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"Rohrwölfe" und "Sandhasen" #

Das Burgenland ist das einzige Territorium, das Österreich nach dem Ersten Weltkrieg hinzugewonnen hat.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 29. Mai 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bruno Jaschke


Gastfreundlich, offen, tolerant – kleinkariert, beschränkt, weltfremd: Das Burgenland und seine Bewohner werden mit höchst widersprüchlichen Attributen charakterisiert. Ein Streifzug durch Geschichte und Mentalitäten von Österreichs jüngstem Bundesland.

Ein Mann kommt in ein Wirtshaus, setzt sich an die Bar, bestellt ein Bier, trinkt, liest Zeitung. Plötzlich springt er auf, rennt zur Tür und schreit hinaus: "Grün oben!" Seelenruhig geht er zur Bar zurück, trinkt und liest weiter. Nach einer Weile springt er wieder auf, rennt zur Tür und schreit: "Grün oben!" Kommt zurück, trinkt und liest weiter. Nachdem er ein drittes Mal zur Tür gerannt ist und "Grün oben!" gerufen hat, kann der Wirt seine Neugier nicht mehr im Zaum halten und fragt den Mann: "Sagen Sie, wieso schreien sie immer ,Grün oben!‘?" Antwortet der Mann: "Ach, ich bin da mit einem Trupp Burgenländer, die Bäume entlang einer Allee einpflanzen."

Witze und Klischees#

Burgenländerwitze kommen, wenn es um Österreichs östlichstes Bundesland geht, mit der gleichen gnadenlosen Unvermeidlichkeit wie Verkehrstaus zu Stoßzeiten auf der Süd-Ost-Tangente. Kann es wahr sein, dass von allen von der "Wiener Zeitung" befragten Burgenländern sich nicht ein Einziger über diese Despektierlichkeiten und die ihnen zugrunde liegenden Klischees ärgert?

"Da stehen wir drüber!", meint die auf Pollenkunde spezialisierte, am Wiener Institut für Botanik arbeitende und aus dem mittelburgenländischen Lebenbrunn stammende Universitätsprofessorin Martina Weber. Fritz Ostermayer, Radio-Moderator ("Im Sumpf"), Musiker, Autor, gelegentlicher Schauspieler und per Eigendefintion "Generaldilettant": "Jeder gute Witz braucht ein Opfer. Und in jedem Klischee steckt wohl auch ein Körnchen Wahrheit." Paul Gludowatz, der aus Eberau stammende Trainer des oberösterreichischen Fußball-Bundesligisten SV Ried, lässt immerhin leichten Sarkasmus durchklingen: "Witze und Klischees scheinen eine besondere Anziehungskraft auf viele ,interessante’ Personen(gruppen) auszuüben, die ihren Job oder ihren (Zweit-)Wohnsitz in unsere Idylle, sprich: Südburgenland verlegt haben."

Das Burgenland ist das einzige Territorium, das Österreich nach dem Ersten Weltkrieg hinzugewonnen hat. Das neue Mutterland, um riesige Gebiete gerupft, hielt sich mit Liebesbezeugungen an den Nachwuchs freilich zurück. Nie wirklich begehrt gewesen zu sein, das ist die Ur-Erfahrung von Österreichs jüngstem Bundesland: Zwar war die ehemalige römische Provinz Pannonien , die den größten Teil ihrer späteren politischen Existenz unter ungarischer Verwaltung zugebracht hat, immer wieder Schauplatz heftiger Kämpfe, nie aber Streitobjekt gewesen. "Ein Durchzugsgebiet, in dem sich folgenlos brandschatzen, plündern und vergewaltigen ließ", wie der Schriftsteller Peter Wagner schreibt.

Zum Namen "Burgenland" kam der in Nord-Süd-Richtung 160 Kilometer lange, an seiner geringsten Ost-West-Ausdehnung bei Sieggraben im Bezirk Mattersburg nur 5 Kilometer breite Streifen Flach- und Hügelland zwischen Alpen-Ausläufern und ungarischer Tiefebene eher beiläufig. Die bis dahin übliche Bezeichnung Deutsch-West-Ungarn war nach dem Anschluss an Österreich 1921 obsolet, da die junge Republik sich unter allen Umständen von ihrer monarchischen Vergangenheit distanzieren und alle Bande mit Ungarn lösen wollte. Alternativ kam in Anlehnung an die Heanzen, die seit dem 11. Jahrhundert ansässigen deutschen Siedler, der Name "Heinzenland" auf.

