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Der König der Nacht ist wieder da#

Einst beinahe ausgerottet, kehren Uhus nach Mitteleuropa zurück#


Von der Wiener Zeitung (Montag, 23. September 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Roland Knauer


Seine Speisekarte wurde dem Uhu zum Verhängnis - Tierschützer halfen.#

Uhu
In den 1960er Jahren war der Uhu Bubo bubo fast ausgerottet.
© corbis

Berlin. "Uuhuu" - bei dem dumpfen, ein wenig unheimlichen Ruf aus dem Dunkel der Nacht läuft vielen Menschen ein Schauer über den Rücken. Vogelkenner aber sind begeistert, wenn sie die größte Eule der Erde hören. Denn der Uhu Bubo bubo mit seiner Spannweite von bis zu 180 Zentimetern war in Mitteleuropa in den 1960er Jahren fast ausgerottet. Heute ist der "König der Nacht" in einige Regionen wieder zurückgekehrt. In anderen kommt er soeben wieder an. "2300 Brutpaare zählen Vogelschützer zurzeit allein in Deutschland", berichtet Markus Nipkow, Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte in Niedersachsen.

Rund ein Fünftel dieses Bestandes lebt in Bayern, wo Christiane Geidel vom Landesbund für Vogelschutz das Leben der Uhus in ihrer Doktorarbeit unter die Lupe nimmt. "Der Bruterfolg in der Altmühltal-Region ist schlecht", erklärt sie. So leben dort zwar rund 80 der insgesamt 420 bis 500 bayerischen Uhupaare. Aber selbst in guten Jahren zieht nur die Hälfte dieser Kleinfamilien Nachwuchs auf, in schlechten Jahren betteln oft nur in zehn Eulenhaushalten kleine Uhus um Fressbares. Im Altmühltal stockt die Rückkehr der Uhus. In den letzten fünf Jahren hat Geidel daher das Leben der großen Eulen untersucht.

Vor allem scheint es bei der Ernährung zu hapern. 8000 Beutetiere des Uhus hat Geidel von 2007 bis 2012 untersucht. Im Winter sind das meist Mäuse oder der eine oder andere Eichelhäher, bei knapper Nahrung sogar der Fuchs sowie Reste von Wildschwein-Frischlingen und Rehkitzen.

Seine Speisekarte wurde dem Uhu einst zum Verhängnis. Weil Jäger ihn im Mittelalter für einen Niederwild-Vertilger hielten, neideten sie dem vermeintlichen Konkurrenten die Beute. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dezimierten sie Uhus, wo immer sie welche stellen konnten. "Vor allem das Ausrauben der Nester scheint die Art hart getroffen zu haben", vermutet Geidel.

"1913 wurde die letzte Uhu-Brut in Brandenburg nachgewiesen", erzählt Torsten Ryslavy von der Vogelschutzwarte Brandenburg. Markus Nipkow ergänzt: "1937 wurde in Niedersachsen das letzte Uhu-Weibchen geschossen." Insgesamt gab es in den 1960er Jahren in Deutschland nur noch 40 Uhupaare. In Österreich und in der Schweiz sah es nicht besser aus.

Dann griffen Vogelschützer der Eule unter die Flügel. In Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg züchteten sie Uhus in Gefangenschaft und wilderten die Tiere anschließend aus. Da die große Eule in jungen Jahren zwar 200 Kilometer weit wandert, aber doch am liebsten in der Nähe ihres Geburtsortes ein Revier aufschlägt, breiten sich die Vögel von diesen Gebieten nur langsam aus. In Brandenburg gebe es heute vermutlich nur 10 bis 20 Brutpaare", so Ryslavy. Die Zukunftsperspektiven scheinen aber nicht schlecht zu stehen. Denn theoretisch wäre hier für mehrere 100 Paare Platz.

Weshalb die Eule im Altmühltal nicht vom Fleck kommt, weiß Christiane Geidel. Da sich die Weibchen im Winter vor allem Mäuse greifen und sich so Fettvorräte anfressen, mit deren Hilfe sie später Eier produzieren und diese im März 34 Tage lang ausbrüten, hängt die Vermehrung stark von den Nagern ab. Ist der Winter mild und finden die Mäuse Samen und Getreide, vermehren sie sich explosionsartig. Über eine Wiese von der Größe eines Fußballplatzes können dann 2000 Feldmäuse huschen und der Uhu muss nur noch zugreifen. In solchen Wintern sind die Weibchen gut genährt, etwa jede zweite Uhu-Familie füttert Nachwuchs. In schlechten Mäusejahren beobachtet Geidel dagegen nur bei 10 oder 15 Prozent der Uhu-Paare Küken.

Nächtliche Igel-Mahlzeiten#

Zudem liegt der Nachwuchs den Eltern noch einige Zeit auf der Tasche. Es dauert es 56 Tage, bis ein Uhu nach dem Schlüpfen das Fliegen lernt. Danach schaut er sich von seinen Eltern die Jagdmethoden ab und lernt Tischmanieren, also wie man die Beute auch ohne Messer und Gabel sauber frisst. In der warmen Jahreszeit stehen häufig Igel-Gerichte auf der Uhu-Speisekarte. Diese Säugetiere verlassen sich auf ihre stachelige Abwehr und schmatzen bei ihren nächtlichen Mahlzeiten aus Larven und Würmern laut. Die Geräusche locken Uhus an, die erst einmal neben den Stacheltieren landen. Der Igel rollt sich schlagartig zu einem stacheligen Ball zusammen - der Uhu aber schlägt seine harten Krallen von der Größe eines menschlichen Handtellers um das Stachel-Bollwerk herum und zerquetscht den Igel. Er schält seine Beute vom Bauch her aus und lässt nur die Schwarte mit den Stacheln auf der Wiese liegen. Die Methode will geübt sein. "Manchmal vertreiben besonders geduldige Eltern ihren Nachwuchs sogar erst im Oktober", erklärt Geidel.

Hungernde Uhus#

Doch der Igel, der nur in niedrig stehenden Wiesen seine Beute findet, wird durch die moderne Landwirtschaft vertrieben, die immer mehr Raps und Mais anbaut, wodurch die Pflanzen oft höher als 60 Zentimeter wachsen. Dann haben auch die Uhu-Familien schlechte Karten. Um teure Maschinen besser einsetzen zu können, werden zudem seit Jahrzehnten Felder zusammengelegt und die Hecken am Feldrand gerodet, wo es ansonsten vor Leben wimmeln würde und Igel reichlich zu fressen fänden.

Ein weiteres Problem ist die "Gülle" genannte Mischung von Kot und Urin der Nutztiere in der Landwirtschaft. Zieht der Winter sich in die Länge, laufen die Tanks der Bauern bald über. Sobald das Wetter es zulässt, werden die Wiesen mit der stinkenden Brühe gedüngt. Die Mäuse ertrinken - die Uhus hungern.

Die Rückkehr der größten Eule stößt also im 21. Jahrhundert rasch an die Grenzen der modernen Bewirtschaftungsmethoden. Ob das unheimliche "Uuhuu" in Zukunft häufiger aus der Nacht schallt, ist also zweifelhaft.

Wiener Zeitung, Montag, 23. September 2013