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Tierisch gute Komponisten#

Die Gabe, Musik zu machen, ist nicht rein menschlich. Auch Vögel komponieren. Die Basis der Musikalität wird nun entschlüsselt.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 20. Februar 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Petra Tempfer


Nachtigall (l.) und Amsel (r.)
Warum Nachtigall (l.) und Amsel singen, hat vor allem einen Grund: Sie wollen eine Partnerin anlocken und sich fortpflanzen.
© Corbis/Volker Lautenbach/imageBROKER, Konrad Wothe/Minden Pictures

Wien. Sie beherrscht bis zu 260 Strophentypen und singt Einzel- oder Doppeltöne -manchmal jede Nacht bis in den frühen Morgen hinein. Die Rede ist von der männlichen Nachtigall, die das freilich vor allem aus einem Grund tut: Sie möchte eine Brutpartnerin anlocken. Musik stellt also nicht nur ein rein kulturelles Phänomen des Menschen dar, sondern ist offenbar auch tief in unserer biologischen Veranlagung verankert. Inwieweit Biologie und Kultur die Musik des Menschen beeinflussen, wird derzeit von einem Team rund um die Kanadierin Marisa Hoeschele vom Department für Kognitionsbiologie an der Universität Wien erforscht. "Anhand der Forschung am Verhalten von Tieren könnte es möglich sein, die Fundamente der Musikalität zu entschlüsseln", sagt sie zur "Wiener Zeitung".

"Wir untersuchen, ob Tierarten bestimmte musikalische Merkmale, die auch Teil der menschlichen Musikalität sind, mit uns gemeinsam haben", so Hoeschele. Dabei gehe es um Töne, Geräusche, Musik und Rhythmen, die Tieren und Menschen im direkten Vergleich vorgespielt werden.

Gemeinsame Vorlieben von Tier und Mensch#

Bei den Menschen ist es einfach, deren Vorlieben zu erkennen: Sie sagen, was ihnen gefällt. Bei den Tieren ist es etwas komplizierter. Hoeschele und ihr Team gehen folgendermaßen vor: Sie stellen zum Beispiel mehrere Lautsprecher auf, durch die sie unterschiedliche Töne spielen. "Indem die Tiere zu bestimmten Lautsprechern gehen, wissen wir, was sie hören wollen", sagt Hoeschele. Eine weitere Möglichkeit sei, dass die Tiere - nicht nur Vögel, sondern auch Ratten und Affen - durch das Drücken bestimmter Tasten selbst wählen können, was ihnen vorgespielt werden soll.

Die sich bei Mensch und Tier überschneidenden Vorlieben seien die Basis der Musikalität, so Hoeschele. Diese spiegle sich auch in den auf den ersten Blick völlig unterschiedlichen Musiksystemen der menschlichen Kulturen wider. Immer wiederkehrende Muster sind Hoeschele zufolge der Vierer- oder Zweiertakt. Auch die Töne der C-Dur-Tonleiter seien besonders beliebt.

Viele Tiere bevorzugen dieselben Rhythmen wie Menschen - und halten sich mitunter an dieselben Regeln wie menschliche Komponisten. Diesem Bereich ist wiederum ein interdisziplinäres Forscherteam um den Zoologen Roger Payne tiefer auf den Grund gegangen. Das Ergebnis: Die Einsiedlerdrossel verwendet die pentatonische Tonleiter, bei der eine Oktave in fünf Töne unterteilt ist und auf der die traditionelle asiatische Musik basiert. Fuchsdrosseln tendieren eher zur diatonischen Tonleiter der westlichen Musik mit zwei zusätzlichen Halbtonschritten. Vögel sind freilich die Gesangskünstler unter den Tieren, aber auch Fledermäuse können singen - allerdings im für den Menschen unhörbaren Ultraschallbereich. Buckelwale wiederum verwenden Refrains.

Das Copyright an klanglicher Brillanz steht also offensichtlich nicht allein den Menschen zu. Der Großteil der menschlichen Musikalität ist Hoeschele zufolge aber doch kulturell bedingt. Vögel singen übrigens auch in "regionalen Dialekten", wie Hoeschele sie nennt. Sobald sich zwei Vogelschwärme aus unterschiedlichen Regionen vermischen, tun das auch ihre Dialekte. Das Resultat sei ein neuer Dialekt.

