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Zwischen Marx und Darwin#

Der Wiener Sozialdemokrat und "Austromarxist" Otto Bauer (1881-1938) entwickelte seine eigenen Theorien zur proletarischen Demokratie.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 25./26. Mai 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Markus Vorzellner


Otto Bauer
Otto Bauer 1919: Damals plädierte er für eine Vereinigung Österreichs "mit dem deutschen Vaterland".
Wikimedia/Robert Sennecke

Wer im zweiten Wiener Gemeindebezirk von der Unteren Augartenstraße kommend in die Leopoldsgasse einbiegt, wird im hinteren Verlauf der rechten Häuserzeile einer konvexen Ausbuchtung gewahr, die bald als Gesichtsrelief zu erkennen ist. Bleibt der Spaziergänger nun vor jenem über Blickhöhe angebrachten Gebilde stehen, könnte ihn doch Verwunderung überkommen angesichts dieser eher fratzenhaft verzerrten Darstellung. Liest der verwunderte Stadt-Flaneur dann den darunter angebrachten, leicht verwitterten Text - "Otto Bauer, dem großen Theoretiker der österreichischen Sozialdemokratie" - und ist ihm die dargestellte Person auch noch optisch geläufig, dürfte sich sein Befremden noch vergrößern aufgrund der frappanten Unähnlichkeit des Reliefs mit sämtlichen erhaltenen Fotografien der bedeuteten Person.

Dieser Umstand könnte als ein Sinnbild für das völlige Verblassen jeglicher Erinnerung an Otto Bauer stehen. Dabei galt gerade dieser Politiker und Theoretiker vielen als Verkörperung jener politischen Weltanschauung, die bereits zu ihrer Zeit mit dem Prädikat "Austromarxismus" versehen wurde und vielen Menschen der Arbeiter- und Angestelltenklasse, aber auch so manchen Intellektuellen als das gesellschaftspolitische Idealmodell der Zukunft erschien. Als eines der zahlreichen literarischen Zeugnisse mag dafür das Gedicht "Vienna" des englischen Poeten Stephen Spender stehen, das die Zustände im Roten Wien der frühen 1930er Jahre preist, jene politische Souveränität, in der sich die Sozial- und Bildungsideale des Austromarxismus am besten in praktische Politik umsetzen ließen.

Ob die geschwundene Aktualität Otto Bauers in unserer Zeit damit zusammenhängt, dass die Sichtweise des Theoretikers zu weit von der Pragmatik des Politikers entfernt war? Seine politischen Erben nach 1945 werden, weitgehend frei von jeder politischen Theorie, diese Frage wohl kaum beantworten können.

Verein "Zukunft"#

Das im Gegensatz dazu an politischen Theorien durchaus nicht arme Fundament der jungen österreichischen Sozialdemokratie ab 1918 verdankt seine Wirkung zu einem nicht unbeträchtlichen Teil diesem Sohn eines Textilfabrikanten jüdischer Abstammung, der neben Geschichte, Philosophie und Rechtswissenschaft auch Nationalökonomie studierte.

Zur selben Zeit war Bauer Mitglied der "Freien Vereinigung sozialistischer Studenten", der Vorläufer-Organisation des VSStÖ, wo er die meisten seiner späteren politischen Mitstreiter wie Karl Renner, Alfred Adler oder Rudolf Hilferding persönlich kennen lernte. 1903 ermöglichte er als Gründungsmitglied des Vereins "Zukunft" die Errichtung der ersten und wichtigsten Bildungsinstitution des Austromarxismus, der ein Jahr später die Herausgabe des ersten Bandes der Marx-Studien folgte.

Nachdem 1907 die sozialdemokratische Fraktion bei den Reichstagswahlen als zweitstärkste hervorgegangen war, übernahm Bauer auf Wunsch Viktor Adlers das Klubsekretariat, sowie die redaktionelle Leitung der ebenfalls in diesem Jahr gegründeten Zeitschrift "Der Kampf". Außerdem konnte er 1907 seine erste große Publikation vorweisen, "Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie".

In diesem Werk geht Bauer minutiös auf die Nationalitätenpro-blematik des Vielvölkerstaates ein, wie sie von der Sozialdemokratie auf dem Brünner Parteitag von 1899 behandelt worden war, aber nicht zufriedenstellend gelöst werden konnte. Doch kommt in Bauers Erstlingswerk auch ein Prinzip zum Tragen, das dem Theoretiker eine Orientierung bietet, die dem Realpolitiker der Ersten Republik manchmal im Weg zu stehen scheint, nämlich jenes einer zielgerichteten, über Stadien sich konsequent vollziehenden Entwicklung.