Armenhaus Österreichs#

Das funktionierte aber deshalb nicht, weil die Bezeichnung Heanzen oder Hienzen überall einen deutlich abwertenden Einschlag hatte; regionale Attribute forcierten zudem noch ihre Lächerlichkeit. Die Bürger von Güns (Köszeg) etwa hießen seit einem Besuch Kaiserin Maria Theresias Bumm-Hienzen : Bei den Proben für ihren feierlichen Empfang soll die Günser Bürgergarde im wahrsten Wortsinn ihr ganzes Pulver verschossen haben. Als die Herrscherin dann eintraf und keine Munition für Salutschüsse mehr verfügbar war, soll die ganze Garde auf Kommando hin nach Leibeskräften "Bumm" gebrüllt haben.

Das burgenländische Dorf ist für viele ein Ort des Rückzugs. Hier Strem, Südburgenland. Foto: Willy Puchner Der Name "Burgenland" spiegelt letztlich das Begehren Österreichs, auch Pressburg, Eisenburg, Wieselburg und Ödenburg dem neuen Bundesland einzugemeinden. Aus einer gewissen Gleichgültigkeit heraus beließ man ihn auch, als sich dann herausstellte, dass keine einzige der den Namen inspirierenden Städte auf dem Landesgebiet bleiben würde, das er bezeichnete. Statt der Wunschhauptstadt Ödenburg, die per Volksabstimmung Ungarn zugesprochen und zu Sopron wurde, übernahm, nach vierjährigem Intermezzo durch Bad Sauerbrunn, 1925 die bis heute als nicht wirklich aufregend bekannte Kleinstadt Eisenstadt die Funktion, den Sitz der Landesregierung zu beherbergen.

Bis in die jüngste Vergangenheit war das Burgenland unangefochten das Armenhaus Österreichs. Gleich nach dem Ersten Weltkrieg wanderten wegen der desolaten wirtschaftlichen Lage 60.000 Burgenländer in die USA aus, 30.000 davon nach Chicago. Nach dem Zweiten Weltkrieg zementierte der Eiserne Vorhang die Randlage des Burgenlands nicht nur geografisch. "Der Eiserne Vorhang war wie eine Sackgasse", erinnert sich der 1960 in Güssing geborene, heute in Wien und wochenends im südburgenländischen Strem wohnhafte Kinderbuchautor Heinz Janisch. "Da ging es nicht weiter. Wachtürme, Soldaten. Keine Züge, die nach Güssing gehen, nur ein Bus. Das Burgenland kam mir wie ein vergessener Landstrich vor, daher wollte ich – wie viele – bald nach Wien oder Graz."

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989, dem EU-Beitritt Österreichs 1995 und daraus resultierenden großzügigen Förderungen für die Region fand das Burgenland Anschluss an das restliche Österreich und vor allem auch an das benachbarte Ausland (Ungarn, Slowakei, Slowenien). Ein gewisser hinterwäldlerischer Hauch ist jedoch an dem Land haften geblieben. Wer hier bleibt, muss die Kunst der Genügsamkeit beherrschen; wer es zu Höherem (an Gehalt und/oder Prestige) bringen will, muss anderswo Arbeit suchen.

Daraus folgt nun zum einen, dass das Burgenland nach wie vor eine beachtliche Anzahl an überregional gefragten Kräften in Politik, Unterhaltung, Kultur, Medien und Sport stellt: Von den Bundesministern Norbert Darabos, Nikolaus Berlakovits, Staatssekretär Josef Ostermayer über die Brüder Lukas, Willy und Peter Resetarits, Barbara Karlich, Christian Kolonovits, Toni Stricker, Gottfried Kumpf, Christian Fennesz, die Rock-Band "Ja, Panik" bis zu den Fußballern Martin Stranzl und Andreas Ivanschitz, sowie dem Trainer Paul Gludovatz, der das U21-Nationalteam zu sensationellen Erfolgen führte.

Zum anderen hat sich das Land mit seiner sprichwörtlichen Rückständigkeit häuslich recht gut eingerichtet. Der Tourismus als Haupteinnahmequelle, der den größten Teil seiner jährlich 2,9 Millionen Nächtigungen de facto den Thermen, dem Wein, dem Neusiedlersee und Kultur-Events wie den Seefestspielen Mörbisch, den Opernfestspielen St. Margarethen und den Burgspielen Güssing verdankt, lebt unterschwellig auch vom Bild eines archaischen, von Stress und Zivilisations-Dekadenz noch weitgehend unverseuchten Landes. Dieser – mit der Realität natürlich bestenfalls bruchstückhaft kompatible – Romantizismus hat zusammen mit dem milden Klima und der Landschaft dazu beigetragen, zahlreiche Kulturschaffende ins Land zu holen bzw. zurückzuholen.