Grundsätzlich erlernen Singvögel als Küken die Gesänge ihrer Eltern. "Das ist in der Tierwelt eine relativ seltene Fähigkeit und die Grundvoraussetzung dafür, dass neue Gesänge entstehen können", so Hoeschele. Einige Singvögel und Papageien können sogar als Erwachsene neue Laute und Gesänge erlernen. Indem die Vögel ihr Töne-Repertoire auf diese Weise erweitern, entstehen neue Lieder. "Sie komponieren oft etwas Neues", sagt Hoeschele. Die Singammer, eine nordamerikanische Singvogelart, tut es sogar in Sonatenform. Sie trällert ein Thema, verliert sich in Variationen und findet schließlich zum ursprünglichen Thema zurück.

Inwieweit Tiere oder Menschen die Fähigkeit besitzen, Gehörtes in selbst produzierte Laute umzusetzen, sei im Gehirn verankert, sagt Hoeschele. Die Gesangsversuche gewisser Vogelarten wie etwa der Rabenvögel hören sich daher weniger melodisch an als jene der Amseln oder Spatzen. Mit der Anatomie des unteren Kehlkopfes, wo die Töne gebildet werden, habe das wenig zu tun.

Zu den besonderen Musikgenies gehören wohl jene Tiere, die - ähnlich den Menschen - Musik ihrem Komponisten oder Genre zuordnen können. Eine Fischart etwa kann zwischen Blues und klassischer Musik unterscheiden. Diese Erkenntnis ist aber laut Hoeschele relativ neu und müsse noch gründlich erforscht werden.

Parallelen zu den Menschen erkennt die Psychologin auch dann, wenn es um die Wirkung von Rhythmen geht. Ums Tanzen also. "Vor allem Papageien können sich gut zu Musik bewegen", sagt Hoeschele. Sie schwingen ihren Körper, wackeln mit dem Kopf oder stampfen mit den Füßen. Verlangsamt sich der Takt, passen sie ihre Bewegungen an. Dieses Phänomen haben sich wiederum die Psychologin Adena Schachner von der Harvard University und der Neurowissenschafter Anniruddh Patel vom Neurosciences Institute in San Diego näher angesehen. Sie kamen zu dem Schluss, dass sich fast ausschließlich solche Tiere, die Sprache nachahmen können, synchron zur Musik bewegen können.

Nur wenige benützen Instrumente. Einer dieser Ausnahmekünstler ist der nordaustralische Palmkakadu, eine Papageienart mit schwarzem Federkleid. Das Männchen trommelt mit Stöcken, Steinen oder großen Samen gegen abgestorbene Baumstämme und erzeugt damit ein weithin hallendes Geräusch - und wieder, um einem Weibchen zu imponieren.

Singen, um zu imponieren#

Ganz so fremd ist die Musik als Imponiergehabe aber auch dem Menschen nicht. Denn warum machen wir Musik? Zu einem großen Teil ist es wohl der künstlerischen Expression wegen, gewisse Boygroups könnten aber auch deshalb ins Leben gerufen worden sein, um Mädchen zu begeistern. Das Fensterln - eine Art der Brautwerbung, bei der der Mann zum Fenster seiner Geliebten kam - funktionierte oft auch nur mit der Gitarre in der Hand. Und schon der britische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) stellte in dem Buch "The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex" (Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl) die Theorie in den Raum, dass Menschen der Frühzeit genauso wie Vögel "Anstrengungen unternommen haben, um sich gegenseitig mit Musiknoten und Rhythmen zu beeindrucken".

Bioakustiker warnen dennoch davor, zu viel in diese Gemeinsamkeiten hineinzuinterpretieren. Deren Erklärung dafür: Menschen und Tiere leben in derselben Umwelt und sind denselben Geräuschen, Tönen und Klangfolgen ausgesetzt. Eine ähnliche Musikalität sei daher nur logisch.

Und dennoch ist der Grund, warum gerade Musik so sehr berührt, schwer zu erklären. Durch Musik kann man in Ekstase verfallen, Musik kann fröhlich machen, einen zum Weinen bringen oder ärgern. Der Gesang der Vögel fasziniert den Menschen schon lange. Die Lieder der Nachtigall galten früher als schmerzlindernd und sollten dem Sterbenden einen sanften Tod bringen. Der deutsche Lyriker Theodor Storm (1817-1888) widmete ihr sogar ein Gedicht. "Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen", heißt es darin. "Da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen."

Wiener Zeitung, Freitag, 20. Februar 2015