Nationalitätenprinzip#

Bauer begreift die Nation 1907 als "Charaktergemeinschaft", die sich "von einem Elternpaare, einer Sippschaft oder einer Horde" ausgehend entwickle. Vor diesem Hintergrund war es ihm möglich, in einer am 29. Juli 1919 gehaltenen Rede die Österreich-ungarische Monarchie als "naturwidriges Gebilde" zu bezeichnen, das "durch nichts zusammengehalten (war) als durch die Macht einer Dynastie und durch die Bayonette", wobei nach dessen Zerfall "sich die Tschechen, Polen und Ukrainer dann ihre eigenen Staaten schaffen werden und daß uns Deutsch-Österreichern gar kein anderer Weg offen bleiben wird als die Vereinigung mit dem deutschen Vaterland".

Die "lebhafte Zustimmung", mit der dieser Passus bei der Zuhörerschaft bedacht wurde, kann nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass Bauers progressiver Nation-Begriff im Widerspruch sowohl mit den Bestimmungen des Vertrages von St. Germain als auch mit den realpolitischen Erwägungen von Staatskanzler Karl Renner steht. Bauer tritt, vorrangig aus diesen Gründen, am 26. Juli 1919 vom Posten des Staatssekretärs des Äußeren zurück und hält drei Tage später diese Rede. Die Koalition zwischen Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen wird noch 15 Monate halten.

Das Nationalitätenprinzip nimmt in Bauers Denken schon früh einen wichtigen Rang ein und lässt die junge Republik "Deutsch-Österreich" in einen fast manichäisch anmutenden Gegensatz zu den Gebilden des überwundenen Vielvölkerstaats treten. So sagt er in der genannten Rede: "Aber wir waren in jener Stunde völlig wehrlos gegenüber der ganzen Welt. Wir hatten gegen uns den Haß, den wohlverdienten Haß, den die alte Monarchie und den ihre bürgerliche Gefolgschaft während des Krieges bei den anderen Nationen, bei den Nachbarvölkern geerntet hatten. (. . .) Unsere erste Sorge war damals, uns das bißchen Brot zu beschaffen. Wir konnten es nur bekommen von unseren Feinden."

Dass der seinerzeitige Berater der Koalitionsregierung, der spätere Soziologe Friedrich Hertz, Zahlen vorgelegt hatte, welche eine ökonomische Lebensfähigkeit des nunmehrigen Kleinstaates außer Frage stellten, wurde in Bauers Rhetorik nicht berücksichtigt, da dieser Umstand nicht in seine Ideologie passte.

Es ist für sein Denken nur folgerichtig, dass er die Errungenschaften der Evolutionstheorie mit gesellschaftstheoretischen Gesetzmäßigkeiten in engere Verbindung treten lässt, so in seinem im "Kampf" erschienenen Artikel über "Marx und Darwin": "Die Gesetzeswissenschaft mußte ihre Herrschaft auf das offensichtlich Zeitliche, Historische ausdehnen, ehe die Menschen sich dessen bewußt werden konnten, daß auch die ehernen, ewigen Gesetze des Naturgeschehens an ein schlechthin gegebenes, also historisches, wenn auch für uns immer und überall gegebenes Substrat gebunden sind, ein historisches Element einschließen."

Ererbte Eigenschaften#

Auch die Nation wird so gesehen: "Die ererbten Eigenschaften einer Nation sind nichts anderes als der Niederschlag ihrer Vergangenheit, gleichsam ihre erstarrte Geschichte. Die Einwirkung der Lebensbedingungen der Ahnen auf die Charaktere der Kinder geschieht jedenfalls dadurch, daß durch die Lebensbedingungen der Ahnen auf dem Wege der natürlichen Auslese darüber entschieden wird, welche Eigenschaften sich vererben und welche allmählich ausgeschieden werden."

Es ist eine äußerst differenzierte Bezugnahme auf das Denken von Marx und Engels, mit der die Austromarxisten ihr Denken zu legitimieren versuchen. Manche Modifikationen - von den Gegnern des Austromarxismus als "Revisionismus" angesehen - werden sogar per Abstimmung beschlossen, etwa die Streichung der Marxschen Verelendungstheorie aus dem Parteiprogramm am Wiener Gesamtparteitag von 1901.

