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Leopold Figl: Die Größe des Anfangs#

PROJEKT »LEOPOLD FIGL 100«#

Von

Wolfgang Mantl


Am 2. Oktober 2002 wäre Leopold Figl 100 Jahre alt geworden. Zahlreiche katholische Organisationen veranstalteten am 25. Oktober 2002 an der Universität für Bodenkultur, in der Minoritenkirche und schließlich im Wiener Rathauskeller einen Gedenktag mit wissenschaftlichen Vorträgen und persönlichen Erinnerungen. Die tragenden Reden liegen nunmehr in Buchform (1) vor. Vier Herausgeber zeichnen hiefür verantwortlich: Johannes Dorrek, Johannes Schönner, Josef Singer und Helmut Wohnout.

Johannes Dorrek ist am 18. März 2003 im 55. Lebensjahr unerwartet verstorben. Der Absolvent des Schottengymnasiums und Neffe Leopold Figls war Philistersenior der Bajuvaria. Johannes Dorrek hat sich um die Gestaltung der Figl-Feiern besonders verdient gemacht. Es fällt ein Wermutstropfen auf die Präsentation des vorliegenden Sammelbandes, dass er nicht mehr in unserer Mitte ist. Die Herstellung des Buches, das den Titel »100 Jahre Leopold Figl. >Glaubt an dieses Österreich !<« trägt, lag bei Alexander Lesigang. Getragen wird es neben dem Karl von Vogelsang-Institut von fünf katholischen Organisationen, deren Kern die beiden Urverbindungen Leopold Figls bilden: die Nibelungia/St. Polten im MKV und die Norica/Wien im OCV, deren Wahlsprüche Leopold Figls Leben und Werk in aller Kürze trefflich umreißen: »In fide firmitas« (Nibelungia) und »Nunquam incerti, semper aperti« (Norica).

Wissenschaftliche Beiträge über die Anfänge Figls in Zwischenkriegszeit, Widerstand und KZ (Dieter A. Binder), über seine Kanzlerschaft 1945 bis 1955 (Manfried Rauchensteiner), seine Rolle als Außenminister in den fünfziger Jahren (Helmut Wohnout) und die zweimalige Tätigkeit als Landeshauptmann von Niederösterreich in den Jahren 1945 und 1962 bis 1965 (Ernst Bruckmüller) werden ergänzt durch persönliche Erinnerungen und Würdigungen durch Christoph Kardinal Schönborn, Johannes Dorrek, Gottfried Stangler, Ludwig Steiner und Peter Klar. Eine Zeittafel, viele Fotos und ein Autorenverzeichnis runden den Band in professioneller Weise ebenso ab wie der wissenschaftliche Apparat der Fachbeiträge. Der älteste Autor, Ludwig Steiner, ist 1922 geboren, der jüngste, Helmut Wohnout, 1964.

MEINE ERINNERUNGEN AN LEOPOLD FIGL#

Im Jahre 1950 gab es in den Kinos verschiedene Schwarz-Weiß-Wochenschauen zur Darstellung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da war Figls Bild noch keineswegs in leuchtender Glorie gefestigt: Wenn Kaiser Franz Joseph auf der Leinwand erschien, applaudierten die Leute, über Leopold Figl lachten sie nicht selten. Dieser kleine, ausgemergelte Mann hatte nichts vom gestylten Medienstar an sich, und doch war und ist er einer der größten Österreicher des 20. Jahrhunderts.

Als Sohn eines Beamten im Amt der Niederösterreichischen Landesregierung und als Mitglied der K.a.V. Norica in Wien begegnete ich Leopold Figl seit den frühen fünfziger Jahren immer wieder: zuerst auf der Wiener Messe, wo die OVP-Spitze sich im Rotundengelände im Prater in der »Niederösterreichischen Molkerei« traf, freilich weniger, um dort dem Milchkonsum zu huldigen. Es gab ein sehr nettes Stüberl, in dem andere Landesprodukte ausgeschenkt und ausgegeben wurden. Wir Kinder, meine Schwester Christine und ich, bekamen Schlagobers mit dem trefflichen Hinweis: »Iss den Schlag, den kriegst net alle Tag!«

