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Ein einzigartiges Profil: Was das Gesicht verrät #

Bei der Beurteilung anderer Menschen spielt das Gesicht eine zentrale Rolle. Forscher haben herausgefunden, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind. #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 14. August 2014)

Von

Raimund Lang


Gesichtserkennung, Grafik
Gesicht & Charakter. Die Einschätzung anderer Menschen über das Gesicht ist bereits bei Kleinkindern aktiv. Sie prägt unsere alltäglichen Begegnungen.
Artwork: © Santangelo

Laut dem deutschen Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg ist das Gesicht „die unterhaltsamste Fläche auf der Erde“. Auf jeden Fall ist sie die vertrauteste. Schon Neugeborene zeigen eine natürliche Aufmerksamkeit gegenüber den Gesichtern ihrer Eltern. Diese Fixation begleitet den Menschen sein Leben lang. Unwillkürlich sehen wir Personen, die wir treffen, als erstes ins Gesicht. In den meisten Kulturkreisen gilt es sogar als unhöflich, dies nicht zu tun. Auch bei der spontanen Beurteilung der Charaktereigenschaften von Menschen dient das Gesicht als erster Anhaltspunkt.

Die Psychologin Emily Cogsdill von der Harvard Universität konnte kürzlich zeigen, dass sich die Neigung, andere anhand ihres Gesichtes einzuschätzen, nicht erst durch langjährige soziale Prägung entwickelt. Sondern dass sie vielmehr bereits bei Kleinkindern vorhanden ist. Dazu zeigte sie 99 Erwachsenen und 141 Kindern im Alter zwischen drei und zehn Jahren jeweils zwei Bilder von Gesichtern. Anschließend wurden die Teilnehmer gefragt, welches der beiden vertrauenswürdiger, dominanter und klüger wirkte. Dabei stimmten die Einschätzungen der Erwachsenen und der Kinder hochgradig miteinander überein. Besonders stark ausgeprägt war dieser Effekt bei der Eigenschaft „Vertrauenswürdigkeit“.

Gesichterflut im Internet #

Der erste Eindruck, den ein Gesicht hinterlässt, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Denn immer öfter erfolgt die Kommunikation über soziale Netzwerke und andere Internet-Kanäle. Das Aussehen des Gegenübers ist dabei oft nur durch ein Profilfoto bekannt. Zwar kann der erste Eindruck trügerisch sein. Doch prägt er den Verlauf des nachfolgenden sozialen Kontakts stark mit. Psycho logen der britischen Universität York haben deshalb in einer aktuellen Studie untersucht, welche körperlichen Merkmale eines Gesichtes mit welchen Charaktereigenschaften assoziiert werden. Als erstes haben die Forscher eine Datenbank aus 1000 Gesichtsfotos aus dem Internet angelegt. Testpersonen mussten dann die Gesichter nach 16 Charaktereigenschaften bewerten. Diese reduzierten die Forscher mittels mathematischer Methoden auf drei Grundgruppen von Eigenschaften – Vertrauenswürdigkeit, jugendliche Attraktivität und Dominanz – und bewerteten sie nach einem Notensystem von eins bis sieben: Ein Computerprogramm legte anschließend ein Raster aus 179 Einzelpunkten über die Fotos und errechnete daraus 65 physiognomische Eigenschaften jedes Gesichts, etwa die Breite der Augenbrauen, die Rundung der Lippen oder die Farbsättigung verschiedener Hautpartien.

