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Der charismatische Medienkanzler#

Wolfgang Petritschs starke Biographie seines früheren Chefs Bruno Kreisky#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 10. November 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Friedrich Weissensteiner


Sine ira et studio verfasstes stimmiges Persönlichkeitsbild. Kreiskys große Kontroversen kommen ausführlich vor#

Bruno Kreisky
Bruno Kreisky hat Österreich modernisiert
© Wiener Zeitung / Foto: apa

Bruno Kreisky, der am 22. Jänner nächsten Jahres hundert Jahre alt geworden wäre, ist zwanzig Jahre tot. Viele junge Menschen, die sich nicht für Politik interessieren, werden in unserer geschichtsfernen Zeit mit seinem Namen und seiner Persönlichkeit nicht allzu viel anzufangen wissen. Möglicherweise haben sie schon einmal etwas vom österreichischen "Sonnenkönig" gehört, eine (historisch) ungerechtfertigte Etikettierung, die ihm ein Journalist aufgeklebt hat. Schon deshalb ist es verdienstvoll, dass anlässlich des erwähnten Gedenktages Leben und Werk des großen Politikers und Staatsmannes in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt werden. Vorausgesetzt natürlich, dass das vorurteilsfrei und mit der nötigen Ausgewogenheit geschieht.


Der Autor der vorliegenden Biographie war sechs Jahre lang Sekretär des "Medienkanzlers" und Kreisky persönlich und weltanschaulich verbunden. Trotzdem oder gerade deswegen zeichnet er mit bemerkenswert klarer Diktion sine ira et studio ein stimmiges Persönlichkeitsbild seines ehemaligen Chefs. Das ist zweifellos eine anerkennenswerte "historische" Leistung, denn Bruno Kreisky war eine markante Persönlichkeit mit außergewöhnlichen Begabungen und Stärken, aber auch mit so manchen nicht zu verkennenden Schwächen.


Wolfgang Petritsch zeichnet den Lebensweg des aus einer großbürgerlich-jüdischen Familie stammenden, umfassend gebildeten Vollblutpolitikers anhand der einschlägigen Literatur, aufgrund eigenen Urteils und dem zahlreicher Zeitgenossen, die mit Kreisky in Freund- und Feindschaft verbunden waren, präzise nach, wobei er auch den (welt)politischen und gesellschaftlichen Background, in den Kreiskys Vita eingebettet war, einbezieht und scharf beleuchtet.

Petritsch schildert die politischen Anfänge Kreiskys in der sozialistischen Jugend, die prägenden emotionalen Erlebnisse und Erfahrungen, die der Jungpolitiker im klerikal-faschistischen Ständestaat und mit der NS-Herrschaft machte, die Jahre in der schwedischen Emigration und seinen Werdegang in der Sozialdemokratie nach der späten Rückkehr in die Heimat, der in 13 Jahren sozialdemokratischer Alleinherrschaft (1970-83) gipfelte.


In diesen Jahren hat Kreisky mit seinem Regierungsteam, das zeitweise auch so manche Schwachstelle aufwies, mit zahlreichen, zum Teil umstrittenen gesellschafts-, sozial- und schulpolitischen Maßnahmen Österreich reformiert, modernisiert und weltoffener gemacht. Die ureigenste Domäne des Regierungschefs war die Außenpolitik, in der er mit visionärem Weitblick Maßstäbe setzte und sich auf dem internationalen diplomatischen Parkett Anerkennung und Reputation verschaffte.


Wiesenthal und Androsch#

Ausführlich und sorgfältig beschäftigt sich der Autor mit den beiden heftigsten Kontroversen des Kanzlers, die Kreisky mit emotional aufgeladener Heftigkeit und geradezu biblischen Rachegelüsten führte: den langjährigen Konflikt mit dem "Nazijäger" Simon Wiesenthal und die dramatische Entzweiung mit seinem politischen Ziehsohn, Finanzminister Hannes Androsch. Aber auch der Konflikt mit Israel und seine falsche Einschätzung der Volksstimmung im Kärntner Ortstafelstreit und in der Frage der Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf werden thematisiert.

Nach seinem Ausscheiden aus der Politik gönnte sich Bruno Kreisky trotz seines sich von Jahr zu Jahr verschlechternden Gesundheitszustandes keine Ruhe. Er schrieb seine Memoiren, engagierte sich für den Nord-Süd-Dialog, überwarf und versöhnte sich wieder mit seiner Partei. Als er am 29. Juli 1990 starb, dämmerte mit dem Zerfall der Sowjetunion ein neues weltpolitisches Zeitalter herauf...



Bruno Kreisky
Die Biographie
Wolfgang Petritsch
Residenz Verlag, 420 Seiten, 24,90 Euro


Wiener Zeitung, Mittwoch, 10. November 2010