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Missionarisch, erfolglos und vergessen#

Bei der ersten Volkswahl des Bundespräsidenten 1951 kandidierten erstmals zwei "Parteifreie".#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 5./6. Dezember 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Walter Hämmerle


Kanditaten für das Bundespräsidentenamt: J. Ude, L. Hainisch-Marchet, I. Griss
Kanditaten für das Bundespräsidentenamt: J. Ude, L. Hainisch-Marchet, I. Griss
Fotos: © LMJ/Spiegel/apa, Fohringer

Wien. "Die Presse schweigt sie tot oder tut sie als ‚unzeitgemäße Lysistrata‘ ab", schrieb "Der Spiegel" im März 1951 über Ludovica Hainisch-Marchet. 2132 Stimmen oder weniger als 0,05 Prozent erreichte die erste Frau, die je in Österreich für das höchste Amt im Staat kandidierte.

War es der Faktor Frau oder das Attribut parteifrei? An ihren Lebensthemen hat es eher nicht gelegen: Hainisch-Marchet sprach neun Sprachen und widmete ihr Berufsleben der Völkerverständigung, dem Frieden und der Reformpädagogik. Nur sechs Jahre nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hätte man vermuten können, mit dieser Agenda auf Gehör zu stoßen. Fehlanzeige. Dass die Schwiegertochter von Bundespräsident Michael Hainisch (1920 bis 1928) für einen Verein namens "Ergokratischer Verband aller Schaffenden" bei den Wahlen antrat, wird auch nicht gerade geholfen haben.

Zwei Missionare#

Hainisch-Marchet war 1951 nicht die einzige Unabhängige. Auch ein Mann fühlte sich berufen. Dessen Selbstbeschreibung las sich so: "Zuerst bekämpfte ich den Alkoholismus und Nikotinismus, dann die Unsittlichkeit, vor allem die Reglementierung der Prostitution, beschäftigte mich mit der Genuss- und Warenerzeugungsfrage, setzte mich für den Vegetarismus ein, bekämpfte den Krieg und arbeitete für den Friedensgedanken, und stemmte mich mit aller Macht gegen die politische Verderbtheit und gegen den Kapitalismus."

Viel Feind, viel Ehr: Diese Devise nahm Johannes Ude fast wörtlich. Und nebenbei wollte der katholische Priester, Theologe, Vegetarier, Pazifist, Ökonom und fast schon manisch veranlagte Weltverbesserer eben 1951 auch Bundespräsident werden. Und das - wie Hainisch-Marchet - nicht als Kandidat des politischen Establishments des noch jungen und unmündigen Landes, sondern als unabhängige Kraft aus dem Volk.

Ude und Hainisch-Marchet waren diesbezüglich die ersten dieser Art in der Zweiten Republik - und als solche ihrer Zeit weit voraus. Die Geschichte straft nicht nur jene, die zu spät kommen, sie hat auch kein Mitleid mit denen, die zu früh dran sind. Nur 5413 Bürger gaben Ude ihre Stimme.

65 Jahre später ist das Attribut parteifrei kein Nachteil mehr, wenn es um die Hofburg geht. Das zeigt sich schon allein darin, mit welcher Verve die Medien die angekündigte Kandidatur von Irmgard Griss (69) verfolgen. Auch die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs und Hypo-Aufklärerin will als unabhängige Kraft Bundespräsidentin werden. Und anders als Ude und Hainisch-Marchet trifft sie damit den politischen Zeitgeist.

Nicht einmal das irrlichternde Projekt des Milliardärs Frank Stronach hat verhindern können, dass das Ansehen und der Rückhalt etablierter Parteien und ihrer Vertreter im Dauertief festsitzen. Und während die Rolle eines stabilen Parteiensystems für den Parlamentarismus weitgehend außer Streit steht, wird die Zahl jener größer, die sich eine Gegenmacht zu eben dieser Parteiendemokratie in der Hofburg wünschen. Zwar weiß niemand genau, was unter einer solchen Gegenmacht politisch genau zu verstehen ist, aber in den Ohren etlicher klingt es jedenfalls attraktiv.

