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Schwierige Sternengeburt#

Vor 60 Jahren, am 8. Dezember 1955, wurde die Europaflagge beschlossen. Der Entscheidung für dieses Symbol mit den zwölf Sternen vor blauem Hintergrund waren heftige Dispute vorangegangen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 5./6. Dezember 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Hütterer


EU-Flagge
Warum gerade zwölf Sterne? Auch darum ranken sich einige Legenden...
© dpa/Horst Ossinger

Es ist ein Symbol, das polarisiert. Während viele darin ein Zeichen für eine friedliche Zukunft sehen, so wollen andere so wenig wie möglich damit zu tun haben: Ein Kreis von zwölf gelben Sternen auf blauem Grund steht für die Einigung Europas. Vor sechzig Jahren, am 8. Dezember 1955, beschloss der Europarat, dass der Sternenkranz das Zusammenwachsen unseres Kontinents symbolisieren soll.

Schon während des Zweiten Weltkrieges war klar, dass nur durch eine enge Zusammenarbeit ein weiterer Krieg unter den Völkern Europas verhindert werden kann - und 1949 wurde dazu der Europarat gegründet. Die teilnehmenden Staaten waren sich einig, dass ihre Zusammenarbeit durch ein Zeichen erkennbar sein und dadurch mehr Rückhalt in der Öffentlichkeit erhalten sollte. Doch die Suche nach einem Symbol war komplizierter als erwartet. Um es mit dem damaligen belgischen Außenminister Spaak zu sagen: "Diese scheinbar einfache Frage ist in Wirklichkeit äußerst delikat, es ist diese Art von Problem, bei dem man leicht auf die Nase fallen kann."

"Churchills Unterhosen"#

Zwei Flaggen kamen in die engere Wahl: Eine davon war jene der paneuropäischen Bewegung von Richard Coudenhove-Kalergi, die ein rotes Kreuz in einer goldenen Sonne auf blauem Grund zeigte. Ein Kreuz war aber aus ideologischen Gründen für viele Politiker nicht annehmbar, und auch die Türkei widersetzte sich diesem christlich konnotierten Zeichen. Der zweite Vorschlag wurde vom britischen Politiker Duncan Sandys eingereicht und stellte ursprünglich ein rotes "E" auf weißem Grund dar. Die Farbe Rot war im beginnenden Kalten Krieg in Westeuropa allerdings nicht opportun und so wurde sie durch Grün, das die Hoffnung auf ein vereintes Europas ausdrücken sollte, ersetzt. Als reines Buchstabensymbol hatte dieser Vorschlag allerdings zu wenig Aussagekraft und Spötter erinnerte dieses Motiv gar an "Churchills Unterhosen", die auf einer Wiese zum Trocknen aufgelegt waren.

Beide Vorschläge waren also ungeeignet, und so entwarf 1953 die Beratende Versammlung, die heutige Parlamentarische Versammlung des Europarates, ein neues Motiv: ein Kranz aus fünfzehn goldenen Sternen auf blauem Grund. Die Zahl der Sterne wurde mit fünfzehn festgelegt, weil der Europarat zu dieser Zeit vierzehn Mitglieder und ein assoziiertes Mitglied hatte. Doch damit war der Anlass für einen neuen Disput gegeben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Saarland zur französischen Besatzungszone in Deutschland, wurde aber 1947 als französisches Protektorat aus dieser gelöst und erhielt eine eigene Verfassung und Regierung. Das Saarland trat danach als assoziiertes Mitglied dem Europarat bei. Als nun die Flagge mit den 15 Sternen vorgeschlagen wurde, stieß dies auf den Widerstand Deutschlands. Die Regierung in Bonn wollte die Unabhängigkeit des Saarlands nicht anerkennen und verhindern, dass dem Saarland symbolisch in Form eines Sterns auf der Europaflagge die Eigenstaatlichkeit zuerkannt wurde. Die Verkleinerung des Sternenkranzes auf vierzehn Teile wurde wiederum vom Saarland abgelehnt - und so musste ein Kompromiss gefunden werden. In der Diskussion um die Zahl der Sterne soll Léon Marchal, der damalige Generalsekretär des Europarates, gesagt haben: "Sie wollen nicht fünfzehn, auch nicht vierzehn, auch nicht dreizehn und auch nicht die zehn der Gründerstaaten. Warum nicht zwölf?"

Ob dieser Satz wahr oder nur gut erfunden ist, ist heute nicht mehr nachprüfbar - und so bleibt ungeklärt, von wem die Idee zum Kranz aus zwölf Sternen tatsächlich stammte. War es wirklich Marchal? Auch Arsène Heitz, ein Angestellter des Europarates, beanspruchte für sich, den Entwurf geliefert zu haben, ebenso behauptete Hanno Konopath von der Europa-Union in Hamburg, der Erfinder des Sternenkranzes gewesen zu sein. Auch der damalige Leiter der Presseabteilung des Europarates, Paul Lévi, wird als Urheber genannt. Von wem auch immer die Idee stammte, sie wurde von allen beteiligten Staaten gut aufgenommen und der Europarat hatte sich damit nach langer Diskussion auf ein Emblem geeinigt.

Am 8. Dezember 1955 war es so weit, und das neue Symbol des Europarates wurde offiziell beschlossen. Es zeigte einen Kreis von nun zwölf gelben Sternen auf blauem Grund, und in der Erklärung dazu hieß es: "Gegen den blauen Himmel der westlichen Welt stellen die Sterne die Völker Europas in einem Kreis, dem Zeichen der Einheit, dar. Die Zahl der Sterne ist unveränderlich auf zwölf festgesetzt, die Zahl versinnbildlicht die Vollkommenheit und die Vollständigkeit."

