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Wettstreit um Lichtpünktchen#

Arbeiten am Himmelsatlas#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 14./15. Dezember 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Pinter


Vor 150 Jahren kam der Heidelberger Kleinplanetenjäger Max Wolf zur Welt. Gemeinsam mit Johann Palisa, seinem österreichischen Freund und Ex-Rivalen, erstellte er einen Himmelsatlas.#

Kuppelgebäude auf dem Areal der Sternwarte am Königsstuhl bei Heidelberg
Eines der vielen Kuppelgebäude auf dem Areal der Sternwarte am Königsstuhl bei Heidelberg.
Foto: © Christian Pinter

Der Sternenhimmel fasziniert Max Wolf, geboren 1863, von Kindheit an. Sein Vater ist praktischer Arzt und schenkt ihm eine Sternwarte. Dazu wird ein zwölf Meter hoher Turm ans Wohnhaus angebaut. Dort wartet Max mit einem Linsenteleskop von 2,5 Meter Länge auf die Nacht.

Hier in Heidelberg haben Gustav Robert Kirchhoff und Robert Wilhelm Bunsen die Spektralanalyse begründet. Damit sind erstmals Aussagen über die chemische Zusammensetzung ferner Himmelskörper möglich geworden. Auch das spornt Max an. Er promoviert beim Mathematiker Leo Koenigsberger und erwirbt 1890 selbst die Lehrbefähigung.

Damals kennt man rund 300 Kleinplaneten zwischen Mars und Jupiter - auch dank Johann Palisa, mit dem Max Wolf bald in Konkurrenz treten wird: Der 15 Jahre ältere Österreicher hatte zunächst die Seesternwarte im istrischen Pola (Pula) geleitet, wo die Marine Österreich-Ungarns ihren Hauptkriegshafen unterhält. Dort musste er die Zeit vom Himmel ablesen und damit die Schiffchronometer eichen.

Nachts aber durchmusterte Palisa das Firmament nach Kleinplaneten. Sie muten im Teleskop genauso an wie schwache Fixsterne, verraten sich aber durch ihr langsames Fortschreiten. Palisa zeichnete daher alle im Bildfeld auftauchenden Lichtpunkte ab und überprüfte deren Anblick später auf Veränderungen. Am 18. März 1874 gelang ihm der erste Fund. Er taufte ihn stolz "Austria". Es folgten weitere Entdeckungen, darunter die "Polana" und die "Adria".

Insgesamt 28 Kleinplaneten gingen Palisa innerhalb von nur sieben Jahren ins Netz. Dann ergriff er die Chance, als Adjunkt an der Wiener Universitätssternwarte zu arbeiten. Hier triumphierte er erstmals am 19. Mai 1881: Er nannte seinen neuesten Kleinplaneten "Stephania" und machte ihn so zum exquisiten Hochzeitsgeschenk für die junge Stephanie von Belgien. Sie hatte Tage zuvor den Kronprinzen Rudolf geheiratet.

"Vindobona" im All#

Bald förderte Palisas Suche auch die "Vindobona" zu Tage und die "Weringia": Ihr Name huldigt Währing, dem Standort der neuen Universitätssternwarte. Das Observatorium besitzt ein ausladendes Fernrohr von 68 cm Durchmesser. Für wenige Jahre ist es das größte Linsenteleskop der Welt. Damit gelingt Palisa nun Entdeckung um Entdeckung.

Max Wolf hat seine Privatsternwarte in der Heidelberger Märzgasse 16 inzwischen ausgebaut und zwei Kameras am Teleskop montiert. Sie arbeiten mit sogenannten "Porträtobjektiven". Joseph Maximilian Petzval hat sie 1840 in Österreich für irdische Zwecke entwickelt: Der herausragenden Lichtstärke wegen müssen die Besucher des Fotoateliers jetzt nur noch eine Minute lang vor der Kamera stillsitzen.

