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Der umsichtige Modernisierer#

Vor 200 Jahren wurde Cajetan Felder geboren. Als Wiener Bürgermeister bewältigte dieser bedeutende liberale Kommunalpolitiker große urbanistische Herausforderungen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 23./24. August 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Friedrich Weissensteiner


Cajetan Felder
Cajetan Felder, Lithographie von Adolf Dauthage.
© Bild: Wikipedia

Nach dem überraschenden Tod von Dr. Andreas Zelinka im November 1868 wurde am 20. Dezember dieses Jahres der Anwalt Dr. Cajetan Felder mit großer Mehrheit zum neuen Wiener Bürgermeister gewählt. Der Wiener Gemeinderat war damals keineswegs eine demokratische Volksvertretung. Vom allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht, das gegen den hinhaltenden Widerstand der privilegierten Gesellschaftsschichten (geistlicher und weltlicher Adel, Besitzbürgertum) hart erkämpft werden musste, war man noch meilenweit, sprich: vier Jahrzehnte entfernt.

In der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie waren nur über 24 Jahre alte Bürger (Untertanen) wahlberechtigt, die eine bestimmte jährliche Steuerleistung (Zensus) erbrachten. Zunächst waren das zehn Gulden, später wurde der Zensus auf fünf Gulden herabgesetzt ("Fünfguldenwähler"). Diese privilegierte Wählerschicht war in Wien in drei, durch gesellschaftlichen Stand und Vermögen gewichtete Wahlkörper (Kurien) unterteilt ("Kurienwahlrecht").

Jede dieser Kurien entsandte vierzig Vertreter in den 120 Köpfe zählenden Gemeinderat. In der Haupt- und Residenzstadt des Kaisers, die bei der Wahl Felders im Jahr 1868 etwa 600.000 Einwohner zählte, waren gerade einmal zwanzigtausend Bürger wahlberechtigt.

Liberale an der Macht#

Im Wiener Gemeinderat gab seit 1861 das liberale, wohlhabende Großbürgertum den Ton an. Breiteste Bevölkerungsschichten waren politisch rechtlos. Alle wie immer gearteten kommunalpolitischen Maßnahmen wurden über ihre Köpfe hinweg beschlossen. Um ihr Los oder gar um ihre Gunst kümmerten sich und warben die Herren Gemeinderäte wenig. Für die meisten von ihnen waren diese Menschen eine anonyme Masse jenseits ihres Gesichtsfeldes und ihres politischen Wahrnehmungsvermögens.

Die Liberalen, die sich 1848 und danach so tatkräftig um eine freiheitliche Entwicklung in Staat und Gesellschaft eingesetzt hatten, waren, an die Macht gelangt, vordringlich auf die Wahrung ihres Besitzstandes bedacht. Sie waren keineswegs eine einheitliche Gruppierung. Parteien, schon gar Massenparteien mit einer organisierten Anhängerschaft, eingeschriebenen Mitgliedern und Beitragszahlern gab es damals nicht. Die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten begannen sich erst organisatorisch zu formieren und spielten noch keine bedeutsame politische Rolle.

Die liberale Gemeinderatsfraktion war in sich zersplittert. Felder gelang es jedoch, die sogenannte "Mittelpartei", die die Mehrheit stellte, hinter sich zu scharen. Cajetan Felder, der sich aus dem Kleinbürgertum hochgearbeitet hatte, aber im Vergleich zu einigen seiner Gesinnungsfreunde gemäßigte Ansichten vertrat, war einer von ihnen. Man kann ihn dennoch als einen kommunalpolitisch weitblickenden und bedeutenden Politiker bezeichnen. Wenn er auch keine soziale Ader hatte, für die großen, zukünftigen Aufgaben einer werdenden Großstadt war er der richtige Mann zur richtigen Zeit.

Felder, der ein Jahrzehnt lang (1868-78) an der Spitze der Wiener Stadtverwaltung stand, kam am 19. September 1814, einen Tag nach der Eröffnung des Wiener Kongresses, auf der Wieden zur Welt. Er wächst nach dem Wohnungswechsel der Eltern in der Ungargasse, im heutigen dritten Gemeindebezirk, auf. Die vierköpfige Familie lebt in einer zweckdienlich eingerichteten Mietwohnung, bestehend aus Wohn- und gemeinsamen Schlafzimmer, Küche, Kabinett.

