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Können wir auch durch die Zeit reisen?#

"Wer viel fliegt, der lebt länger"#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 30./31. März 2013

Von

Eva Stanzl


Zeitreisen in die Zukunft sind nur eine Frage der Geschwindigkeit – solche in die Vergangenheit aber eine der Logik#

Ufo
Ufos, die aus der Vergangenheit zu uns kommen, könnten vermutlich gar nicht mehr zurück.
© Corbis

Am Sonntag um zwei Uhr früh wurden die Uhren auf Sommerzeit um eine Stunde vorwärts gestellt. Die Tage sind dann wieder länger. Konkret heißt das allerdings nur, dass es am Abend länger hell, weil in der Früh länger dunkel ist. Eine "Zeitverlängerung" gibt es nicht. Ebenso wie Zeitreisen nicht existieren. Oder vielleicht doch?

Können wir eine Tür in die Vergangenheit öffnen oder in die Zukunft reisen? Oder mithilfe der Naturgesetze sogar die Zeit beherrschen? Und warum scheint uns das erstrebenswert? "Jeder Mensch trägt Konflikte in sich, die in der Vergangenheit entstanden sind und nach Lösungen drängen. Er strebt danach, sie aufzulösen", sagt der Psychotherapeut Peter Schütz, Gründer des Österrreichischen Trainingszentrums für Neuro-Linguistisches Programmieren.

Könnte man sich in die Vergangenheit befördern, hätte man vielleicht die Chance, Handlungen ungeschehen zu machen und die Gegenwart zu ändern. Zukunftsreisen würden die Neugier stillen: Können wir wissen, ob eine Katastrophe eintreten wird, dann könnten wir sie vielleicht verhindern. "Ein kreativer Mensch versucht, die Tatsache, dass wir die Zeit nicht ändern können, auszuhebeln. Er folgt der Verheißung, sie kontrollieren zu können", sagt Schütz.

Märchengestalten verschwinden für drei Tage ins Feenreich. Wenn sie zurückkommen, sind 100 Jahre vergangen. Die moderne Idee der Zeitreisen wurde allerdings erst von H. G. Wells geboren, der in seinem Roman "Die Zeitmaschine" (1895) die Zeit als vierte Dimension begriff: ""Es gibt keinen Unterschied zwischen der Zeit und allen anderen drei Raumdimensionen, außer dass unser Bewusstsein sich darin bewegt", lässt er den Helden sagen. Um durch die Zeit zu reisen, müssen wir physisch den Ort verändern – und uns selbst, so wie wir sind, mitnehmen.

Aus den daraus entstehenden Paradoxien lassen sich reizvolle Geschichten spinnen. Vor allem, wenn etwas schief geht. Mit tiefschwarzem Humor folgt etwa der britische Autors Stephen Fry in seinem Buch "Geschichte machen" der Theorie, dass gewisse historische Figuren nur Platzhalter sind für eine allgemeine politische Situation. Ein Student und sein Professor schicken ein Unfruchtbarkeit auslösendes Medikament durch die Zeit und verseuchen damit den Brunnen der Familie Schicklgruber, sodass Sohn Adolf nie gezeugt wird. Am Tag nach dem Experiment stellt der Student zwar fest, dass niemand mit dem Namen Hitler etwas anfangen kann, an seiner Stelle aber ein Rudolf Gloder an der Spitze der Nazis steht. Durch Hitlers Fehlen hat dieser den ersten Weltkrieg überlebt und dessen Platz eingenommen.

In der Fernsehserie "The Big Bang Theory" hingegen kommt überhaupt keine Zeitreise zustande. Die Welt der vier Physik-Studenten dreht sich um Formeln und Zahlen, sie sind daher wenig erfolgreich bei Mädchen. Um diese zu beeindrucken, ersteigern sie eine Zeitmaschine im Internet – eine Requisite aus dem gleichnamigen Film. Das blinkende Gerät im Wohnzimmer gibt Anlass zu allerlei witzigen Dialogen – doch Zeitreisen kann es keine machen. Sind alle Zeitreisenden Spinner? Oder sind Zeitreisen doch möglich?

Sowohl Albert Einstein als auch Stephen Hawking haben darüber nachgedacht. Die beiden berühmten Physiker fragten sich, inwiefern Portale in die Vergangenheit oder in die Zukunft mit den Naturgesetzen vereinbar sind. Sie kommen zu dem Schluss: Zeitreisen sind in gewisser Weise möglich.

