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„Unsere Geschichten halten die Menschheit zusammen“ #

Die FURCHE ist Paul Salopek auf seiner Welttour weder zufällig begegnet noch nachgelaufen. Aber wir haben die vom „National Geographic“ angebotene Möglichkeit genutzt, mit ihm per E-Mail ins Gespräch zu kommen. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 3. Dezember 2015)

Das Gespräch führte

Wolfgang Machreich


Seit 2013 ist der Reporter Paul Salopek unterwegs auf den Spuren der Menschheitsgeschichte. Im Gespräch mit der FURCHE erzählt er, was die Menschen auf der Welt verbindet. #

Pulitzer-Preisträger Paul Salopek
Wiege der Menschheit. Der Pulitzer-Preisträger Paul Salopek brach 2013 zu einer sieben Jahre dauernden Reise auf und folgt dabei den Spuren der Menschheit: Von Afrika über den Nahen Osten bis nach Amerika. Eine „Reise“, für die es 2500 Generationen gebraucht hat.
Foto: National Geographic / © John Stanmeyer

DIE FURCHE: Herr Salopek, während derzeit Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Kriegen, Unterdrückung oder wirtschaftlicher Not sind, haben Sie sich freiwillig auf den Weg gemacht. Fremd und von Gastfreundschaft und Freundlichkeit abhängig zu sein, ist ein zentrales Thema in Ihrem Blog. Was sagen Sie als Fremder zu Menschen, die vor Flüchtlingen und Migranten Angst haben?

Paul Salopek: Ich denke, dieser defensiv-misstrauische Impuls in uns ist etwas sehr Altes. Diese Abwehrhaltung geht in der Geschichte unserer Entwicklung zurück in die Zeit, als wir noch Jäger und Sammler waren. Deswegen ist es auch schwer, Angst vor Neuankömmlingen zu überwinden – vor allem, wenn diese arm sind. Warum? Weil wir um unseren Wohlstand fürchten, und weil wir fürchten unsere Ressourcen teilen zu müssen. Dass Migration gleichzeitig positive Effekte hat, dass Neuankömmlinge unsere Gesellschaft bereichern, mit diesen Menschen auch neue Energie und Einfallsreichtum zu uns kommen, ist für viele zu komplex und oft schwer zu argumentieren. Für mich gibt es keinen anderen Weg, um diese Ablehnung gegenüber Fremden zu überwinden, als durch die Kraft und das Erzählen von Geschichten, die Migranten als Mitmenschen darstellen, als Menschen so wie du und ich.

DIE FURCHE: Krieg und Gewalt prägen den Nahen Osten, die Weltregion, durch die Sie im vergangenen Jahr zu Fuß unterwegs waren – wie sehr ändern diese Konflikte Ihre Reiseroute, oder anders gefragt, wie oft wurden Sie gezwungen um den Krieg einen Bogen zu machen?

Salopek: Im Gegenteil, die Region versinkt nicht generell, überall und immer in Gewalt. Die Berichterstattung der Medien zeichnet dieses Bild, doch es ist falsch. Die Gewaltereignisse sind vielmehr auf bestimmte Orte konzentriert und wiederholen sich periodisch. Mein Fußweg durch das Westjordanland, zum Beispiel, war die meiste Zeit eine „normale“ Erfahrung: Familien beim Spaziergang, Pendler, die zur Arbeit fahren, Eisverkäufer in den Straßen … Selbst inmitten von Kriegen gibt es immer wieder große Inseln, in denen das tägliche Leben normal weitergeht. Von Syrien kann man das natürlich derzeit nicht sagen. Deswegen musste ich auch den Jemen und Syrien aus meiner Reiseroute nehmen. Und obwohl die Menschen im Iran warmherzig und gastfreundlich sind und der Iran ein sicheres Land ist, blieb er aus rein politischen Gründen für mich verschlossen.

Beringia-Landbrücke von Sibirien nach Alaska
Neue Welt. Gleichzeitig mit dem Grizzlybären wanderten die Menschen vor ungefähr 15.000 Jahren über die damals noch nicht vom Meer überflutete Beringia-Landbrücke von Sibirien nach Alaska.
Foto: © Berniinkanada

DIE FURCHE: Sie treffen auf Ihrem Weg auf Menschen und Gemeinschaften unterschiedlicher Religionszugehörigkeiten. Was ist Ihr Eindruck: Steht das Trennende dieser Religionen im Vordergrund oder erleben Sie es eher so, dass auch unterschiedliche Religionen die Menschen verbinden?

Salopek: Beides. Ich bin kein religiöser Mensch und kein Experte. Aber ich erlebe es Tag für Tag, dass Menschen der verschiedenen Glaubensrichtungen gut miteinander auskommen. Schauen Sie nach Jordanien. Dort gibt es eine große christliche Minderheit, die ein geregeltes, normales Leben in einem muslimisch dominierten Land lebt. In Georgien treffen Sie Juden, Muslime sowie die christlichorthodoxen Georgier, und alle Religionen dort leben gut miteinander zusammen. Was die Probleme verursacht, sind wirtschaftliche Ungleichheit und schlechte Politik – wenn sich die Religionen dafür einspannen lassen, dann erst zerfällt das Miteinander.