Der Vater verdient als Beamter den Lebensunterhalt, die Mutter führt den Haushalt. Die Familie unternimmt zu den Wochenenden Ausflüge in den Wienerwald, die zwei Söhne verbringen so manchen Sommermonat bei einem Verwandten in Baden bei Wien. "Sommerfrische" nannte man das in der keineswegs beschaulichen Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der Revolution des Jahres 1848.

Der kleine, aufgeweckte Cajetan erhält zunächst einjährigen Privatunterricht und besucht dann die Pfarrschule St. Rochus. Im Unterricht wird auf strenge Disziplin geachtet. Der kleinste Verstoß dagegen wird bestraft, das Rohrstaberl regiert im Klassenzimmer. Cajetan wird mit dem Erziehungsknüppel wohl nicht Bekanntschaft gemacht haben, denn er ist ein fleißiger und braver Schüler.

Vollwaise mit Acht#

Den Knaben treffen aber zwei schwere Schicksalsschläge. Als er acht Jahre alt ist, stirbt die geliebte Mutter an Typhus, vier Jahre später der Vater. Die Erziehung des Vollwaisen übernimmt ein Onkel, der ihn in das Stiftsgymnasium der Benediktiner in Seiten-stetten (NÖ) schickt, wo ihm eine solide, keineswegs rückschrittliche Ausbildung zuteil wird. Nach der Ablegung der Matura am Brünner Staatsgymnasium studiert Felder Rechtwissenschaft an der Wiener Universität und wird zum Dr. jur. promoviert.

Dr. Cajetan Felder hat zwei Hobbys, durch die er seinen geistigen Horizont konstant beträchtlich erweitert: er unternimmt ausgedehnte Reisen und er lernt eine Fremdsprache nach der anderen. Zusätzlich zu den europäischen Hauptsprachen spricht er Türkisch, Persisch Schwedisch, Dänisch, Niederländisch und Portugiesisch. Er war der polyglotteste Bürgermeister in der langen Reihe der Wiener Stadtoberhäupter. Er besaß eine umfassende Porträtsammlung und eine reichhaltige Bibliothek, wissenschaftlich betätigte er sich als Entomologe.

Beruflich setzt er Schritt um Schritt. Nach seiner mehrjährigen Tätigkeit bei einem bekannten Wiener Advokaten eröffnet er 1847 eine eigene Rechtanwaltskanzlei, erwirbt sich Ansehen, wird wohlhabend. Politisch äußert er sich in der Metternich-Ära nicht. Im Revolutionsjahr 1848 schließt er sich widerwillig der Akademischen Legion an, widmet sich dann aber wieder ausschließlich seiner Arbeit als Rechtsanwalt. Erst 1861 kandidiert er für den Gemeinderat und wird auf Anhieb zum Vizebürgermeister gewählt. Sieben Jahre später erfolgt seine Wahl zum Bürgermeister.

Die große Baustelle#

Die Wiener Innenstadt gleicht beim Amtsantritt Felders weitgehend einer Baustelle. Auf kaiserliche Anordnung vom Dezember 1857 ist die Stadtmauer abgerissen worden, die Basteien sind gefallen, der Stadtgraben ist zugeschüttet. Auf dem ehemaligen Glacis ist die Ringstraße im Entstehen, ein Prachtpalais nach dem anderen wird errichtet. Es gibt einen riesigen Bauboom, die sogenannte "Gründerzeit" hat begonnen. Wien ist auf dem Weg zur modernen Großstadt. Die Bevölkerung wächst, der Zuwandererstrom, vor allem aus Böhmen, ist gewaltig, die Wohnungsnot enorm.

