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Können Pflanzen wandern? (Essay)#

Franz Stürmer

Pflanzen, die durch ihr Wurzelsystem fest in der Erde, in Felsritzen oder auf Bäumen verankert sind, gelten als immobil, als standortgebundene Lebewesen.

Trotzdem breiten sie sich aus, können wandern und neue Lebensräume erobern. Ihr bewegliches Organ, das Mittel zur Verbreitung, sind ihre Samen.

Damit aber die Samen nicht einfach nur unter der Mutterpflanze zu Boden fallen, besitzen viele Pflanzen ausgeklügelte Mechanismen, um für den Transport ihres Erbguts zu sorgen.

Verfrachtung durch Wind (Anemochorie):

Manche Pflanzen folgen dem Prinzip des Salzstreuers: Ihre (offenen oder löchrigen) Samenbehälter sitzen auf einem steifen, federnden Stängel und diese streuen die Samen durch den Wind bewegt aus. Andere Samen besitzen Flugeinrichtungen, die sie „beflügeln“ wie beim Ahorn (Acer) oder der Flügelnuss (Pterocarya), viele Korbblütler (Asteraceae) wie der Löwenzahn (Taraxacum) besitzen Fallschirme). Auf offenen Flächen nutzen manche Pflanzen den Wind als Antrieb, um im Herbst weite Strecken rollend zurückzulegen. Dabei werden die Samen entlang ihres Weges kontinuierlich verteilt. Sie etablierten sich sogar als Stilmittel in der Filmbranche: Es sind die kugelig gewachsenen blattlosen Gebilde, die in Western durch die verlassenen Städte rollen. Auch in der pannonischen Steppe findet man so einen „Steppenroller“, den Feldmannstreu (Eryngium campestre).

Verfrachtung durch Wasser (Hydrochorie):

Manche Pflanzen nutzen Regengüsse, um ihre Samen weiterzuschwemmen, wie es der Scharfe Mauerpfeffer (Sedum acre), ein Heißländer- und Trockenrasenbewohner, zeigt. Üblich ist diese Verbreitung bei Sumpf- und Schwimmpflanzen, deren Samen teilweise sogar Luftsäcke (Seerose, Nymphea) besitzen. Auch die Kokosnuss (Cocos) besitzt ein Schwimmgewebe und kann damit von Insel zu Insel gelangen.

Verfrachtung durch Tiere (Zoochorie):

Hier gibt es zwei Varianten, wie Tiere als Transportmittel genutzt werden können: äußerlich durch Samen mit Haftorganen oder innerlich als nicht verdaubarer Teil der Nahrung. Erstere (Epizoochorie) gibt es wiederum in zahlreichen Ausformungen:

Manche Samen bzw. Samenkapseln besitzen Hafthaare oder kleine Häkchen, die bei Berührung an Fell oder Textilien haften bleiben – sehr zur „Freude“ von Wanderern und Haustierbesitzern. Typische Vertreter in unseren Breiten sind das Klettenlabkraut (Galium aparine), die Nelkenwurz (Geum) oder die Klette (Arctium). Das Klettenlabkraut kann als gesamte Pflanze „aufreiten“, auch Stängel und Blätter besitzen Haftorgane und der Wurzelhals ist dünn und als „Sollbruchstelle“ konzipiert. So kann auf dem Fell von Wild- und Haustieren nicht nur ein Samen, sondern die gesamte Pflanze mit vielen Samen über weite Strecken transportiert werden.

Die Verbreitung vieler Wasserpflanzen basiert auf der geringen Größe der Samen. Sie bleiben mit Schlamm an den Füßen von Wasservögeln haften und reisen so von Gewässer zu Gewässer. Damit erklärt sich das spontane Auftreten von Wasserlinsen auf isolierten Teichen und Tümpeln.

Manche Samen wie die des Wegerichs (Plantago) sind schleimig klebrig und bleiben dadurch auf ihrem Träger haften. Eine besondere Methode der Verbreitung hat der Bärlauch (Allium ursinum) entwickelt. An seinen Samen befinden sich Nähr- und Lockstoffanhängsel (Elaiosomen), die Ameisen dazu bringen, die Samen in ihren Bau zu tragen.

Auch die Samen von Schöllkraut (Chelidonium), einigen Primel- und Veilchenarten sowie die des Schneeglöckchens (Galanthus nivalis) werden durch Ameisen (Myrmecochorie) vertragen.

Innerliche Verfrachtung (Endozoochorie) geschieht mit der Nahrungsaufnahme durch Tiere: Viele Samen sind von einer fleischigen wohlschmeckenden Hülle umgeben und dienen damit verschiedenen Tieren als Nahrung. Die Samen durchlaufen jedoch den Verdauungstrakt zumeist unbeschadet und werden wieder ausgeschieden.

Eigenbewegung – Selbstverbreitung (Autochorie):

Manche Pflanzen schleudern ihre Samen mit eigener Kraft über 10 Meter weit. Die Samenhülle wird während der Reife immer mehr durch unterschiedlichen Zelldruck (Turgor) oder Quellung unter Spannung gesetzt, dass sie sich schließlich explosionsartig entlädt.

Eine unserer Gartenpflanzen bedient sich dieser Methode: die Balsamine. Schon der Name des in Mitteleuropa wild wachsenden mit ihr verwandten Springkrauts – das Pflänzchen „Rühr-mich-nicht-an“ (Impatiens noli me tangere) – drückt diese Art der Verbreitung aus, denn oftmals „explodieren“ die Samenhüllen bei Berührung.

Den Weitenrekord der „Samenschleuderer“ hält aber die Spritzgurke (Ecballium elaterium). Die Samen können bei Loslösung der Frucht vom Stiel durch die entstandene Öffnung bis zu 12 Meter weit gespritzt werden.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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