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Die Reise zum apokalyptischen Brocken#

Schon in 150 Jahren könnte der Asteroid Bennu mit der Erde kollidieren, nun ist die Weltraummission Osiris Rex unterwegs zu ihm.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 10. September 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Grafik: Asteroid Bennu und Osiris Rex
Asteroid Bennu könnte mit der Erde kollidieren
Grafik: Wiener Zeitung

Washington/Wien. (est) Bennu gilt als einer der gefährlichsten bekannten Asteroiden. Es ist somit eine Mission, bei der die Erde einen ihrer Feinde kennenlernt. Denn schon in etwas mehr als 150 Jahren könnte der Gesteinsbrocken auf der Erdoberfläche einschlagen. Wissenschaftern zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1:2700. Doch gerade weil Bennu der Erde alle sechs Jahre ziemlich nahe rückt, ist er ein geeignetes Objekt für die Forschung. Die US-Weltraumbehörde Nasa will den kleinen Himmelskörper nun ganz genau untersuchen.

An Bord einer Atlas-Rakete startete die sechs Meter lange und 2100 Kilo schwere Sonde Osiris Rex am Donnerstagabend (Ortszeit, etwa halb zwei Uhr Früh Mitteleuropäischer Zeit) unter wolkenlosem Himmel vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral im US-Staat Florida. "Die Sonde funktioniert selbständig und wir kommunizieren mit ihr", bestätigte Nasa-Manager Geoffrey Yoder: "Das ist ein großartiger Tag für die Raumfahrt."

Anti-Staubsauger für Proben#

Es ist die erste US-Mission zu einem Asteroiden, bei der eine Probe zurück zur Erde gebracht werden soll. 2005 war die japanische Raumsonde Hayabusa auf einem solchen Himmelskörper gelandet und hatte Bodenproben zur Erde gebracht. 2014 landete die europäische Sonde Rosetta auf dem Kometen Tschurjumow-Gerasimenko, verlor jedoch Kontakt zu ihrer Landeeinheit Philae kurz nach dem Manöver.

Von Osiris Rex erhoffen sich die Forscher neue Erkenntnisse über die Entstehung unseres Sonnensystems. "Wir fliegen zu Bennu, weil wir wissen wollen, was der Asteroid während seiner Entstehung erlebt hat", erläuterte Edward Beshore von der US-Weltraumbehörde. "Wie Polizisten in einer Krimiserie werden wir jedes Beweisstück untersuchen."

Wenn bei der 890 Millionen Euro teuren Mission alles nach Plan läuft, soll die Sonde 2018 den Asteroiden erreichen. Mehr als 650 Millionen Kilometer muss Osiris Rex - der Name steht für den Zungenbrecher "Origins, Spectral Interpretation, Resource Identification, Security-Regolith Explorer" - zurücklegen. 2020 soll die Sonde sich Bennu so sehr nähern, dass sie eine Probe von bis zu 2000 Gramm aufsaugen kann. Dazu wird die Sonde nicht landen, sondern wenige Meter über der Asteroidenoberfläche eine Art Anti-Staubsauger ausfahren. Dieser bläst im ersten Schritt Stickstoff auf den Asteroiden, der Verwirbelungen auf Bennus staubiger Oberfläche auslöst. Im zweiten Schritt saugt er die auffliegenden Teilchen in einem Filter auf. "Wir müssen den Asteroiden nur für wenige Sekunden berühren, um eine Probe zu bekommen", erklärt Jim Crocker, Ingenieur beim US-Unternehmen Lockheed Martin, das die Sonde gebaut hat.

Ob alles so klappt wie geplant, hängt von der Oberflächenstruktur des kosmischen Brockens ab. Ist seine Oberfläche hart, wird die Sonde mit dem Sauger abprallen: So passiert beim europäischen Lander Philae, der nach mehreren Hüpfern in einem dunklen Spalt zum Stehen kam. Ist sie aber weich, wird das Raumschiff einsinken. Nach der Probenentnahme sollen die Triebwerke zünden und die Sonde eine Parkposition in Asteroiden-Nähe einnehmen. 2023 soll eine Kapsel mit der Probe zur Erde zurückkehren.

Der tiefschwarze, kohlenstoffhaltige Asteroid wurde 1999 entdeckt. Seinen Namen erhielt er in einem Schülerwettbewerb. Benu war die Bezeichnung für einen altägyptischen Totengott. Katastrophal könnte es ausgehen, wenn der Asteroid von einem halben Kilometer Durchmesser mit unserem Heimatplaneten kollidiert. Würde man den rundlichen Brocken nämlich in ein Gebäude umrechnen, dann würde das Empire State Building in New York mit einer Geschwindigkeit von 100.000 Stundenkilometern auf die Erdoberfläche aufprallen.

Schon 2135 kommt der Asteriod der Erde ungemütlich nahe: Dann verläuft seine Bahn zwischen Erde und Mond. "Der Vorbeiflug wird seinen Orbit leicht abbiegen, sodass sein Kurs direkt in Richtung Erde drehen könnte", erklärt Dante Lauretta, der bei der Nasa für die Asteroiden-Analyse verantwortlich ist. "Unseren Berechnungen zufolge stehen die Chancen eines Einschlags zwischen 2175 und 2196 bei 1:2700." Die Detonation käme jener von drei Milliarden Tonnen Sprengstoff gleich. "Das würde zwar nicht das Leben auf der Erde auslöschen, aber die Folgen wären schwerwiegend", so Lauretta.

Ablenkungsmanöver#

Der Durchmesser des Asteroiden, dessen Einschlag das Aussterben der Dinosaurier verursacht haben soll, wird auf zehn Kilometer geschätzt. Doch auch kleinere Kollisionen können Folgen für das globale Klima haben. Darauf deuten Forschungsergebnisse von Geowissenschaftern der Universität Heidelberg hin. Demnach haben Asteroiden-Einschläge in der Vergangenheit Staub und Gase in hohe Atmosphäreschichten geschleudert, wodurch die Sonneneinstrahlung zurückging und sich die Erde abkühlte.

Forscher suchen nach Möglichkeiten, kosmische Brocken abzuwenden. Ziel ist eine Ablenkung vom Kurs, etwa durch eine Explosion nahe am Asteroiden. Überlegt werden auch Möglichkeiten einer Farbveränderung der Oberfläche, die das Reflexionsvermögen und damit auch der Strahlungsdruck der Sonne verändern würden. Dieser sogenannte Jarkowski-Effekt erklärt den Einfluss unterschiedlicher Oberflächenerwärmung auf den Bahnverlauf eines Asteroiden.

Wiener Zeitung, Samstag, 10. September 2016