Beim Beschluss dieses Symbols wurde auch an jene Nationen gedacht, die zu dieser Zeit wegen des Eisernen Vorhanges nicht im Europarat vertreten waren: "Wie die zwölf Zeichen des Tierkreises das gesamte Universum verkörpern, so stellen die zwölf goldenen Sterne alle Völker Europas dar, auch diejenigen, welche heute an dem Aufbau Europas in Einheit und Frieden noch nicht teilnehmen können."

Die Zahl der Sterne#

Aber auch nach dem Beschluss der Flagge ging die Debatte über die Zahl der Sterne weiter. Die Zahl zwölf spielt in vielen Kulturen eine besondere Rolle, erwähnt seien die zwölf Stämme Israels, die zwölf Apostel, die zweimal zwölf Stunden des Tages, die zwölf Tafeln, auf denen die römische Rechtsordnung niedergeschrieben war usw.

Viel wurde darüber diskutiert, ob der Kreis der zwölf Sterne auch ein dezidiert christliches Symbol sei. Arsène Heitz, der als Angestellter des Europarates selbst mehrere Entwürfe der Flagge eingereicht hatte, bezog sich etwa auf die Offenbarung des Johannes, in der es im zwölften (!) Kapitel heißt: "Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt." Aus der Sicht von Verschwörungstheoretikern kann es dann auch kein Zufall sein, dass dieses Symbol just an einem Marienfeiertag beschlossen wurde . . .

In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden auch die Vorgängerinstitutionen der heutigen Europäischen Union, nämlich die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die Europäische Atomgemeinschaft und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet. Die drei Gemeinschaften standen wie einst der Europarat vor der Frage, wie sie nach innen und außen symbolisch dargestellt werden könnten. Zudem war offen, ob ein eigenes Symbol für jede Institu- tion oder ein einheitliches für alle drei Organisationen beschlossen werden sollte. 1959 wurde zwar eine Kommission eingesetzt, die nach einem gemeinsamen Em-blem suchen sollte, ihre Bemühungen versandeten aber ohne Ergebnis. Auch ein europaweiter Wettbewerb, bei dem mehr als 6000 Entwürfe eingeschickt wurden, brachte keinen Fortschritt.

Zwanzig Jahre später nahm sich das Europäische Parlament der Sache an. Es war 1979 zum ersten Mal direkt gewählt worden und wollte ein Zeichen schaffen, das die Einigung des Kontinents versinnbildlichen sollte. Mehrere Abgeordnete brachten den Antrag ein, die Flagge des Europarates zu übernehmen und diese auch als Symbol der Europäischen Gemeinschaften einzuführen.

Der deutsche Europaparlamentarier Kai-Uwe von Hassel, der ebenfalls für die Verwendung des Sternenbanners eintrat, wurde zum Berichterstatter in dieser Frage ernannt - und er brauchte lange, um die Mitglieder des Parlaments von seinem Vorschlag zu überzeugen. Dieser wurde im April 1983 schließlich im Plenum des Parlaments behandelt und mit großer Mehrheit angenommen. Doch damit war die Frage noch immer nicht endgültig entschieden, denn nun musste der Europarat seine formelle Zustimmung dazu erteilen und die verschiedenen Institutionen der Gemeinschaften von einem gemeinsamen Symbol überzeugt werden.

Am 29. Mai 1986 war es dann soweit: In Brüssel wurden die zwölf Sterne auf blauem Grund zum übergeordneten Symbol aller Institutionen erklärt und zum ersten Mal vor dem Gebäude der Europäischen Kommission gehisst.

Doch der Streit um die europäischen Symbole war damit noch nicht zu Ende. Als der Europäische Konvent sich daran machte, eine Verfassung auszuarbeiten, sollten auch die Symbole der Europäischen Union beschlossen werden. Doch einigen Mitgliedstaaten der Union ging dies zu weit. Sie fürchteten, dass es als Ausdruck einer europäischen Staatswerdung gesehen werden könnte und sprachen sich daher dagegen aus, die Symbole vertraglich festzulegen.

Symbol für die Zusammengehörigkeit#

Nachdem der Verfassungsvertrag in Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt worden war, wurde an seiner Stelle der Vertrag von Lissabon beschlossen, der aber keine staatsähnlichen Symbole mehr vorsah. In einer Erklärung zu diesem Vertrag hielten aber sechzehn Mitgliedstaaten - darunter auch Österreich - fest, dass sie die Flagge auch künftig als Symbol für "die Zusammengehörigkeit der Menschen in der Europäischen Union" betrachten werden.

Mittlerweile haben sich die zwölf goldenen Sterne auf blauem Grund als Zeichen für Europa durchgesetzt. Die Flagge weht auf öffentlichen Gebäuden und das Symbol ist auf Banknoten, Autokennzeichen und Ausweisen zu sehen, und so sind die zwölf Sterne trotz ihrer langwierigen und kontroversen Geschichte zu einem Teil unseres Alltags geworden.

Christian Hütterer, geboren 1974, Studium von Politikwissenschaft und Geschichte in Wien und Birmingham, Diplom in Europäischen Studien der Universität Louvain-la-Neuve (Belgien), lebt und arbeitet in Brüssel.

Wiener Zeitung, Sa./So., 5./6. Dezember 2015