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Der Kanzler und sein Erbe#

Am 22. Jänner wäre Bruno Kreisky 100 Jahre alt geworden. Warum wird er sehnsuchtsvoll von seiner Nachfolgegeneration geehrt? #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Jänner 2011)

Von

Wolfgang Petritsch


Ein Essay über die Antriebsmotive des Politikers und das eine oder andere vielleicht noch heute aktuelle Vermächtnis eines eigenwilligen Staatschefs, der Österreichs Moderne der Nachkriegszeit nachhaltig geprägt hat.#

Bruno Kreisky
Bruno Kreisky
© Die Furche

Als im Sommer des vergangenen Jahres des hundertsten Geburtstages von Josef Klaus, dem ersten Bundeskanzler einer Alleinregierung in Österreich, gedacht wurde, hat dieses Datum beschämend geringes öffentliches Interesse ausgelöst. Wenige Monate später wird sein am 22. Jänner vor einhundert Jahren geborene Nachfolger Bruno Kreisky hingegen in einer nachgerade barock anmutenden Fülle von Symposien, Ausstellungen, Filmdokumentationen, ja sogar Theater- und Kabarettaufführungen gefeiert; die Bundesregierung lädt zu einem Festakt der Republik in die Hofburg.Woher dieser Kontrast?

Lebensdaten von bekannten Persönlichkeiten evozieren stets auch die Frage nach dem „Was war da? Was ist davon heute noch wichtig? Akte des Gedenkens können auch das anhaltende persönliche Interesse im Prozess des kollektiven Erinnerns informieren; sozusagen eine Rückbesinnung diesseits des Vergangenen. Ein Kontrapunkt eigentlich: Zeit seines Lebens waren Kreisky pompöse Feierlichkeiten zuwider; obwohl, ja obwohl: „Sie wissen gar nicht wie viel Lob ich aushalten kann“, er zu gegebenen Anlässen nicht ohne Koketterie zu sagen pflegte. Wir sehen heute in dieser schillernden Persönlichkeit – dessen Leben das gesamte Zeitalter der Extreme (Eric Hobsbawm) umfasst – womöglich deutlicher als zu seinen aktiven Zeiten Widersprüche und Kontinuitäten der Geschichte dialektisch vereint: Progressiv und konservativ waren ihm kein Widerspruch. Er war 1970 angetreten, die österreichische Gesellschaft mit Demokratie zu durchfl uten. Dennoch vermeinten viele, in ihm den personifi zierten Nachfolger des Habsburger Kaisers Joseph II. ausgemacht zu haben. Wie auch immer – Kreiskys Arbeitsstil, seine Leadership, haben es zuwege gebracht, einem notorisch fortschrittsskeptischen Österreich überfällige gesellschaftliche Reformen schmackhaft zu machen; den Bürgern die Angst vor Veränderung zu nehmen.

Wie viel Reform verträgt das Land?#

Dass sich Kreisky dieses Experimentes durchaus bewusst gewesen ist, hat er in späteren Jahren nicht selten in die besorgte Frage gekleidet, wie viel Reform die Bürgerinnen dieses Landes denn wohl aushalten. Dieses stillschweigende Missverständnis zwischen Kreisky und seinen Wählern – Karl Markus Gauß hat ihn den wohlwollenden Despoten genannt – hat in so manchen anderen gesellschaftlichen Bereichen eine durchaus gewollte Entsprechung gefunden. Nehmen wir das historisch belastete Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Sozialismus. Die Aussöhnung zwischen Sozialdemokratie und katholischer Amtskirche – mit der Fristenlösung auf eine harte Probe gestellt – hat der Agnostiker Kreisky mit dem roten Kardinal Franz König aus Überzeugung angestrebt. Was von katholischer Seite im Mariazeller Manifest 1952 begonnen wurde, hat im SPÖ-Parteiprogramm 1978 seinen Abschluss gefunden. Kritische Katholiken vom Schlage eines Prälaten Ungar haben Kreisky auch in Fragen der Entwicklungspolitik und seinem Streben nach einem Marshallplan für die Dritte Welt unterstützt. Selbst in seiner umstrittenen Nahostpolitik konnte Kreisky auf kritische Stütze einiger intellektueller Katholiken zählen.

Kreiskys größere Aufmerksamkeit als überraschend gewählter SPÖ-Parteichef 1967 hat zweifellos dem mächtigen Grollen im Überbau der westlichen Nachkriegsgesellschaften gegolten. Die fundamentalen gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen im Gefolge der europäischen Revolutionen von 1968 hatten ihre Auswirkungen auf die angebliche „Insel der Seligen“ nicht verfehlt. Diese Kulturrevolution hat über das neue Medium Fernsehen, über Kellertheater, Experimentalfi lm, Rockmusik und Performance eine neue österreichische Jugendbewegung inspiriert. Der einstige revolutionäre Sozialist Kreisky hat die transformative Kraft dieser Bewegung politisch für sich zu nutzen gewusst.

