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Barbara Prammer (1954–2014) #

Die Nationalratspräsidentin ist am 2. August nach einem Krebsleiden verstorben. #


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 5. August 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Pechar


Barbara Prammer
Barbara Prammer
Foto: WZ/Philipp Hutter

Wien. Das Format, als ernstzunehmende Anwärterin für die Nachfolge von Bundespräsident Heinz Fischer für das höchste Amt im Staat zu gelten, hat sich Barbara Prammer (Jänner 1954 bis August 2014) ganz alleine erarbeitet. Das wäre der nächste Stein gewesen, dem sie das Prädikat „erste Frau in dieser Funktion“ eingemeißelt hätte: erste Landesrätin in Oberösterreich (1995), erste Frau als Nationalratspräsidentin (seit 2006). Am Samstag, dem 2. August, ist die Nationalratspräsidentin an ihrem Krebsleiden gestorben.

Nichts auf ihrem politischen Weg ist ihr einfach zugefallen – keine Seilschaften standen ihr zur Seite. Und manche Schritte hat sie gemacht und erst nach und nach ausgefüllt. Zwar könnte man glauben, dass ihr politisches Engagement in die Wiege gelegt worden sei – ihr Vater war immerhin Bürgermeister in Ottnang im oberösterreichischen Hausruckviertel –, tatsächlich verantwortlich dafür war aber Barbara Prammers ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Dieser war die Triebfeder ihres Handelns.

„Meine sieben mageren Jahre“ #

Prammer stammt aus einem tiefroten Elternhaus, Prammer selbst ist 1974 in die Sozialdemokratische Partei eingetreten: „Die Gewissheit, in der richtigen Partei zu sein und für die richtige Sache einzutreten, war von Anfang an da. (. . .) Bei jedem Schritt vorwärts war das Ziel immer klar – eine gerechtere Gesellschaft.“ Das bekennt sie in ihren Memoiren „Wer das Ziel nicht kennt, wird den Weg nicht finden“, die 2011 erschienen sind.

Als alleinerziehende Mutter eines unehelichen Kindes hat sie selbst erfahren, was es in der Frauenpolitik braucht. Zusätzlich sammelte sie nach Abschluss ihres Soziologiestudiums – jetzt schon als zweifache Mutter – Erfahrung als Vorsitzende des Linzer Frauenhausvereins. Sie nannte das „meine sieben mageren Jahre“ – gemessen an den finanziellen und räumlichen Ressourcen des Frauenhauses.

Als Viktor Klima sie 1997 als Frauenministerin in seine Regierung holte, war sie recht einsam auf dem Wiener Parkett der Intrigen und Männerseilschaften – nicht zuletzt in ihrer eigenen Partei. Auch noch unsicher in der mit Fallen ausgelegten Medienlandschaft. Barbara Prammer ließ sich nicht beirren. Sie hat sich nicht „verhabert“ oder demütig in Rollen pressen lassen. Zielstrebig und konsequent hat sie sich erarbeitet, was andere vielleicht durch Eloquenz müheloser erreicht hätten. Die politische Basisarbeit erlernte sie in Oberösterreich – schon dort musste sie sich die Funktion als Landesrätin erkämpfen. Aber genau diese politische Basisarbeit bezeichnete Prammer als wichtige Wegstrecke – von Quereinsteigern hielt sie wenig.

Rückhalt war für die zweifache Mutter stets ihre Familie: die Kinder, die Eltern, die drei Geschwister. Dort schöpfte sie Kraft. Häufig bezeichnete sie sich als Familienmensch – die Wahrung der Privatsphäre war ihr sehr wichtig. Zuletzt sagte sie: „Ich hatte ein gutes Leben, eingebettet in eine liebevolle Familie – dort wird man aufgefangen.“

Gut möglich, dass ihre Partei sie anfangs wegen ihres Frauseins zur Zweiten Nationalratspräsidentin berufen hat – damit machte die SPÖ eine Persönlichkeit zur später zweiten Frau im Staate, deren Eigenschaften sie genau dafür als prädestiniert erscheinen ließen. Prammer war frei von Kampfrhetorik, aber ebenso von Anbiederung. Je länger sie die Spielregeln im Hohen Haus begründete und häufig ausgleichend auf alle Fraktionen einwirkte, desto sicherer wurde sie in ihrem politischen Aktionsradius. Diese Sicherheit machte sich auch bemerkbar, wenn sie nicht zuließ, dass die Regierung den Spielraum des Hohen Hauses einschränken wollte. Und sie nützte ihre zunehmende Autorität auch dazu, dem Bundeskanzler und ihrem Parteivorsitzenden öffentlich zu widersprechen. Sie tat dies in ihrer betont sachlichen, nüchternen Art. Aber bestimmt.

Streben nach breiter Mehrheit #

Nicht Unsicherheit oder Unentschlossenheit war es, wenn die Nationalratspräsidentin versuchte, stets alle Fraktionen ins Boot zu holen. Der klare, nicht anbiedernde, aber auch nicht untergriffige Ton im Umgang mit Mitgliedern anderer Fraktionen war es auch, der bei der Bevölkerung zunehmend Anerkennung fand.

Vor allem bei wichtigen politischen Projekten strebte sie eine breite Mehrheit an. Möglich, dass einigen der Beschluss für den Parlamentsumbau zu lange gedauert hat, aber sie wollte für ein derart wichtiges und kostspieliges Projekt eben auch die Opposition – vor allem die FPÖ – überzeugen. Es ist ihr am Ende gelungen, wenn sie das neue Parlament auch nicht mehr sehen wird, wird es doch auf ihr begründet sein. Bedauernd, dass sie nicht mehr selbst dabei sein konnte, nahm sie die Einigung der Fraktionen für den Beschluss des Minderheitsrechts bei der Einsetzung von Untersuchungsausschüssen, die ihr sehr viel bedeutet hat, schon vom Krankenbett aus mit Genugtuung zur Kenntnis.

Als Barbara Prammer von ihrer schweren Krankheit während des Nationalratswahlkampfs im September 2013 selbst überrascht wurde, handelte sie für alle, die sie kannten, wenig überraschend: Sie stellte sich dieser Herausforderung mit Charakterstärke, klärte die Öffentlichkeit auf und nahm den Kampf auf, weil sie noch sehr viel vor hatte in ihrem Leben.

Wiener Zeitung, Dienstag, 5. August 2014