Gerade solche Schritte sind es, die die vehementen Kritiker dieser Bewegung auf den Plan rufen. So meint einer der prominentesten, gleichzeitig aber auch einer der harschesten Kritiker des Austromarxismus, Leo Trotzki, über die österreichische Lesart des Marxismus, diese habe aus der "revolutionären Energie" eine "Akademie der Passivität und des Ausweichens" gemacht. Deshalb trete der Austromarxismus "in eine Periode der endgültigen Abrechnung für seine historischen Verbrechen", so Trotzki 1929.

Dieser harschen Kritik ist nicht zur Gänze zu widersprechen. In seiner Theorie des Gleichgewichts der Klassenkräfte postuliert Bauer eine Patt-Stellung im Staat zwischen den revolutionären und den bürgerlichen Kräften, welche es zu überwinden gilt. Kritiker meinen dazu, er habe einen Satz aus dem letzten Abschnitt von Friedrich Engels’ "Ursprungs der Familie" unzulässig verallgemeinert, stellt doch dieser die Möglichkeit in den Raum, "daß die Staatsgewalt als scheinbare Vermittlerin momentan eine gewisse Selbständigkeit gegenüber beiden erhält".

In der politischen Praxis scheitert diese Theorie des Gleichgewichts der Klassenkräfte an allen Ecken und Enden, anders als Bauer das für wünschenswert hielt, formuliert er doch 1929 in einer auf Tonträger erhaltenen Rede: "Schritt für Schritt wollen wir die Quellen des Reichtums, die heute Großgrundbesitzern und Großkapitalisten gehören, in das Eigentum der demokratischen Republik überführen." Die Idee einer proletarischen Diktatur, die als Zugeständnis an den linken Flügel der SDAPÖ in das berühmte Linzer Programm von 1926 aufgenommen wurde, wird Bauer erst 1934 als Übergangsform zu einer proletarischen Demokratie sehen - freilich ohne zu erläutern, wie eine solche Diktatur wieder deinstalliert werden kann.

Vor dem 12. Februar 1934 hält er seine Theorie des Gleichgewichts der Klassenkräfte für praktizierbar und lehnt auf den wenigen bis dahin noch abgehaltenen Parteitagen den vom linken Flügel geforderten bewaffneten Aufstand für kontraproduktiv ab, obgleich alle von staatlicher Seite in dieser Zeit getätigten Verordnungen auf die Errichtung einer Diktatur hinweisen. Bauer riskiert die Spaltung der Partei, wobei die aufgestaute Energie sich in die ersten unkoordinierten Aktionen des 12. Februar entlädt, in die Schüsse auf die Polizei vor dem Linzer SDAPÖ-Parteiheim, dem "Hotel Schiff".

Theorie aus dem Exil#

Bauer flüchtet nach Brünn, richtet dort das "Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten" ein, unterstützt den Untergrund und reflektiert in seinen Schriften vermehrt das Verhalten der Partei unmittelbar vor und während der Februartage; der Rückzug aus der aktiven Politik erlaubt es ihm, die Theorie dort zuzuspitzen, wo die Praxis gescheitert war. So verfasst er im Exil die von Historikern zu wenig beachtete Schrift "Demokratie und Sozialismus", in der er die Notwendigkeiten aufzeigt, die bürgerliche Demokratie mit dem hinter ihr stehenden Kapitalismus zu überwinden und eben jene vorübergehende Diktatur des Proletariats einzurichten, von der im Linzer Programm bereits die Rede war.

Über Brüssel trifft Otto Bauer im Mai 1938 in Paris ein, wo er bereits im Juli desselben Jahres einem Herzinfarkt erliegt. Sein Werk und sein Wirken fallen der Vergessenheit anheim und werden auch nach den berüchtigten tausen Jahren kaum noch zum Leben erweckt. Auf eine leichte Renaissance des Austromarxismus in den 60er und 70er Jahren mit der verdienstvollen, durch den Widerstandskämpfer und Volksbildner Hugo Pepper besorgten Werkausgabe folgt abermaliges Vergessen.

In einer vor einigen Jahren erschienenen, eher mittelmäßig gestalteten Broschüre über den Bildungsreformer Otto Glöckel wird eine Dame interviewt. Eine Frage lautet: Kennen Sie Otto Glöckel? Ihre Gegenfrage: "Wer ist das?" Würde es seinem Parteigenossen Otto Bauer heute anders gehen?


Markus Vorzellner lebt als Autor, Musikpublizist, Pädagoge und Pianist, mit dem Schwerpunkt Liedbegleitung, in Wien.

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 25./26. Mai 2013