Bruno Kreisky, von dessen Spuren hier die Rede ist, hat als gesellschaftlicher Außenseiter – Jude, Emigrant, Agnostiker – früher als andere erkannt, dass Politik in Österreich , um weiterhin erfolgreich zu sein, einen gründlichen Anpassungsprozess – sprich Modernisierung – durchlaufen müsse. Was Josef Klaus als moderner Konservativer vorsichtig erahnte, ist Bruno Kreisky resolut angegangen. Im Zentrum seines Regierungsprogrammes standen die bekannten Wirtschafts-, Bildungs-, Justiz- und sozialpolitischen Reformen. Der etatistische Industrialismus – Symbol dafür der scheinbar unsinkbare Dampfer „Verstaatlichte“ – strebte seinem historischen Höhepunkt – und Niedergang – zu. Diese Reformepoche Österreichs, die sieben fruchtbaren Jahre zwischen 1970 und 1976, hat das Land von Grund auf verändert. Darin vor allem, meine ich, liegt der Nimbus der Figur Kreisky begründet. Mehr als mit den beeindruckenden Statistiken des österreichischen Wirtschaftswunders der 1970er-Jahre ist bei Zeitgenossen und den nachfolgenden Generationen jenes demonstrierte Urvertrauen in die politische Gestaltbarkeit lebendig geblieben.

Kreiskys Überzeugung, Politik brauche Visionen, hat eine weniger beachtete, für das Verständnis seiner Persönlichkeit jedoch ungemein wichtige Kehrseite. Die Auseinandersetzung mit der österreichischen Geschichte. Ungleich wichtiger als die Aufarbeitung des europäischen Traumas National sozialismus schien ihm dabei die lokale Bearbeitung des – nennen wir es vereinfachend – Austrofaschismus.

Foto: APA/Heinisch, APA/Jäger
Foto: APA/Heinisch, APA/Jäger

Gegner des Klerikal-Konservativen#

Hitler war für Kreisky, trotz lokaler biografischer Wurzeln, ein „deutsches Phänomen“. Dollfuss und Schuschnigg aber waren für Kreisky archetypisch „österreichisch“. Daher sein emotionaler Furor gegenüber allem Klerikal-Konservativen. Während er Josef Klaus als politischen Kontrahenten respektierte (dies gilt ebenso für Karl Schleinzer und vor allem für Josef Taus), war Alois Mock für Kreisky ein demokratischer Widergänger aus den autoritären 1930er-Jahren. Eine, wie ich meine, unfaire Beurteilung eines bloß umstandslos provinziellen Machtpolitikers, der erst nach Kreiskys Abgang von der politischen Bühne als Anhänger des österreichischen EU-Beitrittes seine Mission gefunden hat.

Die gesellschaftliche Einbindung der slowenischen Minderheit war Kreisky zeit seiner Regierung ein persönliches Anliegen geblieben. Dort, im tiefen Süden, hat sich Kreiskys eigene bürgerlich jüdische Minderheitensituation mit der proletarischagrarischen Marginalisierung der österreichischen Slowenen getroffen.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Ersten Republik – und diese reicht weit über das prekäre Verhältnis zwischen den verfeindeten Lagern hinaus – schien ihm Voraussetzung für das Gelingen der Zweiten gewesen zu sein. Kurz: Am Beispiel der jeweils Benachteiligten in Österreich – waren es in den Dreißigerjahren die sozial deprivierten Arbeitslosen oder in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts die ethnisch diskriminierten Randgruppen – zeigt sich Kreiskys grundsätzliches Demokratieverständnis. Daher war seine spezifische Antwort auf die Arbeitslosen von Marienthal der Ersten Republik oder auf die unerträgliche Diskriminierung der Kärntner Slowenen im Grunde so unterschiedlich nicht; in beiden Fällen sah er den Staat in der Verpfl ichtung: Was immer die Ursachen gesellschaftlicher Ungleichbehandlung sein mochten, die Wurzeln waren im sozialpolitischen Kosmos auszumachen.

Der Vollbeschäftigung verpflichtet#

Im öffentlichen Bewusstsein wird Bruno Kreisky daher als Vertreter der Vollbeschäftigungspolitik wahrgenommen. Die Menschen in Arbeit halten war für Kreisky, den in den arbeitslosen 1930er-Jahren Aufgewachsenen, zur staatspolitischen Gewissheit geworden. Die Arbeiterschaft, jene damals wichtigste Säule der Sozialdemokratie, nicht wieder in die Fänge der Rechten kommen zu lassen, war die noch wichtigere – jedenfalls auch heute aktuelle – Hypothese der Kreisky’schen Politik. Dieser Überzeugung ist er – der Mann mit den unverwechselbaren Eigenschaften – bis zu seinem Lebensende treu geblieben. Ja und Josef Klaus? Der kompetente und korrekte ÖVP-Bundeskanzler war als Person des Überganges wohl nicht in der besten Position. Kreisky hat die Gunst der Stunde voll genutzt. Seinen Erfolgen wurde vielfach unterstellt, Glück gehabt zu haben. Seine lapidare Antwort war stets: Aber was macht der Dumme mit dem Glück?

Der Autor Wolfgang Petritsch war Sekretär Kreiskys. Er ist Botschafter Österreichs bei der OECD.

FURCHE, Jänner 2011