1955 stand ich dann als 16-jähriger Schüler in der Menge vor dem Belvedere und sah Leopold Figl auf dem Balkon mit dem Dokument des Staatsvertrages in den Händen. 1956 bis 1958 kam Leopold Figl anlässlich der Verabschiedung der Teilnehmer der so genannten Beck-Reisen, der Studien- und Pilgerfahrten meines Religionsprofessors Alois Beck, jedes Mal auf den Penzinger Frachtenbahnhof, weil seine Tochter Anneliese auch unter den 700 mitreisenden Studenten war. Wir Hietzinger Gymnasiasten hatten zahlreiche Dienste zu leisten und rannten neugierig-aufgeregt um den Außenminister herum.

Ab 1957, seit meiner Rezeption bei Norica, traf ich Leopold Figl immer wieder auf der alten Bude in der Schwarzspaiüerstraße 15 im LX. Bezirk, in jenem Haus, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Stelle des Beethovenschen Sterbehauses errichtet worden war. Die Innenausstattung der Bude stammte vom Noricer Clemens Holzmeister. Figl kam auch gern zu Kommersen, so im Dezember 1958 in Hübners Kursalon im Stadtpark, wo ich anlässlich meiner Burschung die Dankrede halten durfte. Figl war immer der Überzeugung, dass ich zu lang rede. Meine Provokationen an die Alten: »Seid nicht wie abgeschliffene Kieselsteine!« ertrug er großmütig. Wenn beim Betreten des Raumes »Hoch Figl!« gerufen wurde, winkte er regelmäßig ab und rief mit seiner rauchigen Stimme »Ruft's lieber >Hoch Österreich!<«. Als Senior Noricae machte ich im Herbst 1961 beim Wirtschaftskammerpräsidenten Julius Raab im damaligen Gebäude der Bundeswirtschaftskammer auf dem Stubenring 12 und beim Präsidenten des Nationalrates Leopold Figl im Wiener Parlament meinen Antrittsbesuch. Julius Raab war sehr wortkarg, Figl erzählte in großer Gelöstheit und ohne jedes Pathos aus seinem Leben, auch aus der KZ-Zeit. Im Jänner 1962, bei der Eröffnung »meines« Norica-Balls im Redoutensaal der Hofburg, war Figl noch als Präsident des Nationalrates anwesend. Er wurde dann am Ende des Monats zum Landeshauptmann von Niederösterreich gewählt.

Meine letzte Begegnung mit Leopold Figl fand im Mai 1965 statt, als ich zum letzten Mal in meinem Leben - damals schon 26-jähriger Assistent - chargierte und vor dem Katafalk Leopold Figls beim Friedrichsgrab im Stephansdom stand und ihm die letzte Ehre erwies.

EIN NEUES ÖSTERREICH#

Die Vita und die großen Leistungen Leopold Figls sind bekannt.(2) In einer symbolträchtigen Konzentration baut sich dieses Leben in der Gründungsphase der Republik zu mitreißender Fülle auf. Ileraklit aus Ephesos sagt einmal in seiner dunklen Hermetik: »Der Anfang herrscht«. In meinen Augen ist in den bitteren vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für Leopold Figl, ja für Österreich, die Fülle späterer Geschichte als Große des Anfangs in keimhafter, zukunftsklarer Dichte enthalten. Nach seiner aktiven Jugend in der Ersten Republik und in der Zeit des autoritären Ständestaates, einer - wir müssen uns darüber im Klaren sein - konservativ-etatisti-schen Diktatur - und seiner dezidiert antinationalsozialistischen Haltung, die Figl 1938-1943 und wieder 1944/1945 in die Konzentrationslager Dachau, Flossenbürg, Mauthausen sowie bis zum Volksgerichtshofprozess wegen Hochverrats und der drohenden Exekutierung ins Graue Haus in Wien brachte, wurde Leopold Figl im Frühjahr 1945 einer der großen Mitgründer des neuen Österreich.