Heinz Janisch: "Es gibt noch schöne alte Häuser. Orte, die Ruhe ausstrahlen und gelebtes Leben, der Storch sitzt auf dem Nachbardach, alles blüht, die Natur hat ihren Raum, in den Weinbergen kann man gut sitzen, trinken und essen . . . Etwas beruhigt sich, wenn ich im Burgenland bin. Es ist ein besonderes Land, mit viel Sonne und Licht."

Dörfer mit Nestwärme#

Der Künstler, Zeichner, Fotograf und Autor Willy Puchner hat sich vor zweieinhalb Jahren mit seiner Lebensgefährtin in Oberschützen angesiedelt. "Nach ein paar Tagen ist der Schweinebauer mit dem Traktor vorbeigefahren, abgestiegen und hat gesagt, ,Ich bin der Hans, wenn’st was brauchst, komm zu mir.‘ Der Bürgermeister hat gesagt, ,Super, dass Sie jetzt da leben, weil ein paar lustige Vögel brauchen wir auch im Dorf‘."

Der Burgenländer gilt als gastfreundlich. Und dass er selbst Nestwärme schätzt, ist schon fast mehr als nur eine Metapher. Peter Wagner, der in "in einem sehr einsamen südburgenländischen Ried, wo nur 13 Häuser stehen", Quartier bezogenen hat: "Ich glaube, dass die Dörfer im Burgenland strukturell Nestern ähneln. Man behauptet – und ich kann dem durchaus etwas abgewinnen –, dass zwischen einem Wolfauer und einem Wörterberger, die grade mal zwei Kilometer voneinander entfernt sind, mehr Unterschied ist als zwischen einen Burgenländer und einem Steirer. Das burgenländische Dorf ist ein Ort des Rückzugs. Da kann nicht so einfach einer reinkommen. Ich selbst habe als 16-Jähriger eine Watschn in Großpetersdorf gekriegt, weil ich ein Schmuseverhältnis mit einer Großpetersdorferin hatte. Aus Stinatz hat man früher kein Mädchen abziehen können, ohne dass es eine Messerstecherei gegeben hätte. Heute ist das nicht mehr so krass, aber die Tendenz zur Abschottung ist geblieben."

Dies manifestiert sich nach außen hin in den unterschiedlichen Dialekten sowie in "Kosenamen" für die Bewohner verschiedener Orte: Im Seewinkel etwa werden die Apetloner eben wegen ihres Dialekts "Franzosen" gerufen. Die Illmitzer heißen "Rohrwölfe", weil sie so viel Schilf haben, die Podersdorfer, direkt am Strand gelegen, "Sandhasen"; die Bewohner von St. Andrä am Zicksee erfreuen sich, weil es dort beim Campingplatz eine Kolonie von Zieseln (Erdhörnchen) gibt, des Spitznamens "Zeiselbären".

Während also der Burgenländer dazu neigt, sich innerhalb von Dorfgemeinschaften hermetisch abzuriegeln, weiß er das Zusammenleben verschiedener Ethnien souverän und selbstverständlich zu handhaben: 10,4 Prozent der 284.000 Einwohner sind Burgenlandkroaten, 2,4 Prozent Ungarn, 1,3 Prozent Kroaten. Nachholbedarf hat das Land zweifellos bei der Integration der um den Raum Oberwart konzentrierten Roma: "Ich war bis vor kurzem im Vorstand eines Roma-Vereins und gerade mal vor zwei Jahren haben wir den ersten Roma-Maturanten gefeiert", erzählt Peter Wagner.

Es ist ein tragisches Paradoxon der Geschichte, dass der Mordanschlag von Oberwart 1995 die Roma näher an die Gesellschaft herangeführt hat. Und es ist auch eine etwas absurde Laune Fatimas, dass der Anruch von Xenophobie just das Burgenland anwehte, als sich die kleine Marktgemeinde Eberau einem geplanten Erstaufnahmezentrum für Asylanten verweigerte. "Eines darf man nicht vergessen", relativiert denn auch Wolfgang Weisgram, in Marz (Bez. Mattersburg) ansässiger Wahlburgenländer und Fußball-Experte des "Standard": "Als Eberau ausbrach, formierte sich um Peter Wagner eine wirklich breite Plattform, die ,Obacht‘ rief. Allen Eberauismen zum Trotz sind es die Offenheit und die Toleranz, die die Burgenländer zu Burgenländern machen."

