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"Kreisky-Reformen prägen bis heute" #

Interview mit Hannes Androsch, dem ehemaligen Kronprinzen und langjährigen Weggefährten Kreiskys#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 27. Februar 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Reinhard Göweil


Hannes Androsch
Hannes Androsch war 1970 als Finanzminister nicht Kreiskys erste Wahl. Der damalige Wiener Bürgermeister Slavik sagte: "Du hast eh den Androsch."
© Wiener Zeitung / Foto: Newald

1970 wurde Androsch mit 31 Jahren Finanzminister. "Eigentlich mochte er Broda gar nicht."#

"Wiener Zeitung": 2000 wird als Wendejahr bezeichnet, worin besteht Ihrer Meinung nach der Unterschied zu 1970, als Bruno Kreisky die Wahl gewann, und eine ÖVP-Alleinregierung ablöste?

Hannes Androsch: Die Wende 1970 war eine echte Wende, 2000 war ein tabu-verletzender Coup. 1970 hat das Land nachhaltig geprägt, das andere war eine schädliche Episode.

Was war das Prägende?

Es gab eine umfassende Strafrechtsreform, die bis heute wirkt. Und das, obwohl Kreisky den Broda eigentlich nicht mochte. Aber der ÖGB stützte ihn. Hertha Firnbergs Schulreform wirkt bis heute nach. Und wir erstellten ein Wirtschaftsprogramm, das der SPÖ lange Zeit die Wirtschaftskompetenz sicherte. Er hat die SPÖ klar vom Kommunismus abgegrenzt, und eine historische Aussöhnung mit der katholischen Kirche erreicht. Kreisky entwickelte große reformatorische Dynamik. Er sagte schon vor der Wahl zu einem Mitarbeiter, als sie am Ballhausplatz vorbeigingen: "Da werden wir hineingehen, und lange nicht mehr raus." Recht hat er gehabt.

Hat Kreisky mit seiner gesellschaftlichen Öffnung von der 68er-Bewegung profitiert?

Die war in Österreich ja nicht sehr ausgeprägt, aber Kreisky hat es verstanden, Protest in ein konstruktives Programm umzuwandeln. Hilfreich war wohl, dass im Herbst 1969 in Deutschland die sozial-liberale Koalition entstand. Das war ein Signal.

Was haben Sie am Abend des 1. März 1970 gemacht?

Ich war zuerst im Bezirk, bin dann nach Hause gefahren. Dort hat mein Rufonkel Dr. Steiner, der als Jude 1938 Österreich verlassen musste, geweint vor Freude. Ich war ja zuvor Abgeordneter im Nationalrat.

1970 bildete Kreisky eine Minderheitsregierung, 1971 folgte die absolute Mehrheit. So eine Minderheitsregierung ist ein Risiko, warum hat Kreisky das gemacht?

Kreisky hat noch am Wahlabend FPÖ-Chef Friedrich Peter im Restaurant "Drei Husaren" aufgesucht. Der war ziemlich am Boden zerstört. Er nahm ihn nach Mitternacht mit in die Löwelstraße (SPÖ-Zentrale, Anm.d.Red.) und versprach ihm eine Wahlrechtsreform mit stärkeren Minderheits-Rechten. Kreisky dachte immer gerne in Alternativen. Fix war es allerdings erst, als der ÖGB dem zustimmte. Anton Benya, Bruno Pittermann und Karl Waldbrunner unterstützten ihn schlussendlich. Mit der Volkspartei sind die Verhandlungen schließlich an der Ressortaufteilung gescheitert, sie wollte einen Gleichstand der Ministerposten, Kreisky bot einen 7:6-Schlüssel an. Peter unterstützte schließlich die Minderheitsregierung und wir konnten ein Budget durchbringen.

Haben die Leute damals Kreisky gewählt oder SPÖ?

Sie haben Kreisky gewählt, aber der hatte ein klares Programm, und ein tolles Team. Firnberg, aber auch Rudolf Häuser, der ein toller Sozialminister war. Der Slogan "Lasst Kreisky und sein Team arbeiten" ist voll aufgegangen. Sein weltmännisches Auftreten und die vielen ausländischen Gäste, die plötzlich nach Wien kamen, haben das Selbstwertgefühl der Österreicher enorm gehoben.

Wollte Kreisky Österreich in die damalige EWG führen?

Die SPÖ-Ökonomen waren schon 1964/65 für einen solchen Beitritt, ich auch. Aber Russland war strikt dagegen und hat gesagt, das geht mit dem Staatsvertrag nicht zusammen. Kreisky war realpolitisch sehr pragmatisch. Das konnte erst 1995 überwunden werden.

Kreiskys berühmter Spruch war sinngemäß, dass er lieber Schulden mache als Arbeitslosigkeit zu akzeptieren. Im Kontext zu heute, mit den hohen Staatsschulden, ein etwas verkürzter Satz, oder?

Nach meinem Zerwürfnis mit Kreisky und meinem Ausscheiden, das in der SPÖ damals manche als „erfolgreiche Hirnoperation“ bezeichnet haben, unterlag Kreisky einem Irrtum. Er meinte, dass Seidl mein ökonomisches Hirn war, und machte ihn zum Staatssekretär. Ein Missverständnis seinerseits. Aber als ich ging, hatten wir 15 Milliarden Schulden, und trotz Ölpreisschock nie mehr als 62.000 Arbeitslose.

Aber es gab damals die heutige Globalisierung nicht, der nationale Entscheidungs-Spielraum war deutlich größer als heute ...

Ja, das ist zweifellos so. Die kommenden Jahre werden wohl noch recht mühevoll. Die Schuldenkrise wird uns sicher noch zehn bis 15 Jahre beschäftigen.

Wiener Zeitung, Samstag 27. Februar 2010