»Kein Politiker in der Geschichte der Zweiten Repubük bekleidete jemals so viele Spitzenpositionen gleichzeitig wie Leopold Figl 1945.(3) Im vorliegenden Band stellt Manfried Rauchensteiner fest: »... zwischen April und November 1945 vollzog sich sehr still und eigentlich auch ein wenig unerwartet der Aufstieg von Leopold Figl.(4) In der Anfangsphase war selbst die Schreibweise seines Namens, namentlich in Westösterreich, schwankend und oft falsch. Die so genannten »Kathreinswahlen« am 25. November 1945 brachten den Durchbruch zur absoluten Mehrheit der ÖVP im Nationalrat und in der Folge zur Kanzlerschaft Leopold Figls. Die bei der Koalitionsbildung herangezogenen Konkordanzmuster waren neu und hatten nur ein ansatzweises Vorbild im Zusammenwirken der politischen Kräfte 1918-1920, verkörpert von Traditionsträgern wie Karl Renner und Leopold Kunschak, die auch 1945 wieder in Führungsrollen der Republik eintraten. Figls größte »Probleme waren die weitere politische Stabilisierung und vor allem das Überleben der Menschen in diesem Land, die in den von den Sowjets besetzten Teilen von einer Hungerkatastrophe bedroht waren.(5)

Rauchensteiner charakterisiert die Situation mit folgenden Worten: Österreich »hatte mit Leopold Figl einen Kanzler, der vielleicht wirklich idealtypisch für diese Situation war: genügend selbstbewusst, um sich nicht einfach beiseite schieben zu lassen; nach fünf Jahren KZ scheinbar nicht mehr verletzlich; optisch alles andere als eindrucksvoll; aber beharrlich - unendlich beharrlich, und, wenn es darauf ankam, von beispielloser Selbstverleugnung.(6) Die spätere, überaus positive Sicht mit ihrer leicht verständlichen hagiographischen Neigung darf nicht den Blick dafür verdunkeln, dass Figl ein Mensch mit allen Stärken und Schwächen war: »Er zeigte auch - nicht ganz verwunderlich - Momente von Selbstbewusstsein und Überschätzung, dann aber wieder solche von Resignation, ja Verzweiflung.(7) Das Völkerrechtssubjekt Osterreich als erstes Opfer des nationalsozialistischen Im-perialismus zu verstehen, halte ich nach wie vor für richtig. Etwas anderes ist die so-ziopolitische Beurteilung des Verhaltens, also des Tuns, aber auch des Unterlassens der Bevölkerung. Wir Österreicher sind Opfer und Täter, hier bedarf es präziser historischer Unterscheidung. Leopold Figl war so etwas wie eine Personifizierung der Opferthese. Gerald Stourzh bemerkt in seinem großen Standardwerk »Um Einheit und Freiheit«: »Hierzu ein bisher unbekanntes Detail: In einer Ministerratssitzung kündigte Bundeskanzler Leopold Figl seine Teilnahme an der Gedenkfeier für einen von den Nationalsozialisten ermordeten russischen General in Mauthausen an und fügte hinzu: >Der russische General befand sich 2 Zellen von mir seinerzeit in Mauthausen<.« Es war der Ministerrat vom 24. Februar 1948. Stourzh fährt fort: »Die / Regierung Figl I mit durchschnittlich siebzehn Regierungsmitgliedern wies zwölf bis vierzehn Politiker auf, die in der nationalsozialistischen Zeit Verfolgungen erlitten hatten (!)(8)