Die liberale Stadtverwaltung steht vor riesigen Aufgaben. Eine der dringendsten ist die Wasserversorgung. Pläne für eine Hochquellenleitung mit Quellwasser aus dem Schneeberg- und Raxgebiet liegen bereits vor. Nun gilt es, sie zu verwirklichen. Der tatkräftige, zielstrebige neue Bürgermeister setzt sie ins Werk. 1870 wird mit dem Bau begonnen, drei Jahre später wird das wasserbautechnische Meisterwerk in Betrieb genommen. Felder sagt bei der Eröffnung: "Der Hütte der Armen sowie dem Palast der Reichen sollen die Wohltaten dieses Wunderwerks zugute kommen." Bei den Hütten dauert es freilich noch eine geraume Zeit. Erst 1880 sind 75 Prozent der Wiener Häuser mit Wasser versorgt.

Ein Gebot der Stunde war auch die Donauregulierung. Für den im Gebiet von Wien weit verzweigten Fluss, dessen Arme bei Überschwemmungen immer wieder riesige Schäden anrichteten, musste ein fixes Hauptbett geschaffen werden. Pläne hierfür gab es seit langem. Felder griff sie auf und führte sie einer Realisierung zu. 1870 wurde der Spatenstich für die Regulierungsarbeiten vorgenommen, fünf Jahre später war das groß angelegte Werk fertiggestellt. Weitere Vorhaben, die in der Amtszeit Felders verwirklicht wurden, waren der Ausbau des Straßennetzes, der Bau einer Vorortepferdebahn und die Errichtung eines allen Religionsgemeinschaften offen stehenden Friedhofes. Der Wiener Zentralfriedhof wurde am 1. November 1875 kalendermäßig seiner Bestimmung übergeben.

Felders persönlichstes Projekt, das er mit zäher Zielstrebigkeit betrieb, war die Errichtung eines neuen Rathauses. Auch dafür lagen die Pläne bereits vor, der Bauplatz war allerdings höchst umstritten. Trotz heftigen Widerstands seitens der Militärs setzte der Bürgermeister beim Kaiser für den Bau das Gelände auf dem Exerzier- und Paradeplatz durch, auf dem das eindrucksvolle neugotische Gebäude heute steht. Das neue Wiener Rathaus wurde am 12. September 1883 eröffnet. Felder war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Amt. Zur Eröffnungsfeier wurde er nicht eingeladen. Das gehört zum Politikerschicksal.

Die Weltausstellung#

Der Wirtschaftsaufschwung und der Bauboom der Gründerzeit erreichten mit der Weltausstellung im Jahr 1873 ihren Höhepunkt. Das Monsterprojekt auf dem Pratergelände mit der Rotunde als glanzvollem Mittelpunkt erfüllte in keiner Hinsicht die hoch gesteckten Erwartungen. Das damit verbundene Spekulationsfieber mündete in einen desaströsen Börsenkrach. Die Spekulanten machten fette Gewinne, viele ahnungslose Käufer von Aktien verloren Hab und Gut.

Für die Staatskasse war die Weltausstellung ein finanzielles Fiasko. Die Ausgaben betrugen 20 Millionen Gulden (ca. 200 Millionen Euro), die Einnahmen ein Fünftel dieses Betrages. Auch das Gemeindebudget lag vor allem durch die Finanzierung der skizzierten kommunalen Großprojekte im Argen. Dazu kamen erhebliche Zwistigkeiten innerhalb der liberalen Fraktion. Die Position des Bürgermeisters war unhaltbar geworden. Felder legte am 28. Juni 1878 sein Amt zurück.

In den sechzehn Jahren bis zu seinem Tod trafen ihn schwere familiäre Schicksalsschläge. Sein Sohn Rudolf und seine Frau starben, er selbst erblindete. Vereinsamt zog er sich in sein Landhaus in Weidling bei Klosterneuburg zurück, diktierte seine Lebenserinnerungen und schied am 30. November 1894 aus einem ereignisreichen Leben. Im Jahr darauf verloren die Liberalen die Mehrheit im Gemeinderat. Die Zukunft gehörte den Christlichsozialen und dem Mann, der ihnen den Stempel seiner überragenden Persönlichkeit aufprägte: Karl Lueger.

Friedrich Weissensteiner war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Sachbücher, unter anderen: "Die rote Erzherzogin", "Die Frauen der Genies" "Große Herrscher des Hauses Habsburg".

Wiener Zeitung, Sa./So., 23./24. August 2014