Was sonst noch macht die Burgenländer zu Burgenländern? Sie stehen im Ruf, fleißig zu sein. Und redlich. Mit "der großen Perspektive" hingegen haben sie es, will man einigen ihrer namhaften Landsleute Glauben schenken, nicht so besonders. Der Schattendorfer Fritz Ostermayer, dem Staatsekretär als Cousin zweiten Grades verwandtschaftlich verbunden, attestiert ihnen "Kleinhäuslertum. Dieses und die damit einhergehenden Untugenden teilen wir uns jedoch mit den benachbarten Niederösterreichern: Angst vor allem und Neid auf jeden, Veränderungsunlust – ,zu wos brauch ma des?‘ –, als Sparsamkeit getarnter Geiz, penetrante Reinlichkeit – ,arm, aber sauber‘ –, überhaupt: Kleinmut in allen Lebenslagen!"

Die "Burgenbürger"#

Heinz Janisch konstatiert ein "mangelndes Selbstbewusstsein Intellektuellen gegenüber". Ein generelles Defizit an Selbstwertgefühl sieht Peter Wagner, der sich schon seit seiner Jugend in Hörspielen, Theaterstücken und Büchern mit der Psycho-Hygiene des Burgenlands und den daraus resultierenden gesellschaftlichen und politischen Folgen auseinandersetzt. In seinem aktuellen Werk, "Die Burgenbürger", erschienen in der Edition Marlit im Hora Verlag, versucht der 54-jährige gebürtige Oberwarter, von Wolfgang Weisgram als einer der "letzten klassischen Intellektuellen" komplimentiert, nichts weniger als "die ultimativ märchenhafte, märchenhaft ultimative Geschichtsschreibung eines weitgehend unerforschten Menschenvolks".

In der über 500 Seiten dicken, von dem aus Polen stammenden Künstler Henryk Mossler bisweilen recht drastisch illustrierten Satire schickt Wagner den von ihm sehr verehrten Fred Sinowatz und den viel weniger geschätzten aktuellen Landeshauptmann Hans Niessl auf eine Zeitreise durch die Geschichte des Burgenlands. Immer wieder tritt in den 21 Episoden das auf, was Wagner für die Wurzel der burgenländischen Malaise hält: der Feudalismus. "Die politischen Parteien haben nicht nur nichts zur Emanzipierung eines freien Bürgertums beigetragen, sondern haben das Selbstverständnis der früheren Fürsten übernommen und pflegen es bis zum heutigen Tag weiter."

Die Fama besagt, dass sich Langzeit-Landeshauptmann Theodor Kery (Amtzeit 1966 – 1987) noch in den 80er Jahren die Hand küssen ließ. Ob nun wahr oder nicht – die Volksvertreter des Burgendlandes werden jedenfalls nicht inflationär von guter Nachrede verfolgt. Martina Weber ist "ziemlich sicher, dass die Politik bei Postenvergaben und dergleichen nach wie vor eine große Rolle spielt". Fritz Ostermayer kann weit und breit "keine an der Mündigkeit der Bürger interessierte Politik sehen", spürt aber in der globalen Vernetzung einen frischen Wind zur "Durchlüftung der Burgenländerköpfe".

Offen, tolerant, philanthropisch, lebensfroh auf der einen Seite – kleinkariert, knausrig, beschränkt auf der anderen Seite: Wie sollen solche Attribute zum selben Menschenschlag passen? Der Homo Suellensis Pannoniae , der Burgenländische Schwellenmensch, wie ihn Peter Wagner in den "Burgenbürgern" nennt, bleibt ein Rätsel. Man lacht gerne über ihn, und fühlt sich insgeheim versucht, ihn zu beneiden – um seine Gelassenheit, eine Mitgift seines Landes. Fritz Ostermayer: "Da gibt es die Weinkultur und die Tatsache, dass es sich in meiner Heimat noch immer gut und lange feiern lässt. Auch wenn in den Dörfern die Zeit mittlerweile genauso schnell dahin rauscht wie in den Städten – das subjektive Empfinden der Weinbeißer lässt sie hier zumindest entschleunigt erscheinen: pro Achtel Blaufränkischen um geschätzte zehn Prozent langsamer."


Bruno Jaschke, geboren 1958 in Irdning (Stmk.), lebt als freier Journalist und Autor in Wien. Zuletzt ist von ihm der Erzählungsband "Katastrophen" (Arovell Verlag, 2010) erschienen.

Wiener Zeitung, 29. Mai 2010