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Ischgl heißt der neue Meteorit#

Der Meteoritensaal im Naturhistorischen Museum ist wieder geöffnet#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Mittwoch, 14. November 2012

Von

Ina Weber


Meteoritensaal
Der mehr als hundert Jahre alte Meteoritensaal: mit Multimedia-Grafiken modernisiert.
© www.kurt-kracher.at

Mindestens 100 Tonnen Meteoriten stürzen täglich auf die Erde - der Großteil davon gelangt als Staub zu Boden. Je größer sie sind, desto seltener kommen sie vor. Sie sind 4,5 Milliarden Jahre alt und damit genauso alt wie die Erde selbst. Die größte Sammlung an Steinen aus dem All befindet sich seit jeher in Wien. "Das Naturhistorische Museum hat die älteste Meteoritensammlung der Welt und die größte Schausammlung der Welt", sagte Christian Köberl, Generaldirektor des NHM, am Dienstag im Zuge der Eröffnung des neu gestalteten Meteoritensaals. Fast ein Jahr lang war der Saal geschlossen, sechs Monate wurde mit großem Aufwand renoviert. Kein Stein blieb auf dem anderen. "Es war sehr schwer, die Steine zu bewegen, ohne sie zu zerstören", erzählte Co-Kurator Ludovic Ferrière.

Der mehr als hundert Jahre alte Meteoritensaal bekam ein zeitgemäßes Design. "Die Leute gingen zwar hinein, aber da es kaum Erklärungen gab, gab es nichts, was sie dort hielt, und sie gingen weiter", sagte Köberl. Gemeinsam mit Medienexperten und Architekten wurden Multimedia- und interaktive Stationen eingebaut. Die historischen Vitrinen blieben zwar erhalten, doch wurden die Steine ausführlicher beschriftet.

"Nein. Das ist ein Basalt", "Nein. Das ist ein Pyrit", "Nein. Das ist Schlacke" - nach sechsmaligem daneben Tippen an einer der Multimedia-Stationen ist es die Nummer sechs: "Ja. Das ist ein Steinmeteorit." Die Frage, wie man eigentlich einen Meteoriten erkennt, ist nicht einfach zu beantworten. "Leider gibt es keine Anhaltspunkte", sagt Köberl zur "Wiener Zeitung". Nur mit viel Erfahrung könne man die besonderen von den gewöhnlichen Steinen unterscheiden. "In 99 Prozent der Fälle, wenn ich gefragt werde, ob das ein Meteorit ist oder nicht, kann ich es eigentlich schon sehr schnell sagen", sagt der Generaldirektor, der selbst in Wüsten auf Meteoritensuche war.

In Österreich wurden erst sieben gefunden#

Meteorit Ischgl
Meteorit Ischgl - Foto: Kurt Kracher, NHM
Besonders stolz ist Köberl auf die neueste Errungenschaft des Museums: Er heißt Ischgl, ist faustgroß, 2008 vom Himmel gefallen und seit dem Jahr 2011 im Besitz des Naturhistorischen Museums. Mit Ischgl wurden insgesamt erst sieben Meteoriten auf österreichischem Boden entdeckt. Ebenfalls neu in der Sammlung sind zwei fossile Meteorite, eine Art versteinertes Holz, aus Südschweden, die vor 500 Millionen Jahren auf die Erde stürzten.

Von einem Meteoriten erschlagen sei bisher noch niemand geworden, meinten Kurator Franz Brandstätter und Direktor Köberl. Ein Hund vielleicht, da sei man sich aber nicht sicher. "Der Großteil der Erde ist halt doch von Wasser bedeckt", so Brandstätter. In den 1950er Jahren habe einmal in den USA ein Meteorit ein Dach durchschlagen und eine Frau an der Hüfte verletzt. In den 1990er Jahren sei ein Steinmeteorit auf ein Taxi gefallen. Der Taxifahrer konnte anschließend sein kaputtes Auto gut verkaufen.

Viele der Meteorite der Sammlung sind sehr groß und schwer. Die Gesteins- oder Metallbrocken rasen mit Geschwindigkeiten von 40.000 bis 200.000 Stundenkilometern auf die Erde zu. Dabei können gewaltige Einschlaglöcher entstehen, wie etwa auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko vor 65 Millionen Jahren. Heute befindet sich dort ein Krater mit 200 Kilometer Durchmesser.

Der älteste Eisenmeteorit der Sammlung "Hraschina" wiegt 39 Kilogramm. Er fiel am 26. Mai 1751 bei Agram, dem heutigen Zagreb, vom Himmel. Damals galten die Steine aus dem All noch als Hirngespinste. Trotzdem wurden sie von Kaiser Franz I. Stephan gesammelt. Als dieser starb, schenkte seine Gemahlin Maria Theresia 1765 die Sammlung dem Staat. Damit entstand das erste öffentliche Museum Österreichs.

"Wir wüssten nicht, wie alt die Erde ist"#

"Diese Steine, die vom Himmel fallen, sind die einzigen Zeugen, die wir für die Entstehung der Erde und des Sonnensystems haben", sagt Köberl. "Ohne Meteoriten wüssten wir nicht, wie alt wir sind." Ihre Zusammensetzung habe auch Aufschluss über die Herkunft der chemischen Elemente gebracht, aus denen die gesamte Welt und somit auch die Menschen bestehen.

An den Wänden im Saal hängen Illustrationen und Animationen zu Themen wie "Entstehung des Sonnensystems", "Meteoritenschauer", "Wir sind alle Sternenstaub" und "Impakt-Krater". Auch Gesteine vom Mond und vom Planeten Mars sind zu sehen. 1240 Meteoriten sind ausgestellt. Insgesamt besitzt die Wiener Sammlung 7000 inventarisierte Objekte von rund 2400 Lokalitäten. Ab heute, Mittwoch, sind die Türen des Meteoritensaals wieder für alle geöffnet. Nicht nur, um das Ausmaß einer möglichen Zerstörung Wiens mit dem "Impakt-Simulator" interaktiv zu steuern.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 14. November 2012