Die 1756 in Wien gegründete - und später nach Braunschweig verlegte Firma Voigtländer produziert solche Optiken in hoher Stückzahl. Für Wolf stellt sie spezielle, besonders große Porträtobjektive her. Damit bildet er den Sternenhimmel über Heidelberg ab. Da die Fotoplatten oft Fehler aufweisen, setzt Wolf grundsätzlich beide Kameras gleichzeitig ein. Ein Uhrwerk führt sie dem Sternenhimmel nach, gleicht die Erdrotation aus. Doch nichts ist perfekt. Wolf sitzt nächtelang am Leitrohr, um die Nachführung zu korrigieren.

Anders als das menschliche Auge addieren Fotoplatten Lichteindrücke. Nach einiger Zeit bilden sie Objekte ab, die der Astronom selbst nie zu Gesicht bekäme. Mit dem Einsatz der lichtstarken Porträtobjektive beschreitet Wolf neue Wege. Auch die fotografische Theorie entwickelt er weiter.

Jede seiner Platten hält ein ganzes Meer von Lichtpünktchen fest. Am 22. Dezember 1891 stößt er aber auf ein winziges Strichlein. Dieses Objekt muss sich während der Aufnahme weiterbewegt haben. Nachdem dessen Raumbahn berechnet ist, wird klar: Auch Wolf hat einen neuen Kleinplaneten entdeckt, und das zum ersten Mal mithilfe der Fotografie! In Verbeugung vor Catherine Wolfe Bruce tauft er den Premierenfund "Brucia": Die wohlhabende New Yorker Gönnerin fördert gerade die Himmelsfotografie in den Vereinigten Staaten.

Max Wolf
Max Wolf (1863-1932).
Foto: © Archiv

Gebannt legt sich Wolf weiter auf die Lauer. Bald entdeckt er unter anderem die "Gisela", die "Heidelberga" und die "Ruperto-Carola". Er macht die drei zu himmlischen Denkmälern für seine Frau, seine Heimatstadt und deren Ruprecht-Karls-Universität: Sie ist die älteste Uni Deutschlands.

In Wien sucht Johann Palisa unterdessen weiterhin visuell nach Kleinplaneten, also mit dem Auge am Teleskop. Er loggt jetzt gut 80 Funde, mehr als jeder andere Astronom zuvor. Und doch weiß Palisa, dass ihn Wolf mit der fotografischen Methode übertrumpfen wird.

Die zunehmende Beleuchtung Heidelbergs zwingt immer früher zum Abbruch der Belichtungen. Großherzog Friedrich I. von Baden fördert den Bau eines neuen Observatoriums auf dem Königstuhl, dem Heidelberger Hausberg. Es liegt 446 Meter über dem Lichtermeer. Um Kosten zu sparen und gegenseitige Störungen zu vermeiden, verstreut man die Kuppelbauten über das Areal.

1890, zwei Jahre nach der Eröffnung der Sternwarte, langt ein überaus leistungsfähiges Teleskop mit 25 cm Linsendurchmesser ein; Catherine Wolfe Bruce hat die Anschaffung mit einer Spende von 10.000 US-Dollar ermöglicht. Daran lässt Wolf abermals zwei Kameras montieren, diesmal bereits mit Porträtobjektiven von 40 cm Öffnung. Je größer der Durchmesser einer Optik, desto mehr Licht fängt sie ein.

Schon 1891 hat Max Wolf ein bis dahin unbekanntes, diffuses Objekt im Sternbild "Schwan" auf Platte gebannt. Man taufte es "Nordamerikanebel", da es diesem Kontinent frappant im Umriss ähnelt. Weitere Nebelentdeckungen folgen. Von den bahnbrechenden Arbeiten Bunsens und Kirchhoffs angeregt, fotografiert Wolf jetzt sogar die überaus schwachen Spektren der Himmelsnebel. Als "Lichttrichter" fungiert dabei das erste große Spiegelteleskop der Jenaer Firma Zeiss. Durchmesser: 71 cm.

Diese Spektren entlarven Gebilde wie den Nordamerikanebel als Ansammlung leuchtender Gasmassen. Andere Nebel zeigen auf den Fotos Spiralstruktur. Wolf hält diese Objekte schon 1911 für ferne Milchstraßen, jeweils aufgebaut aus unzählbaren Sternen. Auf manchen Platten treten diese Spiralnebel gehäuft auf: So gelingt Wolf schließlich der erste fotografische Nachweis von Galaxienhaufen.