Vieles, was Leopold Figl und die Gründerväter der Zweiten Republik bewegte, findet sich in semer Regierungserklärung vom 21. Dezember 1945.(9) Diese Rede ist interessant durch das, was dort gesagt wurde und auch durch das, was damals nicht oder noch nicht gesagt wurde. Leopold Figl begann mit einer Verneigung vor den großen alten Herren Bundespräsident Karl Renner, Präsident des Nationalrates Leopold Kunschak und Karl Seitz, dem Alterspräsidenten der 1. Sitzung vom 19. Dezember 1945, und sprang dann, wenn es in dieser Regierungserklärung auch immer wieder Verweise auf die Tradition der österreichischen Monarchie gab, in die Aktualität der Gegenwart über: »Unser Heimatland, das erste Opfer des faschistischen Imperialismus in der Welt, ist so wieder frei und selbständig geworden. (10) Durch die Unabhängigkeitserklärung und durch die Wahlen vom November 1945 wurden mit einem voluntaristischen Kraftakt gleichsam die Freiheit und Selbstständigkeit Österreichs, die ja noch durch das Besatzungsregime eingeschränkt waren, vorweggenommen: »Das österreichische Volk hat durch seine Entscheidung seinen Mut zur eindeutigen Demokratie unter Beweis gestellt, einer Demokratie, die nicht zügellos Freiheit irgendeiner Mehrheit oder Gruppe bedeutet, sondern organische Einordnung in den Interessenkreis der Gesamtheit. Österreich hat seine politische Reife erwiesen und vor aller Welt dokumentiert, daß es rückhaltlos jedwede Form von faschistischer Ideologie ablehnt. Gleichzeitig aber hat das österreichische Volk ein Bekenntnis abgelegt zur Selbständigkeit und Unabhängigkeit Österreichs und alle volksfremden imperialistischen Ideologien, wie die Anschlußidee usw., ein für allemal abgelehnt und verurteilt.(11)

Sogleich geht der Bundeskanzler zu seinen Vorstellungen von Konkordanzdemokratie, dem Zusammenwirken der politischen Kräfte, über: »Die Regierung ist das Ergebnis des Willens aller Parteien, in Konzentration aller aufbauwilligen Kräfte dem Wunsche der Gesamtbevölkerung Rechnung zu tragen und in den nächsten Monaten alle Parteipolitik beiseitezustellen, im Interesse der Sicherung der dringendsten Lebenserfordernisse des Staates und jedes einzelnen seiner Bürger.« Und dann kommt jene Stelle, an der Figl auf seine lebensbedrohende, schmerz-und leiderfüllte KZ-Zeit verweist, die ihm außergewöhnliche Legitimität verleiht: »Als ich auf Grund des Wahlergebnisses mit der Bildung der Regierung betraut wurde, habe ich mich hiezu im Einvernehmen mit meiner Partei, der Österreichischen Volkspartei, nur unter der Voraussetzung der Mitarbeit aller Parteien bereit erklärt, da ich persönlich auf Grund meines eigenen, harten und leidvollen Erlebens unter dem Naziterror den unverrückbaren Standpunkt vertrete, daß jede Wählergruppe in Österreich das Recht hat, durch ihren Vertrauensmann, wenn auch in entsprechender Rücksichtnahme auf den Proporz, an der Verantwortung beteiligt zu werden. (Allgemeine Zustimmung)«

Und bevor Figl einzelne Details des Wiederaufbauprogramms erläutert, führt er seine Regierungserklärung, die immer wieder durch stürmischen, lang anhaltenden Beifall und Händeklatschen im Hause und auf den Galerien unterbrochen wird, mit einer sehr bezeichnenden »Jugendformel« fort (der damalige Nationalrat war in seiner Zusammensetzung »jung« wie selten ein Parlament in Österreich seit 1848): »Das Österreich von morgen wird eine neues, ein revolutionäres Österreich sein. Es wird von Grund auf umgestaltet und weder eine Wiederholung von 1918 noch von 1933 noch eine von 1938 werden. Die gesamte Staatsverwaltung muß neu geordnet werden, zuvörderst muß wieder die Einheit von Verwaltung und die Einheit der Gesetzgebung in Österreich hergestellt werden.(12) Es ist interessant, dass noch an anderer Stelle die unbürokratische Erneuerung der Verwaltung vorkommt: »Es darf keinen bürokratischen Staat im Staate mehr geben, sondern Können und Leistung muß die alleinige Richtschnur für die Heranziehung zur Mitarbeit in der Verwaltung sein. (Erneuter Beifall) Nazi müssen aus der Verwaltung entfernt werden. (Stürmische Bravo-Rufe)(13)

Nach diesen knappen Worten zur Erneuerung der Staatsorganisalion im Besonderen wird zur Wiederaufbausituation im Allgemeinen übergegangen, bei der begreiflicherweise die Wirtschaftslage im Vordergrund steht, wenn auch von der Rückkehr Südtirols, der Unteilbarkeit Kärntens und der Entfaltung der Kultur in Schule, Universität und Volksbildung gerade im Interesse der Jugend die Rede ist.(14) Stets ist die Sorge um Kriegsversehrte, Kriegsgefangene, Heimkehrer, Witwen und Waisen präsent.

