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Britische Rakete außer Kontrolle#

Im Juni 2016 soll die Testfeuerung einer britischen Trident-Rakete fehlgeschlagen sein - statt vor die Küste Afrikas nahm sie Fahrt auf die USA. Die Regierung weigert sich jedoch, Stellung zu nehmen.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag,24. Jänner 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher


Premierministerin Theresa May in der 'Andrew Marr Show' auf BBC
Premierministerin Theresa May verweigerte trotz mehrmaliger Nachfrage in der "Andrew Marr Show" auf BBC am Sonntag eine Antwort auf die Frage, ob sie von der Fehlzündung wusste.
Foto: © reu

London. Oppositionspolitiker in London werfen Premierministerin Theresa May vor, dem Parlament die Wahrheit über den Raketentest aus politischem Kalkül verschwiegen zu haben, als das Unterhaus im Juli vorigen Jahres über Abschaffung oder Beibehaltung der britischen Atomwaffen abstimmte - zumal der außer Kontrolle geratene "Atomschlag" wenige Wochen zuvor womöglich das Territorium der USA traf.

Regierungskritiker gehen davon aus, dass die Regierungschefin den Fehlschlag zu verschleiern suchte, um keine Zweifel an der Effizienz der Nuklearbewaffnung Großbritanniens aufkommen zu lassen. Sie habe "absolutes Vertrauen" in diese Waffen, erklärte May auch am Montag wieder, und sei bestens informiert über alle Atomwaffen-Belange. Einzelheiten zu Waffen-Tests liefere ihre Regierung aber grundsätzlich nicht.

Die Affäre war am Sonntagmorgen von der Londoner Sunday Times losgetreten worden. Das Blatt berichtete unter Verweis auf einen "hochrangigen Offizier" der Royal Navy, dass eine von dem britischen U-Boot HMS Vengeance zu Testzwecken abgefeuerte Trident-Rakete am 20. Juni 2016 außer Kontrolle geraten und vom geplanten Kurs abgekommen war.

Die HMS Vengeance lag damals vor der Küste von Florida. Sie war nach vier Jahren Überholungsarbeiten erstmals wieder voll im Einsatz und sollte ihre Apparaturen und ihre Mannschaft mit dem Abschuss einer - nicht mit Sprengköpfen bestückten - Trident-Atomrakete testen.

Die Rakete sollte 9000 Kilometer weit, bis fast vor die Küste Westafrikas, geschossen werden. Ein Defekt führte aber laut Sunday Times dazu, dass sie kurz nach dem Auftauchen aus dem Wasser die Richtung änderte, "möglicherweise mit direktem Kurs aufs amerikanische Festland, statt hinaus auf die offene See".

"Enorme Panik auf höchster Regierungsebene"#

Den weiteren Informationen der Zeitung zufolge löste der Fehlschlag damals "enorme Panik auf höchster Regierungsebene und beim Militär" aus. Letztendlich habe sich die Regierung, um das Vertrauen in die britischen Atomwaffen nicht zu mindern, "dafür entschieden, diesen Fehlschlag geheim zu halten".

Premierminister war an jenem Testtag des 20. Juni noch David Cameron. Drei Tage später wurde das EU-Referendum abgehalten, und am 13. Juli löste Theresa May Cameron an der Regierung ab. Bereits am 18. Juli aber fand die entscheidende Unterhaus-Abstimmung über die Zukunft der britischen Atom-Bewaffnung statt.

472 Abgeordnete stimmten für und 117 gegen das 40-Milliarden-Pfund-Projekt der Erneuerung und Modernisierung Tridents auf Jahrzehnte hinaus. Die Entscheidung bedeutet, dass einer britischen Regierung auch künftig vier U-Boote für den nuklearen Einsatz zur Verfügung stehen sollen.

Jedes einzelne der vier U-Boote, vom Vanguard-Typ und aus britischer Produktion, kann 16 US-Trident-Raketen mit multiplen nuklearen Sprengköpfen an Bord mitführen. Ein bis zwei der U-Boote sind stets auf den Weltmeeren unterwegs, damit London jederzeit in der Lage ist, den Befehl zu einem Atomschlag zu geben.

Protest gegen "hoffnungsloses Mauern"#

Noch bei der Unterhaus-Debatte im vorigen Juli hatte die just ins Amt gekommene Premierministerin versichert, falls sie einen solchen Atomschlag für nötig hielte, würde sie ihn anordnen - selbst wenn er 100.000 Menschen das Leben kostete. Nach der Sunday-Times-Veröffentlichung erklärte sie kategorisch, nichts könne ihren Glauben an die britischen Atomwaffen-Systeme erschüttern.

Denn wie alle Tests zuvor sei auch der Test vom vorigen Juni "erfolgreich" verlaufen, erklärten May und ihr Verteidigungsminister Michael Fallon am Montag mehrfach - nämlich als Test des U-Boots und seiner Besatzung. Was alles andere betreffe, dürfe man "nicht alles glauben", was so in der Presse stehe. CNN zufolge bestätigten aber bereits Pentagon-Kreise, dass der Test tatsächlich fehlgelaufen und die Rakete vom Kurs abgekommen war.

Nach Vermutungen britischer Militärexperten kann der fatale Fehler, der sich offenbar bei dem Test vor Florida ergab, mit der Daten-Einfütterung beim Flug der Rakete - statt mit der Rakete selbst oder der Abschuss-Vorrichtung - zu tun gehabt haben. Möglicherweise habe der Flug abgebrochen werden müssen, weil die Kommunikation der nötigen Zieldaten abgerissen sei, berichtete der London Guardian.

Ein Staatsgeheimnis war der Test selbst nicht. Eine Warnung zur Räumung bestimmter Flugschneisen am 20. Juni, dem Testtag, war rechtzeitig ergangen, und anderen Atommächten war der Text angekündigt worden. Danach herrschte aber Funkstille in London. Bei früheren Tests war jeweils der erfolgreiche Ausgang verkündet und häufig sogar Videomaterial zum Abschuss der Raketen verbreitet worden.

Die britischen Oppositionsparteien protestierten am Montagabend scharf gegen das "hoffnungslose Mauern" der Regierung in der Trident-Frage. Auch einige Konservative forderten "mehr Transparenz" in der Sache. Verteidigungsminister Fallon machte den Parlamentariern aber deutlich, dass sie ihm einfach glauben müssten: "Ich versichere dem Unterhaus, dass Fähigkeit und Effizienz der atomaren Abschreckungs-Kraft des Vereinigten Königreichs nicht in Zweifel stehen."

Wiener Zeitung, Dienstag,24. Jänner 2017