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Der merkwürdige Karl Lueger#

Einen "merkwürdigen und interessanten Mann" nannten Zeitgenossen Karl Lueger, den legendären Wiener Bürgermeister und Gründer der Christlichsozialen Partei.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Mittwoch, 10. März 2010)

von

Manfried Welan


Mein Großvater war "Straßenbahner unter Doktor Lueger", wie er sagte. Er erzählte mir oft, was wir diesem alles verdanken:

Die Straßenbahn und ihre Elektrifizierung, die Stadtbahn, das Gaswerk, das E-Werk, die zweite Hochquellleitung, den Wald- und Wiesengürtel, Grünflächen, Beserlparks, Schulen, Bäder, Spitäler, Altersheime, die Städtische Bestattung, den Zentralfriedhof. Er erzählte von der "schönsten Leich" Wiens, bei der er dabei gewesen war.

Mein Großvater zeigte mir auf dem Zweiten Tor des Zentralfriedhofes die Inschriften auf den beiden Obelisken. Links: Errichtet unter der Regierung Kaiser Franz Josef I. Rechts: Erbaut unter dem Bürgermeister Doktor Karl Lueger. Der "Bürgerkaiser" steht Franz Josef gegenüber. Beide konkurrierten um die Volksgunst, und der "Herrgott von Wien" blieb oft Sieger. Aber er war kaisertreu, österreichisch, "schwarz-gelb bis in die Knochen".

Wien war damals zwar Reichs-, Haupt- und Residenzstadt, aber weder ein eigenes Kronland noch eine reichsunmittelbare Stadt. Es war eine Gemeinde. Darüber stand der vom Kaiser ernannte Statthalter. Aber trotzdem ist seit und durch Lueger das Amt des Wiener Bürgermeisters ein politisches Faszinosum. Der Kaiser ist geradezu von der Hofburg ins Rathaus gegangen. Das Amt ist das mächtigste unter den vielen Ämtern Österreichs.

Lueger machte verschiedene politische Richtungen durch, bis er die Christlichsoziale Partei erfand. Sie wurde die erste österreichische Volkspartei. Der christliche Sozialismus war das Programm. Antisemitismus war ihm wie vieles andere Mittel zum Zweck: Die Mehrheit zu erreichen. Er konnte Massen fassen und aus ihnen Macht machen. Er war ein Mann des Wortes und nicht der Schrift und er redete, wie ihm der Wiener Schnabel gewachsen war.

Lueger war kein pathologischer, sondern ein opportunistischer Antisemit. Das kommt in einem seiner berühmten Sprüche zum Ausdruck. "Ja, wissen’S, der Antisemitismus is a sehr gutes Agitationsmittel, um in der Politik hinaufzukommen, wenn man aber einmal oben is, kann man ihn nimmer brauchen, denn des is a PöbeIsport!"

Hätte Lueger den Antisemitismus vertreten, wenn er gewusst hätte, was daraus kommen wird?

Als nach der Demokratisierung des Wahlrechts 1919 die Sozialdemokratie an die Herrschaft kam, brauchte sie sich nur der Technik des Einsiedlerkrebses bedienen. Der Kommunalsozialismus Luegers musste freilich durch wichtige sozialistische Ziele wie den sozialen Wohnbau ergänzt werden. Die schwarze Personalpolitik und Patronage musste durch eine rote ersetzt werden. Aber das Fundament für eine moderne soziale Kommunalpolitik war bereits durch Lueger gelegt worden. Klugerweise übernahmen die Sozialdemokraten den Antisemitismus nicht, aber er blieb dennoch bestehen.

Der Schriftsteller Felix Salten hat Lueger mehrfach einen merkwürdigen und interessanten Mann genannt. Wiens Bürgermeister Gratz stellte fest, dass der Politiker Lueger nur schwer als der Mensch Lueger fassbar ist. Was aber aus den Chroniken, seinen Werken und Reden immerhin hervortrete, sei das Bild eines Mannes, der niemanden gleichgültig ließ. "Er hatte glühende Bewunderer und erbitterte Feinde, zwang zur Auseinandersetzung und hinterließ Spuren in seinem Wien, die bis heute nicht auszulöschen sind, er war nicht zu übersehen und ist nicht zu vergessen".

Die entscheidende Frage ist: Haben wir aus dem Fall Lueger gelernt oder haben wir uns in einer Lueger-Falle gefangen?

Dar Autor ist Verfassungsexperte und Politologe; ehemaliger Rektor der Boku Wien.

Wiener Zeitung,, Mittwoch, 10. März 2010