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Der mit den Haien tanzte#

Er schuf Grundlagen moderner Meeresbiologie. Erste wasserdichte Kameras mussten noch selbst gebastelt werden. Forscher-Legende lebt mit seiner Frau in Wien.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Freitag, 23. Jänner 2009) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


© Wiener Zeitung
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Wien. (wegro) Als er als Jugendlicher in die Donau sprang, sah er sich unvermutet einer Wasserleiche gegenüber – einem Kellner in Berufskleidung, der mit einem Stein an den Füßen Selbstmord begangen hatte und "im Wasser stehend aussah wie eine Puppe": So schildert Hans Hass, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, sein erstes "prägendes Unterwasser-Erlebnis". Andere hätten vielleicht Angst vor der dunklen, unheimlichen Tiefe bekommen – er beschloss, sie zu erhellen.

Dabei gab es 1937, als Hass bei der Maturareise an die französische Riviera erstmals Unterwasser-Fotos schoss, noch nicht einmal brauchbare Taucherbrillen oder Sauerstoff-Versorgung, geschweige denn wasserdichte Kameras. Doch der Idealist improvisierte, bastelte eigene Kameragehäuse, organisierte sich U-Boot-"Tauchretter" zur Sauerstoff-Versorgung und startet mit Freunden 1939 seine erste Expedition in die Karibik. Als die ersten Farb-Aufnahmen von Haien, Fisch-Schwärmen und üppigen Korallenriffen um die Welt gingen, bezweifelten die einen, dass die Bilder echt seien, andere prophezeiten Hass den baldigen Tod in einem Haifischmagen. Doch der ließ sich nicht einmal vom ausbrechenden Zweiten Weltkrieg davon abhalten, weiterzuforschen. Nachdem die deutschen Truppen die Engländer aus dem Mittelmeer vertrieben hatten, organisierte Hass, dem ein Fußleiden den Front-Dienst erspart hatte, ein Forschungsschiff und tauchte nun in der griechischen Ägäis. 1943 promovierte er in Berlin als Zoologe, 1945 heiratete er die Schauspielerin Hannelore Schroth, ein Jahr später wurde Hans Hass jun. geboren.

Als die Siegermächte nach Kriegsende sein Schiff beschlagnahmten, wandte sich Hass der Anthropologie und der Evolutionslehre zu. Sein 1942 begonnener Film "Menschen unter Haien" wurde schließlich 1947 in Zürich uraufgeführt; es folgte sein wohl populärstes Buch "Menschen und Haie" – in beiden Werken demonstriert Hass eindrucksvoll, dass die Raubfische keineswegs jene blutrünstigen Bestien sind, als die sie bis dahin galten.

Ein unzertrennliches Paar#

Nach der Scheidung von Hannelore lernte Hass die bildhübsche, um zehn Jahre jüngere Lotte Baierl kennen, die ihn bewunderte und nicht mehr von seiner Seite wich. Die beiden heirateten 1950; Lotte lernte tauchen und eroberte rasch einen fixen Platz zwischen Tauch-Masken, Schiffsdecks, Mantas und Walhaien. 1957 wurde Tochter Meta geboren. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hass bereits den legendären Dreimaster "Xarifa" erworben und als Forschungsschiff ausgerüstet.

Das Paar hatte zwar längst einen großen Namen – konservative Bankdirektoren verweigerten aber mangels "Sicherheiten" größere Kreditsummen. Doch auch dieses Problem meisterte Hass, der auch zunehmend Management-Qualitäten an den Tag legte, bravourös und finanzierte das Schiff mit Foto-Safaris und BBC-Dokumentationen. Sechs Jahre bereiste er so mit der "Xarifa" die Welt zwischen Rotem Meer und Galapagos Inseln. Neben seiner Frau begleiteten ihn Kollegen wie der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld, der im Vorjahr seinen 80. Geburtstag feierte. 1960 wurde ihm der Finanzierungs-Druck für das große Schiff zuviel – und er verkaufte die "Xarifa", die heute als Privat-Yacht eines Italieners im Hafen von Monte Carlo ankert. Bereits ab 1959 reagierte Hass auf das neue Medium Fernsehen und stellte TV-Serien her – ab 1961 auch über Landlebewesen. Zunehmend beschäftigte er sich mit Verhaltensforschung und der wissenschaftlich bis heute umstrittenen „Energon-Theorie“, einer Verbindung von Evolutionsbiologie und Thermodynamik, und überließ das TV-Feld seinem französischen Kollegen Jacques Cousteau.

Schattenseiten des Ruhmes#

Spätestens in den 1970er Jahren erkannten die Hass’, die in ihren populären, oft spielfilmartigen Dokumentationen gleichzeitig Forscher, Helden und Models waren, dass sie damit auch den Massentourismus und die Zerstörung vieler Strand- und Unterwasser-Paradiese gefördert hatten. Bis heute ist die Arbeit des Forscherpaares daher auch stark in Richtung Umweltschutz fokussiert.

Hass, der heute in Wien lebt und sich bis auf ein Augenleiden guter Gesundheit erfreut, drehte insgesamt 30 Filme, darunter 6 Kinostreifen; verfasste 31 Bücher und bekam eine Unzahl von Preisen und Auszeichnungen.

Wiener Zeitung, Freitag, 23. Jänner 2009