Die 10.000 Platten, jede voll mit Sternen, wollen vermessen werden. Wolf bemüht dazu ein Präzisionsmessgerät der Hamburger Firma Repsold. Außerdem entwickelt er den Stereokomperator mit: Hier schaut das eine Auge auf eine ältere, das andere gleichzeitig auf eine jüngere Fotoplatte desselben Himmelsfelds. Was sich zwischen den beiden Aufnahmen bewegt hat, "schwebt" nun scheinbar vor dem Sternenhintergrund. Sind Jahre zwischen den Fotos verstrichen, treten Sterne mit rascher Eigenbewegung hervor. Sind bloß Stunden vergangen, hat man es wieder mit einem Kleinplaneten zu tun.

Seit 1904 arbeiten die anfänglichen Konkurrenten in Wien und Heidelberg zusammen: Palisa visiert die von Wolf entdeckten Winzlinge immer wieder mit dem mächtigen Linsenteleskop der Uni-Sternwarte an, bei möglichst hoher Vergrößerung. Nur so lassen sich deren Bahnen wirklich sichern. Dazu sendet ihm Wolf Abzüge seiner Weitwinkelaufnahmen. Palisa bearbeitet diese schließlich und formt daraus einen Himmelsatlas mit über 200 Blättern. Die wichtigsten Observatorien der Welt greifen auf diese "Wolf-Palisa-Karten" zurück.

Die späten Nachtstunden nutzt Palisa dann wieder für die eigene Fahndung. Zwischen 1905 und 1923 findet er immerhin 38 neue Kleinplaneten: Die "Wolfiana" widmet er seinem Heidelberger Freund. Der bedankt sich drei Jahre später mit der "Palisana". Die beiden Forscher halten Briefkontakt, ermuntern und besuchen einander.

Astronom in Not#

Der Astronom Hans-Christian Freiesleben wird später weitere Details dieser Freundschaft preisgeben: Als Palisa 1919 zwangsweise pensioniert wird, unterstützt ihn Wolf finanziell - aber auch mit Lebensmitteln. Als die wahnwitzige Inflation in Deutschland die Ersparnisse der Familie Wolf auffrisst, springt Palisa helfend ein. Später wird Wolf wieder Geld nach Wien senden - diesmal an Palisas Witwe.

Der österreichische Astronom ist nämlich am 2. Mai 1925 verstorben. 122 Kleinplaneten hat er entdeckt, sechs davon im Ruhestand. Visuell, also mit dem Auge am Teleskop, wird dieser Rekord nicht mehr gebrochen. Wolf spürt auf den Platten zwar rund doppelt so viele kleine Himmelskörper auf, wird jedoch schon von Karl Reinmuth überboten: Der nützt das gleiche fotografische Verfahren wie sein Mentor.

Vor dem Ersten Weltkrieg hat Wolf noch eines der fortschrittlichsten Observatorien Europas geleitet. Doch in den Zwanzigerjahren veraltet die Gerätschaft. Die Geldentwertung vereitelt Neuanschaffungen. Während die Astronomiegeschichte nun immer mehr in den USA geschrieben wird, reüssieren die Astronomen auf dem Königstuhl fast nur noch bei der Kleinplanetenjagd.

Am 3. Oktober 1932 schließt auch Max Wolf für immer seine Augen. Die letzte Ruhe findet er auf dem Heidelberger Bergfriedhof, wie schon zuvor sein Lehrer Koenigsberger und der Chemiker Bunsen. Wolfs Grab liegt jedoch ganz weit oben - so als wollte er seinen geliebten Sternen möglichst nahe sein.

Christian Pinter, geboren 1959, lebt als Fachjournalist in Wien und schreibt seit vielen Jahren astronomische Artikel für die "Wiener Zeitung".

--> www.himmelszelt.at

Wiener Zeitung, Sa./So., 14./15. Dezember 2013