bin, um zu sagen, wie man sie ausstellt. Und als Bundespräsident Heinz Fischer meine Retrospektive in New York eröffnete, sagte er mir, er wisse nicht, ob ich ihm glaube, aber Österreich habe sich geändert und er würde versuchen, es mir zu zeigen. Ich hoffe, dass es wahr ist, und werde in diesem Sinne Österreich auch mit dem Blick des Forschers ansehen.

Würden Sie sagen, dass das ein großes Versäumnis von Österreich war, sich so lange nicht um vertriebene Wissenschafter zu kümmern?

Niemand hat sich für mich interessiert vor dem Nobelpreis und jetzt ist Österreich sehr interessiert - ganz genau so war es mit Walter Kohn und Eric Kandel. Ich bin von Österreich weggegangen, und meine Erinnerungen sind nicht besonders gut. Aber ich habe nie daran gedacht, ob sich jemand aus Österreich für mich interessiert oder nicht oder warum. Jetzt haben sich die Dinge natürlich geändert.

Und wie hat sich Ihr Leben seit dem Nobelpreis verändert?

Man lernt, nein zu sagen. In diesen Tagen ist es mir das Wichtigste, dass man sich mehr für meine Fotos interessiert - sie werden überall gezeigt.

Wissenschaft und Fotografie: Gibt es Parallelen?

Ich glaube nicht. Zudem habe ich lange nicht gewusst, dass ich ein guter Fotograf bin. Ich habe Fotos von Menschen gemacht, weil ich es wollte. Mit 23 Jahren ging ich als Post Doc nach Europa (1953 bis 1955 an der Universität Oxford, Anm.). Ein Freund und ich haben einen Volkswagen gekauft. Wir sind in Europa herumgefahren und ich habe Fotos gemacht, um zu dokumentieren, wie die Menschen lebten - damit man auch noch 100 Jahre später weiß, wie das Leben einmal war. 40 Jahre lang lagen die Fotos dann in einer Schachtel. Was sehr gut war. Denn Kodachrome-Originalfarben leben etwa 100 Jahre, bevor sie im Licht ausbleichen, und in der Schachtel blieben sie gut erhalten. Meine Frau Marci hatte dann die Idee, Kopien zu machen, und der Herr, der sie anfertigte, sagte: "Das sind wunderbare Fotografien, die müssen Sie ausstellen." So hat es angefangen.

Was hat sich noch verändert?

Ein Kollege aus Harvard, der den Nobelpreis erhielt, als er 60 war, sagte mir ich hätte Glück, ihn erst mit 80 zu bekommen - auf diese Weise hätte ich 20 zusätzliche Jahre Zeit gehabt, um in Ruhe zu forschen. Ich besuche heute Orte, wo ich glaube, wirklich etwas für die Menschheit tun zu können. Bevor ich das Ehrendoktorat der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv entgegennahm, sagte ich dem Präsidenten der Universität, dass ich es ablehnen würde, wenn nicht auch Palästinenser zur Zeremonie eingeladen würden. Man schrieb mir zurück, dass dies aufgrund der politischen Lage sehr schwierig sei. Ich kontaktierte daher den palästinensischen Chemiker-Verein und hielt schlussendlich einen Vortrag an der Al-Quds-Universität in West Bank. Nachher schrieb ich einen Artikel für "H’aaretz" mit dem Titel: "Wie sich ein Nobelpreisträger im Friedensprozess engagiert" - wobei man angesichts der politischen Situation nun sicher mehrere Jahre warten wird müssen, bis sich, was ich schrieb, bewahrheiten kann.

Haben Sie die Rolle als Friedensstifter in irgendeiner Form herbeigesehnt oder erwartet?

Nein, ich habe es nicht erwartet. Aber ich hatte immer die Idee, dass man, auch wenn man nicht berühmt ist, etwas tun kann. Vor Jahren, als mich noch niemand kannte, habe ich in einem Vortrag bei einer Konferenz in Israel gesagt, dass ich hoffe, dass mich bei meinem nächsten Israel-Besuch auch junge Palästinenser hören können. Heute hört man mir natürlich eher zu, wenn ich so etwas sage, aber ich bin deswegen nicht ein anderer Mensch.

Welche Forschungsarbeiten verfolgen Sie heute?

Ich will verstehen, wie Moleküle funktionieren, die für den Menschen wichtig sind. Es gibt ein Motor-Molekül, das in Zellen so funktioniert wie bei der Eisenbahn die Schienen. Andere Moleküle "gehen" auf diesen Schienen, ein bisschen als würden sie einen Fuß vor den anderen setzen. Mit Programmen und großen Rechnern können wir nun verstehen, wie das funktioniert. Jedoch findet meine chemische Forschung nur auf dem Rechner statt. Die einzige echte Chemie, die ich mache, ist in der Küche. Ich habe immer wieder Urlaubsvertretungen in Restaurants übernommen und zu Hause koche ich.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 15. Oktober 2014