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Helmut Zilk und seine drei Leben#

Streitbarer ORF-Star, polternder Politiker und demütiges Terroropfer. Helmut Zilk prägte als Bürgermeister das Stadtbild nachhaltig.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 25. Oktober 2008)

von

Bernhard Baumgartner


Helmut Zilk
Helmut Zilk
© Wiener Zeitung

Wien. "Drei Mal Leben" nennt die Dramatikerin Yasmina Reza ihr Bühnenstück über das Leben, das an einer an sich banal scheinenden Zäsur drei völlig verschiedenen Wendungen nehmen kann. Das Leben, welches Helmut Zilk am Freitag verlassen hat, hätte auch für drei Leben gereicht. Da war der Fernsehjournalist Zilk, den man heute wohl einen ORF-Star nennen würde und auf den dieses Wort wie wohl keinen zweiten passen würde. Da war der Politiker, der dank seines einzigartigen Talents, ganz exakt den Ton der Seele der Menschen zu treffen, zuerst als Stadtrat dann als Minister und schließlich als Wiener Bürgermeister reüssierte. Und dann kam die Zäsur des feigen Bombenattentats, das Zilk „am Ende seines Lebens zum Krüppel machte“, wie er es selbst formulierte. Da kam das dritte Leben Helmut Zilks, das er an jenem grauen Dezember-Tag des Jahres 1993 am Operationstisch des Wiener AKH geschenkt bekam, als die Ärzte viele Stunden lang um sein Leben kämpften: Helmut Zilk als Opfer, das nur wenige Tage danach in einer bewegenden Pressekonferenz noch mit den Wunden im Gesicht und einem Kreuz in der Hand versicherte, er werde sich so sicher nicht in die Knie zwingen lassen.

Zilk wurde "Stadtgespräch"#

Freitagfrüh ist Helmut Zilk im Wiener Wilhelminenspital nach einem mehrwöchigen Spitalsaufenthalt in Folge einer Operation unerwartet an Herzversagen gestorben (siehe unten). Das Journalistische lag Helmut Zilk sozusagen in den Genen, als er 1927 in Favoriten geboren wurde – sein Vater war Zeitungsangestellter. Dennoch studierte Zilk vorerst Pädagogik und Germanistik und wendete sich nach dem Doktorat der Lehre zu. Über das Schulfernsehen kam Zilk zum ORF. 1962 wurde Zilk mit einem Schlag der Öffentlichkeit bekannt, als er mit den „Stadtgesprächen“ die Talkshow in Österreich erfand. Und das in einer Zeit, als Politiker und Journalist noch Fragen (und Antworten!) vor einem TV-Interview abzusprechen pflegten. Bei Zilk war alles spontan, alles live, da konnte schon einmal jemand aus dem Rahmen fallen – seinerzeit ein unerhörter Kulturbruch, der die "Stadtgespräche" zum Gassenfeger machte. Mit seinem rhetorischen Talent redete er seine Gäste schon damals um Kopf und Kragen, ein Zug, den er in seinen Sendungen zeitlebens beibehalten sollte. Eine gemeinsame Live-Sendung mit dem Staatsfernsehen der ÈSSR über den Eisernen Vorhang hinweg wurde als sensationell empfunden. Der Aufstieg war nur die logische Folge, 1967 wurde Zilk Programmdirektor, der er bis 1974 blieb. 1978 scheiterte Zilk bei der Wahl zum ORF-General ausgerechnet an seinem Mentor Gerd Bacher, weil es der schwarze Tiger besser schaffte, die SPÖ-Stimmen zu holen. Kurz darauf holte ihn der Wiener Bürgermeister Leopold Gratz als Kulturstadtrat in die Wiener Landesregierung, wo er die Wiener Festwochen erfand. Nach einem Zwischenspiel als Unterrichtsminister (in der Zeit, als Claus Peymann an das Burgtheater wechselte) wurde Zilk 1984 Wiener Bürgermeister und hatte damit wohl seine Lebensrolle gefunden. Gemeinsam mit seinem Finanzstadtrat Hans Mayr, den Zilk als „Lebensfreund“ beschrieb, verpasste er Wien einen bisweilen heftig umstrittenen Modernisierungsschub. Die Kontroverse um das modernen Haas-Haus gegenüber dem Stephansdom – ein paar Schritte von Zilks privater Wohnung in der Naglergasse entfernt – ist nur einer der Sträuße, die Zilk bei der Modernisierung des Stadtbildes wortgewaltig ausfocht. Der Bürgermeister mit exzellentem Kontakte zur „Krone“ schaffte es, zu vermitteln, dass er sich um die Sorgen der Bürger persönlich kümmert. Sei es um den Plakatwildwuchs, die Farbe der Müllabfuhr oder die Hundstrümmerln, die Zilk in einer ebenso denkwürdigen wie kabarettreifen Pressekonferenz thematisierte. Zilk an vorderster Front, zur Not auch gegen die Partei, so sah sich Zilk gerne inszeniert – und erinnerte dabei viele in seiner Medienwirksamkeit an Bundeskanzler Bruno Kreisky. Unkonventionalität bis zum Eigensinn prägten seinen Stil, auch als er die Ausgrenzungpolitik der SPÖ gegenüber Jörg Haider hinterfragte.

Die Bombe und die Folgen#

Das "Nein" der Wiener Bevölkerung zur Weltausstellung sowie der Verlust der absoluten Mehrheit 1991 waren herbe Rückschläge. Als Zilk am 5. Dezember 1993 durch eine Briefbombe lebensgefährlich verletzt wurde, hatte er bereits an seinen Rücktritt gedacht. Obwohl das Attentat schwerwiegende medizinische Folgen hinterlassen hatte und Zilk später Dialyse brauchte, gab er nicht auf, denn ein Aufgeben hätte den Attentäter das Ziel erreichen lassen. Vielmehr wurde fortan der stets penibel zur Krawatte ausgesuchte Stoff-Handschuh zu seinem Markenzeichen. Als der Bürgermeister schließlich 1994 zurücktrat, bedeutete das nicht den Rückzug aus der Öffentlichkeit. Denn Zilk kehrte zu seinen Wurzeln ins Fernsehen zurück, wo er in der Sendung "Lebenskünstler" Prominente interviewte – wobei diese sich bemühen mussten, zu Wort zu kommen. Auch Minister wie Karl-Heinz Grasser wurden mit Häme nicht verschont, etwa als Zilk IHN maßregelte, weil er ohne Krawatte erschienen war. Zuletzt war er 2004 als Leiter der Bundesheerreform-Kommission aktiv. Zilk war einer der ersten Politiker, die das Potenzial des Fernsehens nicht nur erkannten und nutzten, sondern gewissermaßen mit ihm verschmolzen. Das Leben als Inszenierung, die Inszenierung auch ein Stück weit Lebensinhalt. Seine dritte Ehefrau, Dagmar Koller, war gefeierter Musicalstar und daher sowohl die Prominenz (die beiden waren eines der ersten "Promi-Paare") als auch die Notwendigkeit der Inszenierung gewohnt. Zilk hinterlässt einen Sohn und ein Enkelkind.

Wiener Zeitung, Samstag, 25. Oktober 2008