Der Tenor liegt jedoch eindeutig auf dem wirtschaftlichen Aufbau aus einer er-schütternden Anfangssituation heraus: »Wir sind Rettier geworden und müssen von Grund auf neu anfangen in einem Ausmaße, wie es die österreichische Wirtschaftsgeschichte noch niemals erlebt hat.(15)

In tiefem Ernst: »Die größte und heiligste Aufgabe aber für uns wird es sein, unsere Kinder über diesen Winter hin wegzubringen.« Und noch einmal: »Wir sind ein armes Land geworden, unser einziger Schatz sind unsere Kinder. Hier kann aber nur geholfen werden, wenn alle mithelfen.(16)

Es werden dann mit großer Eindringlichkeit verschiedene Aspekte der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Österreichs hervorgehoben: Ernährung, Wohnungsbeschaffung, stabile Währung, es folgen Appelle an die Arbeiter, die Unternehmer, die Bauern zum Wiederaufbau der Industrie und der Landwirtschaft, zur Verbesserung der Beschäftigungslage. Es gibt eine vorsichtige Andeutung von Verstaatlichungen (17), jedoch immer ergänzt durch die besondere Betonung der Privatinitiative. Leopold Figl stand von 1945 bis 1959 in der vordersten Reihe jener Männer, die unermüdlich um die Freiheit, Einheit und Unabhängigkeit und Souveränität Österreichs, aber auch um seinen wirtschaftlichen, rechtlichen und geistigen Wiederaufbau rangen. Was im großen Anfangsimpetus des Jahres 1945 grundgelegt wurde, fand seine Krönung durch Figls Unterschrift unter den Staatsvertrag vom Belvedere am 15. Mai 1955 und - was man lange auch als wesentliche Identitätssäule Österreichs verstand - durch das Bundesverfassungsgesetz vom 26. Oktober 1955 über die Neutralität Österreichs (BGBl. 1955/211), die Aufnahme Österreichs in die Vereinten Nationen (1955) und in den Europarat (1956) sowie durch die Bewährung in der Ungarnkrise 1956, als Österreich ca. 200.000 ungarischen Flüchtlingen Aufnahme bot. Seit der Teilnahme Österreichs am Marshall-Plan (1947/48) kam es zu Wachstum und Wohlstand. Die antinazistische Haltung Figls wurde schon hervorgehoben. Dazu kam seine antikommunistische Haltung und die der Bevölkerung. Die KPÖ konnte auch durch verschiedene Irritationen (1947 und 1950), durch Aktionen der Straße, in Wahlen niemals einen wirklich ins Gewicht fallenden Erfolg herbeizwingen. Nach dem gescheiterten »Experiment« des Ständestaates und dem Erlebnis der NS-Diktatur fanden die Bürgerkriegsparteien der Ersten Republik zu innerem Frieden, zu Konsens und Konkordanz mit der Tendenz zur Einstimmigkeit, bei fortbestehenden Konflikten in vielen Politikfeldern (Konkordanz ist ein Entscheidungsmuster, kein Gefühlsüberschwang) zuerst in einer Allparteienregierung (mit einem Minister der KPÖ), ab 1947 in der Großen Koalition von ÖVP und SPÖ, die erst 1966, also nach Figls Tod, endete. Es finden sich übrigens auch in seiner Regierungserklärung von 1945 erste Ansätze eines Wunsches nach Bildung einer Sozialpartnerschaft, wie sie dann in den fünfziger Jahren vor allem durch Julius Raab und Johann Böhm entwickelt wurde.