DIE FURCHE: Herr Salopek, Sie gehen nicht allein: Neben lokalen Begleitern werden Sie auf Ihrer Reise zu Fuß auch von Lasttieren unterstützt – was bedeutet das tägliche Miteinander mit Kamelen, Maultieren und die daraus resultierende enge Beziehung mit diesen Tieren für Sie?

Salopek: Ich bin in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen und meine Freunde und ihre Familien hatten Nutztiere: Pferde, Esel, Kühe … In dieser Welt sind Tiere – im Gegensatz zu städtischen Umgebungen – keine Haustiere, keine Schoßhündchen und kein Spielzeug, sondern Partner in der Arbeit und wichtig fürs Überleben. Ich denke, diese Existenz entspricht den Tieren besser und ist würdiger für sie. Ich bin sehr angetan von meinen Tierpartnern, den Kamelen und Maultieren, mit denen ich unterwegs bin. Kamele können sehr verspielt sein. Aber ich habe keine Illusionen: Wahrscheinlich waren sie sehr erleichtert, als ich mich von ihnen verabschiedet habe und sie nicht mehr mein Gepäck tragen mussten.

DIE FURCHE: Sehen Sie im Miteinander zwischen Mensch und Tier auch eine zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Besiedelung der Erde oder anders gesagt: Sie gehen sozusagen in den Fußstapfen unserer Vorfahren, finden sich daneben immer schon die Fußspuren und Hufabdrücke von Tieren?

Innerhalb von nur rund Tausend Jahren breitete sich der Mensch entlang der Küste bis an die Spitze Südamerikas aus
Bis nach Feuerland. Innerhalb von nur rund Tausend Jahren breitete sich der Mensch entlang der Küste bis an die Spitze Südamerikas aus. Erst später wurde auch das Landesinnere des Kontinents besiedelt.
Foto: © Shutterstock

Salopek: Anthropologen glauben, dass die Domestizierung von Tieren der Schlüssel für ein sesshaftes Leben und zur Heranbildung von komplexeren Stadtgesellschaften war. Das hatte riesige Konsequenzen auf die Entwicklung von Gesellschaften und die Welt, wie sie sich heute darstellt. So haben Experten die Theorie, dass der afrikanische Kontinent diesen Entwicklungsschritt nicht früher gehen konnte, weil es dort zu wenige Wildarten gibt, die sich zur Domestizierung und zur Verrichtung von Arbeiten eignen. Zebras sind beispielsweise zu flüchtig, um für das Reiten oder das Pflügen gezähmt werden zu können …

DIE FURCHE: Bis zum Sesshaftwerden waren Ihre Vorgänger, unsere Vorfahren, so wie Sie jetzt unterwegs. Hatten Sie auf Ihrer Tour schon einmal den Wunsch, sich niederzulassen und an einem Ort zu bleiben?

Salopek: Mein Wunsch nach einem Zwischenstopp oder einer Pause variiert. Es hängt von der Arbeit ab. Schreiben ist während des Gehens schwierig („difficult to do well on the hoof!“). Aber natürlich spielen auch die Menschen, denen ich begegne, eine Rolle. Wenn ich in eine interessante und freundliche Gemeinde komme, bleibe ich gerne eine Weile. Aber ich bin noch nie an einen Ort gekommen, wo ich gesagt hätte: Hier möchte ich für immer leben! Das ist mir noch nie passiert, nicht nur auf dieser Reise nicht, sondern während meines ganzen Lebens nie.

DIE FURCHE: Was ist dann für Sie Zuhause?

Salopek: Da fragen Sie die falsche Person. Ich baue nicht sehr viel Beziehung zu Orten auf. Ich komme immer ins Stottern, wenn ich die naheliegend erste Frage nach einer Begegnung beantworten soll: Wo kommst du her? Die ehrlichste Antwort, die ich formulieren kann, lautet: Von diesem Quadratmeter Erde, wo ich gerade stehe – right here, right now!

DIE FURCHE: Letzte und vielleicht schwierigste Frage: Nachdem Sie seit bald drei Jahren auf der Spur nach dem Menschlichen auf dieser Erde unterwegs sind, haben Sie bereits eine erste Idee oder einen Verdacht, was uns Menschen über Generationen und Kontinente hinweg verbindet?

Salopek: Es sind die Geschichten, es ist das Geschichten-Erzählen. Ob durch Wiegenlieder, Comics, Filme, Lieder, Gebete, Romane oder Anekdoten, die Menschen an einer Theke erzählen. Es sind die Geschichten, die uns über Raum und Zeit zusammenzuhalten.

DIE FURCHE, Donnerstag, 3. Dezember 2015

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