Marlocks
H. G. Wells (1866-1946) reiste mit seiner Time Machine in die ferne Zukunft, wo er die Morlocks traf. Der Vater der modernen Science Fiction nutzte das Thema der Zeitreise vor allem, um auf die sozialen Ungerechtigkeiten seiner Gegenwart aufmerksam zu machen. Standbild: © Warner Home Entertainment

Wie kann es funktionieren? Physikalische Objekte haben drei Dimensionen: Breite, Höhe und Tiefe. Doch es gibt eine vierte Größe: die Länge der Zeit. Alles hat nicht nur eine Ausdehnung im Raum, sondern auch in der Zeit. Durch die Zeit zu reisen bedeutet, durch diese vierte Dimension zu reisen. Fährt man mit dem Auto auf einer geraden Strecke, reist man in eine Dimension. Biegt man ab, kommt die zweite Dimension hinzu. Fährt man eine Bergstraße hinauf, kommt die Höhe dazu, man reist in allen drei Dimensionen. Aber auf welchem Weg kommen wir in die vierte Dimension?

"Sie können sich in eine Kiste setzen und eine Sekunde drinnen warten, dann sind Sie eine Sekunde in die Zukunft gereist – die Welt allerdings auch. Wenn sich die Kiste, in der sie sitzen, jedoch sehr schnell bewegt, altern sie weniger schnell als die Welt", sagt Daniel Grumiller vom Institut für Theoretische Physik an der Technischen Universität in Wien.

Nach Einsteins Relativitätstheorie drehen sich Uhren, die sich in Bewegung befinden, langsamer als Uhren, die auf dem Nachtkästchen stehen. Physiker haben zum Beweis Atomuhren um die Welt geflogen. Bei der Ankunft gingen diese um ein paar Nanosekunden langsamer als jene auf dem Boden. Grumiller betont: "In diesem Sinn leben Vielfliger um ein ein paar Sekunden länger."

Wer sich damit nicht begnügen will, muss einfach noch schneller sein. Denn in die Zukunft zu reisen ist logisch und grundsätzlich technisch und körperlich möglich. "Man muss dazu nur einen Menschen in eine Rakete setzen und diese ein paar Jahrzehnte lang mit Erdbeschleunigung beschleunigen", sagt der Physiker. Die Erdbeschleunigung ist die Kraft, mit der uns die Erde anzieht. Eine konstant mit dieser Kraft angetriebene Rakete würde in einigen Jahren nahe Lichtgeschwindigkeit erreichen. Das wäre für den Passagier gar nicht einmal unangenehm, denn da er diese konstante Beschleunigungskraft von der Erde her gewohnt ist. "Es wäre leichter zu ertragen als die Schwerelosigkeit", so Grumiller.

Je näher man an Lichtgeschwindigkeit herankommt, umso langsamer vergeht die Zeit. Hätte man unendlich viel Treibstoff, dann könnte man einen Menschen in nahe Lichtgeschwindigkeit 40 Jahre lang in eine Richtung fliegen und dann 40 Jahre wieder zurück fliegen lassen. Bei seiner Rückkehr wären für ihn 80 Jahre und auf der Erde mehrere Millionen Jahre vergangen. Das ergibt eine Rechnung der Speziellen Relativitätstheorie. "Allerdings wüssten wir nicht, was uns erwartet. Vermutlich gäbe es keine Menschen mehr, wenn man zurückkehrt", räumt der Physiker ein.

Ein solches Horrorszenario thematisiert der Film "Planet der Affen". Der Astronaut Taylor landet auf einem Planeten, der von sprechenden, intelligenten, aber etwas engstirnigen Affen beherrscht wird, die stumme Menschen jagen um Experimente an ihnen vorzunehmen. Taylor kann sich befreien – nur um am Ende des Flims den im Sand versunkenen Kopf der Freiheitsstatue zu finden. Er muss erkennen, dass er auf einer zukünftigen – zerstörten – Erde gelandet ist. "Die Frage ist, ob wirklich jemals jemand so etwas machen wollen würde. Denn zurück in die Vergangenheit führt kein Weg", sagt Grumiller.