Figl hatte die Kraft, die Transformation Österreichs und die Transformation der Christlichsozialen Partei zur ÖVP als einer weitgespannten sozialen Integrationspartei zu bewirken, in beiden Fällen jeweils das Neue eines jugendlichen Aufbruchs in immer wieder flammenden Appellen und Reden betonend.

LEOPOLD FIGL: EIN UNVERWECHSELBARER POLITIKER#

In einer Gesamtcharakteristik möchte ich Figls berührende und mitreißende Persönlichkeit, die ein durchaus unkonventionelles Charisma aufwies, in fünf Themenblöcken zusammenfassend interpretieren:

1. Figls tiefe Verwurzelung in einem klaren, selbstverständlichen, tatkräftigen Katholizismus, einer Volksfrömmigkeit mit aller Lebensfreude, die ihm seine bäuerliche Herkunft, dann seine Familie und das katholische Farbstudententum vermittelten, war seine große Stärke. Es ist eine reiche »Pietas Austriaca«, die barocke Schöpfungsfreude mit dem bitteren Ernst des Leidens am Kreuze in existenzieller Unerschütterlichkeit verbindet. Den herben Zügen seines Lebens steht die so liebenswerte Fälligkeit zu Geselligkeit und Freundschaft, zu gelöster Amicitia, gegenüber. Köstlich sind ja schon die verschiedenen Spitznamen Figls: »Schwips« als Coleurname, der »Poldl« und schließlich mit Ernst Trost »Figl von Österreich«. Es lag eine große Demut in Figls schlichtem, jedem prunkvollen Getue abholden Habitus. Er tat nicht das, was ein bäuerlicher Aphorismus der Tiroler Verwandten meiner Frau ausdrückt: »Er will dort eine Faust machen, wo er keine Hand hat.« Er hatte feste Hände und politische Fäuste, er hatte aber auch die Zartheit des Herzens in wahrer Treue. Er konnte vielerlei Niederlagen ertragen, er konnte auch verzich-ten, etwa unter nicht leichten menschlichen Bedingungen auf die Kanzlerschaft 1955. Manfried Rauchensteiner schließt daher zu Recht seinen Beitrag in diesem Buch mit einem klugen Urteil über Leopold Figl: »Und verzichten zu können, ist nicht zuletzt etwas, das von menschlicher Größe kündet. (18)

2. Die jahrhundertealten Erfahrungen des bäuerlichen Lebens verdichteten sich in Leopold Figl und gaben ihm jene Standfestigkeit in den Traditionen dieses Landes, die auch zu soziopolitischen Veränderungen befähigt. Figl war ein Begleiter in »Krisenzeiten«, oft bei geringer Macht, aber immer wieder das menschliche Zusammenleben unter Ausschöpfung aller Rahmenbedingungen gestaltend. Figls Einfachheit und Bescheidenheit, Zähigkeit und Widerstandskraft, aber auch seine Freude an Politik und Leben machten ihn zum Symbol des neuen Österreich und zur Identifikationsfigur des kleinen Mannes. Er sammelte keine Reichtümer. Die Jagd war sein großes »Durchatmen« in der Natur. Selbst aus prekären Situationen heraus wuchs Figls Überdurchschnittlichkeit - mit bleibender Wirkung selbst unter veränderten Denkweisen und Politikformen, die sich seit Figls Tod in Österreich immer mehr Geltung verschafften.

3. Figl konnte dies alles leisten, nicht nur durch die Glaubwürdigkeit seines gesamten Lebens, seiner Wunden, Narben und auch durch seinen frühen Tod, sondern auch durch seine unerhörte Arbeitskraft, seine »Intensität«, die häufig unterschätzt wird, wenn man heute massenmedial vermittelte Attraktivität so sehr in den Vordergrund stellt. Figl war insofern ein echter Politiker, als er nicht in allen Details Sachbearbeiter sein wollte, sondern über Personen und mit Personen regierte. Er hatte ein phantastisches Personengedächtnis wie etwa auch die beiden Josef Krainer in der Steiermark. Figls Mitmenschlichkeit und Altruismus sind geradezu sprichwörtlich geworden. Ganz anders als der zeitgenössische Individualismus und Hedonismus, der sich selbst bejubelt etwa im Lied der Kaiserin Elisabeth in dem gleichnamigen Musical im Theater an der Wien: »Ich gehör' nur mir!«. Figl gehörte seiner Familie, seinen Freunden, er gehörte seiner niederösterreichischen Heimat und seinem österreichischen Vaterland, wozu schon sehr früh eine starke Europabegeisterung trat.