"Parteifrei" heute kein Nachteil Diese parteienkritische Grundstimmung sichert Griss nicht den Einzug in die Hofburg, aber erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik ist ein Sieg eines Kandidaten, der nicht von SPÖ oder ÖVP unterstützt wird, auch nicht mehr ausgeschlossen. Wie parteifrei eine allfällige Kandidatur von Griss am Ende tatsächlich sein wird, kann aber erst festgestellt werden, wenn ihre Organisation und Finanzierung für den Wahlkampf feststeht.

1951 war alles noch ganz anders. Die Machtvollkommenheit, die SPÖ und ÖVP in den 60er und 70er Jahren erlangen sollten, war damals noch weit entfernt. Nach wie vor stand die Aufbauarbeit im Vordergrund und - als mittelfristiges Ziel - der Staatsvertrag. Trotzdem bewarben sich neben den Vertretern der zugelassenen Parteien mit Ude und Hainisch-Marchet auch zwei unabhängige Kandidaten bei der ersten Direktwahl für das Amt des Bundespräsidenten.

Das Leben beider ist Spiegelbild der Brüche ihrer Zeit: Der Priester Ude, 1874 in Kärnten geboren, erlebte die Auseinandersetzungen zwischen katholischen deutschnationalen Burschenschafter durchaus körperlich - in Form von Schlägereien. Als er später in der Ersten Republik für die Christlichsoziale Partei kandidieren wollte, untersagte ihm dies sein Bischof. 1937 entzog ihm die Amtskirche seinen Lehrauftrag, nachdem er sich an das nationalsozialistische Gedankengut angenähert hatte.

Brillant und eigensinnig#

Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde Ude zum erbitterten Gegner der Nazis, die ihn nach Grundlsee im Ausseerland verbannten, damals ein Kernland der heimischen Nazis. 1944 wurde er verhaftet und zum Tode verurteilt. Nur der Zusammenbruch des NS-Systems 1945 verhinderte die Vollstreckung. Ude rächte sich nach dem Krieg auf seine Art, als er als Volksschullehrer in Grundlsee die Kinder von Nazi-Eltern taufte. Manche Kunigunde wurde so zu einer Maria. Er setzte seinen Kampf für eine bessere Welt ohne Krieg, ohne Atomwaffen und Atomkraft, ohne Kapitalismus, ohne Fleischkonsum ungebrochen fort, als seltsamer Vorreiter der Grünen.

Hainisch-Marchet wiederum wurde 1901 als Tochter eines liberlaen Politikers und späteren Rektors der Boku Wien geboren. Sie arbeite in den 20ern beim Völkerbund in Genf und arbeitete später als Lehrerin. 1938 emigrierte sie erst nach Italien, später nach Schweden und kehrte 1949 nach Wien zurück, wo sie sich weiter für Frieden, Frauenrechte und gewaltfreie Erziehung einsetzte.

Ude starb 1965, Hainisch-Marchet 1993. Beide verbindet trotz aller Gegensätzlichkeit einiges: Intellekt, rasende Arbeitswut, missionarischer Antrieb, parteifrei, politisch eklatant erfolglos und heute weitgehend vergessen: Das waren die ersten Außenseiter der Zweiten Republik.

Und nur der Vollständigkeit halber: Gottlieb Fiala, der Kandidat der Kommunisten, schaffte bei der Hofburgwahl 1951 220.000 Stimmen, der nationaldeutsche und ehemalige Nationalsozialist Burghard Breitner 620.000 und die Kandidaten von SPÖ und ÖVP, Theodor Körner und Heinrich Gleißner, 1,68 beziehungsweise 1,72 Millionen Stimmen. Die Stichwahl gewann der Sozialdemokrat Körner.

Wiener Zeitung, Sa./So., 5./6. Dezember 2015