Die entscheidende Aufgabe für die Wissenschaftler war es nun, ein Computermodell zu erstellen, das Korrelationen zwischen der Einschätzung der Testpersonen und den objektiven Gesichtsmerkmalen aufdeckt. Dabei gelang es ihnen, ein Modell zu finden, das Einschätzungen einer Versuchsperson mehrheitlich korrekt vorhersagen kann. „Im täglichen Leben ist uns nicht bewusst, wie Gesichter und Bilder von Gesichtern unsere Art der Interaktion mit anderen Menschen beeinflussen“, so Studienleiter Tom Hartley. „Die Ergebnisse zeigen, wie stark unsere Eindrücke von den visuellen Merkmalen eines Gesichts beeinflusst werden.“

Gestörte Gesichtserkennung #

Die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen und zu erinnern, ist beim Menschen außergewöhnlich gut entwickelt. Eine umstrittene Frage ist jedoch, auf welchen Mechanismen diese Fähigkeit beruht. Eine Forschergruppe meint, dass es sich dabei um eine hoch spezifische Fähigkeit handelt, die ausschließlich beim Erkennen von Gesichtern wirksam wird. Laut einer anderen Theorie ist Gesichtserkennung nur ein Spezialfall einer allgemeineren Fähigkeit, ähnliche Eindrücke in visuelle Kategorien einzuordnen.

Keks mit Gesicht
Gesichter & Objekte. Menschen sind genetisch darauf getrimmt, Gesichter zu erkennen. Das passiert manchmal auch dort, wo gar keine sind.
Foto: © Shutterstock

Um der Lösung dieses Disputs näher zu kommen, hat ein Forscherteam der Universitäten Harvard und Dartmouth vor kurzem über Tests mit zwei Patienten berichtet, die an Prosopagnosie leiden. Bei dieser Krankheit fehlt die Fähigkeit, andere Menschen anhand ihres Gesichtes zu identifizieren, selbst wenn man sie gut kennt. Man nennt sie deshalb auch Gesichtsblindheit. Die Tests verwendeten so genannte „Greebles“: Das sind im Computer generierte, dreidimensionale Objekte, deren Wahrnehmung und visuelle Verarbeitung dieselben Hirnareale aktiviert wie die Gesichtswahrnehmung. Die Tests folgten auf eine Trainingsphase, in der die Versuchsteilnehmer lernen sollten, individuelle „Greebles“ zu identifizieren, sie korrekt zu benennen, sowie Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen „Greebles“ zu erkennen.

Das überraschende Resultat: Die beiden Testpersonen schnitten fast genauso gut ab wie eine Vergleichsgruppe, die nicht an dieser Krankheit leidet. Damit wurde gezeigt, dass eine Störung der Gesichtserkennung nicht notwendig auch das visuelle Erkennen anderer Objekte beeinflusst. „Das ist ein indirekter Beleg dafür, dass es einen spezifischen Mechanismus für die Verarbeitung von Gesichtern gibt“, sagt Constantin Rezlescu, Erstautor der Studie.

Rolle des „Kuschelhormons“ #

Manche Menschen tun sich schwer damit, sich Gesichter zu merken. Andere wiederum vergessen niemals eines. Eine aktuelle internationale Studie kommt zu dem Schluss, dass dafür das „Kuschelhormon“ Oxytocin verantwortlich sein könnte. Dieses Hormon, das auch als Neurotransmitter im Gehirn wirkt, spielt unter anderem bei der Mutter-Kind- Bindung eine zentrale Rolle.

Die Wissenschaftler untersuchten in ihrer Studie 198 Familien aus Großbritannien und Finnland, die jeweils ein autistisches Kind haben. Wie aus früheren Untersuchungen bekannt ist, bestehen innerhalb solcher Familien große Unterschiede in der Fähigkeit, Gesichter zu erkennen. Autismus geht mit einer verminderten sozialen Wahrnehmung einher und vererbt sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Generation weiter. Die Ergebnisse zeigen nun einen deutlichen Zusammenhang zwischen einer bestimmten genetischen Variante des Oxytocin-Rezeptors und der Fähigkeit, Gesichter zu erkennen und zu erinnern. Diese Einsicht könnte dabei helfen, neue Therapien für Menschen zu entwickeln, deren Fähigkeit, soziale Informationen zu verarbeiten, gestört ist. Noch längst sind nicht alle Geheimnisse der „unterhaltsamsten Fläche auf der Erde“ gelüftet. Doch ein tiefer Blick in das Antlitz unserer Nächsten lohnt sich allemal.

DIE FURCHE, Donnerstag, 14. August 2014