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Freda Meissner-Blau 1927-2015#

Die Parteigründerin und "Jeanne d’Arc" der Grünen verstarb in der Nähe von Hainburg.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 23. Dezember 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Paul Vécsei


Im Parlament wurde Freda Meissner-Blau noch im April mit dem Concordia-Preis ausgezeichnet
Im Parlament wurde Freda Meissner-Blau noch im April mit dem Concordia-Preis ausgezeichnet.
© Harri Mannsberger

Wien. Der Kampf gegen ein Kraftwerk in der Hainburger Au 1984 hat einen Teil ihres politischen Lebens geprägt. Jetzt hat Freda Meissner-Blau just in dieser Gegend im Kreis ihrer Kinder für immer die Augen geschlossen.

Gegen eine schwere Erkrankung hat die fast 89-Jährige entschlossen angekämpft, wie es ein Leben lang ihre Art war. Als die Schmerzen unerträglich und jeder Atemzug zur Qual wurden, entschloss sie sich zum Verzicht auf Medizintechnik. "Es war, wie es immer war", erzählt ihr Sohn Nicolas Pawloff: "Sie hat mit Überzeugung ihre Entscheidungen getroffen." Er, wie die beiden erwachsenen Geschwister Ted und Aleksandra, hatten Meissner- Blau bis zuletzt begleitet.

Willenstärke, Rückgrat, Stil, Eleganz und Herzensgüte gegenüber Benachteiligten haben Meissner-Blaus Wesen bestimmt. Christine von Weizsäcker formulierte dies als Laudatorin bei der Überreichung des Concordia-Ehrenpreises im April 2015 im Parlament so: "Du bist weiterhin eine wunderschöne, lebendige, brennend interessierte, eigenwillige, eloquente, kontaktfreudige, naturverbundene, welterfahrene, geistreiche und sehr mutige Frau."

Mut bewies Meissner-Blau zeit ihres Lebens. Für ihre Überzeugungen nahm sie manche Nachteile in Kauf. Markant blieb ihr Abschuss als ORF-Moderatorin im Zuge des Hainburg-Engagements.

"Es war eine total unfreie Zeit"#

Schon in der Volksschule in Linz hatte sie 1934 aufbegehrt: Damals "wurden wir ununterbrochen in die Kirche geführt, mussten die Hände am Pult liegen haben und durften uns nicht bewegen", erzählte sie einmal. "Es war eine total unfreie Zeit." In der zweiten Klasse flog die kleine Rebellin aus der Schule. Der Schulwechsel in die Altstadt prägte die behütete Freda, die aus einer adeligen Industriellenfamilie stammte: "Da wohnten wirklich arme Leute. Ich habe so das echte Elend kennengelernt." Ihre Extrawurst-Semmeln tauschte sie gegen grobkörnige Schmalzbrote. "Ich habe Leute mit Holzbeinen in Uniform gesehen und ihnen Brot und Suppe gebracht." Zudem gab es zu Hause auf einmal "Esskinder".

Religiöses wurde zum nächsten Schul-Fallstrick: Als das Thema der unbefleckten Empfängnis im Unterricht aufkam, fragte die unbedarfte Freda, "ob man der nicht mit Fleckenwasser helfen könne". Das kannte sie nämlich von zu Hause. Daraufhin saß sie in der letzten Bank, niemand durfte mehr mit ihr sprechen. Klein-Freda machte das Beste daraus: "Ich hab’ da einfach meine Trotzkopf- und Dolittle-Bücher gelesen."

Als Klubobfrau führte Freda Meissner-Blau die Grünen 1986 ins Parlament
Als Klubobfrau führte Freda Meissner-Blau die Grünen 1986 ins Parlament.
© apa/Robert Jäger

Die Kriegswirren verschlugen Meissner-Blau in die Geburtsstadt Dresden. Dort überlebte sie das Feuer-Inferno der letzten Kriegstage. Sie ernährte sich bloß von Gurkerln, erzählte sie einmal. Den Glauben an deren Überlebenskraft bewahrte sie sich. Das spiegelte sich auch 2005 in einem Test in der "Wiener Zeitung" wider, wo Meissner-Blau die besten Gurkerl bestimmte.

Ihre eigenen Erfahrungen als Flüchtling, die Rüstungspolitik im Kalten Krieg mit dem Atomenergie-Boom sowie die Umweltverschmutzung ließen Meissner-Blau früh zur Aktivistin und Publizistin werden. Jahre in Frankreich und Afrika bestärkten sie.

Durch den Kampf gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf 1978 wurde die spätere Grün-Politikerin landesweit bekannt. Die Volksabstimmung konnten die Atomgegner für sich entscheiden. Davor hatte Freda den Publizisten Paul Blau kennengelernt: Er wurde zur späten Lebensliebe und zweitem Ehemann.

Frauenpolitikerin Johanna Dohnal (SPÖ) und deren Anliegen unterstütze sie massiv, ehe sich Meissner-Blau im Winter 1984/85 an die Spitze des Widerstandes gegen die Zerstörung der Hainburger Au stellte. Mit dem damaligen Widerpart SPÖ-Kanzler Fred Sinowatz verband sie später eine von Respekt getragene Gesprächsbasis. Diese wuchs in gemeinsamen Spitalsaufenthalten. Meissner-Blau schätze seine Denkweise und würdigte oft Sinowatzens Fähigkeit zum Einlenken.

Durch einen Achtungserfolg bei der Bundespräsidentenwahl 1986 zwang sie Kurt Waldheim und Kurt Steyrer in eine Stichwahl. Dem folgte im selben Jahr der Einzug der Grünen ins Parlament mit Meissner-Blau an der Spitze.

Doch die professionelle Machtpolitik lag ihr nicht. Sie hatte zeitlebens zwar analytisch, aber letztlich nach Bauch und Instinkt gehandelt. Nach internen Zerwürfnissen im Klub schmiss sie die Führung in einer überraschenden und einsamen Entscheidung hin.

Freunde erlebten sie danach als von einer Bürde erleichtert. Zunehmend kam sie in eine Rolle der "Elder-States-Woman". Als moralische Mahnerin wurde sie schließlich zur Ikone, die manchmal laut Leviten las.

Lebte mit fremdem Herzen#

Mit ihren Grünen verband Meissner-Blau Ambivalenz. Deren Machtdrang in die Landesregierungen von Tirol und Salzburg sowie den pragmatischen Zug zu Funktionen erlebte Meissner-Blau skeptisch und kopfschüttelnd. Immer wieder überlegte sie einen Partei-Austritt; zuletzt auch noch in einem Gespräch vor wenigen Tagen. Letztlich sollte aber immer Meissner-Blaus Solidaritätsgefühl vor allem für die heutige Grünen-Chefin Eva Glawischnig die Oberhand behalten.

Die letzten Lebensjahre Freda Meissner-Blaus waren von vielen Krankheiten und Unfällen geprägt. Die Folgen meisterte sie mit wunderbarer Disziplin und Kampfkraft. Schon vor Jahren hat sie ein fremdes Herz transplantiert bekommen. Unter den Folgen und Einschränkungen dieses Einschnittes litt sie. Am Mittwoch hat auch dieses zweite Herz aufgehört zu schlagen.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 23. Dezember 2015