4. Anders als in manchen Staaten Europas konnten Figl und sein Österreich durch unmittelbares Erlebnis einen überzeugenden Antitotalitarismus entwickeln, der sich in der Abwehr des Nationalsozialismus, der immerhin auch hausgemacht war, in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 und in rechtlichen wie faktischen Ent-nazifizierungsmaßnahmen äußerte sowie in der Abwehr des Kömmunismus in immer wiederkehrenden Misserfolgen der KPÖ in freien Wahlen, spektakulär und richtungsentscheidend schon am 25. November 1945. Figl ist in besonderer Eindeutigkeit Vertreter dieses Einschwenkens des historischen Pendels auf die mittlere Linie eines gegen rechte wie linke Extreme gewandten Antitotalitarismus geworden.

5. Ganz anders als Ignaz Seipel und Otto Bauer, aber auch mehr noch als der k.u.k. Oberleutnant Julius Raab verkörpert der 1902 geborene Leopold Figl die so lange verweigerte Bereitschaft Österreichs, seine Kleinstaatlichkeit zu akzeptieren, die freilich im Kontext einer europäischen Integration alles Drückende und Enge verliert. Kleinstaatlichkeit erfordert freilich besondere Anstrengung. Gerade ein kleiner Staat braucht einen weiten Horizont in Politik und Wirtschaft, in Wissenschaft und Kunst, der seine territoriale Begrenztheit überschreitet. In einer Randnote sei bemerkt, dass freilich bis in die neunziger Jahre, so auch in der ersten Regierungserklärung Leopold Figls, der Staat als Problemloser unbestritten war. Die politische Kultur des Etatismus der maria-theresianisch-josephinischen Reformphase wirkte bis in die jüngste Gegenwart fort, als dann neue Kategorien des Marktvertrauens die Selbstverständlichkeit tradierter Staatlichkeit in Frage stellten. (19) Leopold Figl hat Politik in vielem anders verstanden, als Politik heute gemacht wird. Robert Kriechbaumer notiert, dass die für Figl kennzeichnende >»Politik der Gefühle< eine, vielleicht die einzige, jedenfalls eine sehr erfolgreiche Modalität von Politik war, die dieses Land -trotz ihrer Verankerung in traditionellen Fonnen - nicht nur in die Freiheit, sondern auch in die Schwelle der Moderne zu führen vermochte.(20)

Figl ist in seiner historischen Summe so stark, dass wir uns nicht ängstlich und jammernd an ihn klammern dürfen. Er kann und soll uns die heitere Gelassenheit geben, über ihn und seine Zeit hinaus ins weite Land der vor uns liegenden Aufgaben vorzustoßen. Wir dürfen uns nicht einen historischen Figl »billig anschminken«, dies wäre gerade angesichts seines oft und oft geprüften Lebens- und Arbeitsweges eine verletzende Usurpation seiner geschichtlichen Bedeutung. Die Öffnung ins Weite aus den Kraftquellen seiner katholischen Existenz heraus klingt als Ermunterung für uns alle aus den Schlussworten nach seiner Wahl zum Landeshauptmann von Niederösterreich am 51. Jänner 1962, als er nach dem bekannten Grillparzer-Zitat »Es ist ein gutes Land« auch für uns und unsere Zeit ausrief: »Für alle die Freiheit und Gott die Ehre.(21)

ANMERKUNGEN#

1 Johannes Dorrek (f)/Johannes Schönner/Josef Singer/Helmut Wohnout (Hg.), 100 Jahre Leopold Figl. »Glaubt an dieses Osterreich!« Festschrift zu den Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des 100. Geburtstages des großen Österreichers im Oktober 2002. Wien 2003.