Grundsätzlich erlaubt die Allgemeine Relativitätstheorie auch Zeitreisen in die Vergangenheit. Allerdings benötigen sie meist sehr exotische Materie oder Konstrukte – wie negative Energie oder Wurmlöcher. Zwar existieren winzige Wurmlöcher tatsächlich in den Nischen und Ecken von Raum und Zeit. Nichts ist vollkommen glatt. Betrachtet man Objekte unter dem Mikroskop, entdeckt man Löcher und Falten: Die Oberfläche einer Billiardkugel etwa mag für das freie Auge vollkommen glatt aussehen. Aber sie ist es keineswegs, sondern sie ist voller Risse und Löcher. Es ist ein physikalisches Grundprinzip, das auch für die Zeit gilt. Auch dort gibt es kleine Spalten und Hohlräume- allerdings nur auf extrem winziger Ebene. Dort existieren Wurmlöcher. In der subatomaren Welt der Quanten formen sich ständig winzige Tunnel oder Abkürzungen durch Raum und Zeit, verschwinden wieder, und formen sich erneut. Und sie verbinden zwei getrennten Orte und zwei unterschiedliche Zeiten.

Leider haben diese realen Tunnel einen Durchmesser von einem Milliardstel Billionstel Billionstel Zentimeter. Einige Wissenschafter verfolgen die Idee, sie können so ein Wurmloch dingfest machen und so lange ausdehnen, bis ein Raumschiff durchpasst. "Nach allem, was wir wissen, gibt es aber befahrbare Wurmlöcher derzeit nicht", sagt Grumiller.

Laut Stephen Hawking müssten wir Touristen aus der Zukunft sehen, wenn es sie gäbe. Er nennt das Beispiel einer Party für zukünftige Zeitreisende und erstellt eine Einladung mit den exakten Angaben zu Zeit und Ort. Die Tatsache, dass niemand zu seinem Empfang erscheint, beweist für ihn, dass Zeitreisen in die Vergangenheit nicht existieren, weil sie unauflösbaren Widersprüchen führen. Eine solches Paradoxon ist die Großvater-Theorie. Würde es einem Wissenschafter gelingen, sich durch einen Zeittunnel um eine Minute selbst in die Vergangenheit zu befördern, dann kann der Forscher sich selbst sehen, wie er vor einer Minute war. Er könnte theoretisch alles tun – sogar sich selbst erschießen. Dann wäre er tot. Erschossen von sich selbst, bevor er seine Waffe angesetzt hat – für Physiker ein Alptraum. Denn die Idee verstößt gegen ein grundlegendes Gesetz: Die Ursache kommt vor der Wirkung und nie umgekehrt.

"Es wird immer etwas geben, dass Paradoxien, die den Naturgesetzen widersprechen, verhindert", sagt Grumiller. Wie eine Zeitpolizei, die Inkonsistenzen nicht zulässt. "Nur, wenn man die Idee aufgibt, dass man freien Willen hat, wären Zeitreisen in die Vergangenheit zumindest logisch möglich." Eine Kugel, die in eine Zeitmaschine fällt und in der Vergangenheit landet, dürfte dort also nicht so mit sich selbst zusammenstoßen, dass das die Rückreise verhindert. Und keineswegs käme man dazu, sich zu erschießen, denn man könnte nichts beeinflussen. Dann aber würden Zeitreisen in die Vergangenheit bloßen Studienzwecken dienen – oder nur scheinbar ein Gefühl des freien Willens kreieren, wie das etwa im Film "12 Monkeys" der Fall ist: Alles, was in der Zukunft passiert, wird dadurch verursacht, dass in der Zukunft jemand eine Zeitmaschine findet und diese in die Vergangenheit schickt, um zu verhindern, was in der Zukunft passiert. Die Protagonisten mühen sich ab, doch de facto passiert, was sowieso passiert wäre.

In vier Dimensionen zu denken ist also nicht einfach – vielleicht auch deswegen, weil Menschen so vergänglich sind wie die Jahreszeiten, sie sind ein Teil der vierten Dimension. Um unsere Höhe zu ändern, können wir in ein Flugzeug steigen. Um an Tiefe zu gewinnen, können vorwärts gehen. Aber den Lauf der Zeit sieht man uns an. Er beherrscht uns, und nicht wir ihn – nicht einmal, wenn wir die Uhren um eine Stunde vorwärts stellen. Andererseits: Auch Leonardo da Vincis Flugmaschinen waren, als er sie zeichnete, reine Gedankenexperimente. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass der Mensch tatsächlich einmal fliegen würde.

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 30./31. März 2013