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Wildnis- Feind oder Kulturgut? (Essay)#

Manfred A. Fischer

Menschenwerk ist das Gegenteil von Natur – spätestens seit der Jungsteinzeit, als unsere Vorfahren begonnen haben, sich die Natur untertan zu machen, indem sie in Mitteleuropa die ursprüngliche, natürliche Waldlandschaft zerstörten.

Bis in die Neuzeit ist die Natur der Hauptfeind des Menschen. Die Überwältigung, Vergewaltigung, Zerstörung der Natur ist Kultur.

Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes ist Urbarmachen des Landes, das heißt Ersetzen der Natur durch Äcker, Weideland und Siedlungen. Naturschutz gibt es erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Etwas älter sind die nordamerikanischen Nationalparke, deren Ziel die Erhaltung kleiner Stücke Naturwildnis war und ist. Das ursprünglich an den USA orientierte Nationalparkkonzept musste für Europa aufgeweicht werden, weil es wilde Natur hier längst nicht mehr gibt: Unsere Nationalparke dürfen und müssen auch die vom Menschen im Lauf der Jahrhunderte umgestaltete Natur umfassen. Dies ist auch deshalb berechtigt, weil der Mensch bis vor rund 200 Jahren die Vielfalt der Landschaften, Lebensräume und Organismenarten vermehrt hat.

Erst die neueste Zeit brachte eine dramatische Verarmung, die immer noch anhält. „Rote Listen“ der bedrohten Pflanzen- und Tierarten machen auf den Rückgang der Artenvielfalt als Folge der Zerstörung von Lebensräumen aufmerksam: In Österreich sind 40 % der wild wachsenden Pflanzenarten mehr oder weniger stark gefährdet, 6 % davon sind vom Aussterben bedroht.

Kurzfristige Wirtschaftsinteressen sind meist mächtiger als verantwortungsbewusste längerfristige Planung. Der fortschreitenden Technisierung der Welt und Zerstörung der Natur steht freilich die zunehmende Sehnsucht nach der wilden Natur gegenüber. Mit arger Verspätung hat nun seit wenigen Jahren auch Österreich Nationalparke, weitere sind in Planung.

Biosphärenreservate und Naturparke versuchen, Naturschutz und wirtschaftliche, einschließlich touristischer Nutzung zu vereinen. „Die Donauauen sind doch hässliche Wildnis, voll mit Unkraut (Brennnesseln) und Gelsen – wieso sollen sie als Nationalpark geschützt und erhalten werden?“

So genannten Feinden des Menschen – und Fischer und Jäger sind Menschen – wie Bartgeier, Fischotter und Luchs wird nun der Lebensraumerhalten bzw. sie werden wieder eingebürgert. Der mühsam wieder angesiedelte Braunbär reißt ein Schaf und zerstört einen Bienenstock – dadurch wird er zum bösen Problembär, er muss, alter Tradition gemäß, abgeknallt oder (mit weniger Tradition) gefangen werden, auf keinen Fall darf er weiter „wüten“.

Täglich werden Menschen Opfer des Autoverkehrs – natürlich dürfen Autos deswegen nicht abgeknallt werden, sie gehören ja nicht zur wilden Natur, sondern sind höchste kulturelle Errungenschaft. Das Verantwortungsgefühl gegenüber der Natur ist oft noch viel weniger entwickelt als das gegenüber kulturellen Schätzen wie Werken und Werten der Kunst – von der Archäologie über die Architektur bis zur Literatur.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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