2 Übersicht über Leben und Werk bieten - neben dem neuesten Band »100 Jahre Leopold Figl« -Heribert Husinsky, 40 Jahre Volkspartei. Vierzig Jahre gut für Niederösterreich. St. Polten-Wien 1985;
Therese Kraus, Leopold Figl 1902-1965, in: Friedrich Weissensteiner/Erika Weinzierl (Hg.), Die österreichischen Bundeskanzler. Leben und Werk. Wien 1985, S. 266-294;
Robert Kriechbaumer, Von der Illegalität zur Legalität. Die ÖVP im Jahr 1945. Politische und geistesgeschichtliche Aspekte des Entstehens der Zweiten Republik. Wien 1985;
Ders., Leopold Figl, in: Herbert Dachs/Peter Gerlich/Wolfgang C. Müller (Hg.), Die Politiker. Karrieren und Wirken bedeutender Repräsentanten der Zweiten Republik. Wien 1995, S. 125-135;
Robert Kriechbaumer/Franz Schausberger (Hg.), Volkspartei - Anspruch und Realität. Zur Geschichte der ÖVP seit 1945. Wien 1995;
Wolfgang Mantl, Figl, in: Staatslexikon, 7. Ausg., Bd. II., Freiburg/Breisgau-Basel-Wien 1986, Sp. 5701'.;
Anton Matyas, Leopold Figl - Künder der Freiheit. Wien 1966;
Manfried Rauchensteiner, Die Zwei. Die Große Koalition in Österreich 1945-1966. Wien 1987;
Ludwig Reichhold, Geschichte der ÖVP. Graz-Wien-Köln 1975;
Susanne Sellenreich, Leopold Figl - Ein Österreicher. Wien 1962;
Gerald Stourzh, Um Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1945-1955. Wien-Köln-Graz 1998;
Ernst Trost, Figl von Österreich. Wien-München Zürich 1972.

Erst nach Abschluss dieses Beitrags wurde mir der kluge Aufsatz von Gerald Stourzh bekannt: »Österreich ist frei!« Leopold Figl als Bundeskanzler und Außenminister im Jahrzehnt zwischen Befreiung und Freiheit, in: Österreichlsrh^ Geschichte und Literatur 46/2002, S. 335-350.

3 Kriechbaumer (1995), S. 127.
4 Manfried Rauchensteiner, Bundeskanzler von 1945 bis 1955, in: Dorrck et al. (2005), S. 26.
5 Ebda., S. 28.
6 Ebda., S. 29.
7 Ebda., S. 50.
8 Stourzh (1998), S. 26, Fußnote 38.
9 Abgedruckt im Stenographischen Protokoll der 2. Sitzung des Nationalrates, Freitag, 21. Dez. 1945, S. 19 -28. Gerade der Hinweis, dass es sich um die V. Gesetzgebungsperiode handelt, betont die Kontinuität der politisch so genannten beiden Republiken, die im Rechtssinn eine Republik sind.
10 Ebda., S. 19.
11 Ebda.
12 Ebda-, S. 20.
13 Ebda., S. 21.
14 Ebda., S. 26.
15 Ebda., S. 23.
16 Ebda., S. 22.
17 Es ging hier gerade um die Frage des Deutschen Eigentums. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis Rauchensteiners (2003, S. 52) höchst illustrativ: »Dabei gilt es festzuhalten, dass es sich dabei um riesige Vermögenswerte handelte, denn das von den Sowjets in Österreich beschlagnahmte Deutsche Eigentum war schätzungsweise fünf Mal so groß wie das Deutsche Eigentum in Finnland, Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien zusammen.« 18 Rauchensteiner (2005), S. 58.
19 Siehe hiezu Wolfgang Mantl (Hg.), Effizienz der Gesetzesproduktion. Abbau der Regelungsdichte im internationalen Vergleich. Wien 1995.
20 Kriechbaumer (1995), S. 151.
21 Stenographisches Protokoll der 8. Sitzung der IV. Session der VII. GP des Landtages von Nieder-österreich, Mittwoch, 51. Jan. 1962, S. 244.