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Shimon Peres in Wien#

Der 91-jährige israelische Staatspräsident Shimon Peres hat Wien zum Ziel seiner letzten großen Auslandsreise gewählt. Beim Staatsbankett am 31.3.2014 im Redoutensaal der Wiener Hofburg hielt der bekannte sozialistische Politiker eine große Rede. Hier der Volltext.

Ansprache des Präsidenten des Staates Israel anlässlich des Staatsbanketts gegeben vom Bundespräsidenten der Republik Österreich#

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Heinz Fischer, sehr geehrte Frau Fischer, verehrte Gäste,

den Kaiserwalzer komponierte Johann Strauss Sohn zu Ehren eines Zusammentreffens zwischen zwei Staatsoberhäuptern; Anlass war der Besuch des österreichischen Kaisers Franz-Josef bei Kaiser Wilhelm II. in Deutschland. Ursprünglich trug das Werk den Titel „Hand in Hand“ und sollte damit die politische Verbundenheit der österreichischen und deutschen Herrscherhäuser zum Ausdruck bringen.

Die kaiserlichen Paläste sind bis heute erhalten geblieben, während das Kaisertum verschwand. Dennoch ist die Notwendigkeit einer Politik unter dem Vorzeichen „Hand in Hand“ heute wichtiger denn je. Denn heute ist die einzige Alternative zum früheren Befehl des Kaisers der Aufbau der Freundschaft zwischen den Völkern selbst – für ein besseres Morgen. Und doch, so scheint mir, zieht der Mensch in der Regel oft die Erinnerung der Vision vor. Selbstverständlich darf die Vergangenheit nicht vergessen werden oder in Vergessenheit gebracht werden. Nicht allein, um Bescheid zu wissen, sondern auch, um zu lernen.

Niemals wieder!#

Der schreckliche Holocaust, der unser Volk heimsuchte, muss jeden Tag erneut studiert werden, ebenso wie jeder andere Holocaust, der die Völker der Welt heimsucht. Der Völkermord an sechs Millionen Juden, und darunter anderthalb Millionen Kinder, die sterben mussten, nur, weil sie Juden waren, ist eine Katastrophe für unser Volk und ein Warnsignal für jedes erneute Auftauchen von Mördern oder die Kennzeichnung von Opfern. Das „Niemals wieder“ zu sichern, ist unser aller Pflicht.

In den Beziehungen zwischen Österreich und dem jüdischen Volk, die sich über mehr als 800 Jahre erstrecken, verbergen sich schwere und tragische Erinnerungen, die nicht vergessen werden dürfen, und ebenso Tage des kulturellen Erblühens und wirtschaftlichen Auflebens, die zur Zeit wieder zum Leben erweckt werden.

Es ist unsere aktuelle Pflicht, jedes Wiederauftauchen des Nazismus oder Antisemitismus an der Wurzel zu bekämpfen. Jeder Hinweis auf Rassismus muss eine Alarmglocke auslösen. Wien ist eine wunderschöne Metropole, erfüllt mit Leben, in der Erinnerungen und Hoffnungen Arm in Arm einhergingen. Auf der einen Seite wuchs hier der schlimmste Mörder von allen auf – Adolf Hitler. Und hier wuchsen Nazis auf, die ihren Beitrag zur Durchführung der schrecklichen Shoah leisteten.

Träger des kulturellen Lebens #

Auf der anderen Seite ging dem ein einzigartiges und atemberaubendes jüdisches Erblühen voraus. Im Jahre 1923 zum Beispiel war jeder zehnte Bewohner Wiens Jude. Die Hälfte der Ärzte in Wien waren Juden. Wien war ein Pantheon der jüdischen Philosophen, Schriftsteller, Wissenschaftler, Komponisten, Dichter und Maler, darunter Sigmund Freud und Ludwig Wittgenstein, Anna Freud und Fritz Kreisler, Alfred Adler, Rudolf Eisler, Joseph Roth und Gustav Mahler, Egon Friedell, Arthur Schnitzler und Arnold Schönberg, Martin Buber, Karl Popper und Stefan Zweig. Auch für Theodor Herzl, den Vater des Zionismus, der in Budapest geboren wurde, war Wien Zentrum seines Lebens und Wirkens. Hier schrieb er sein Buch „Altneuland“, das zum jüdischen Manifest wurde. Nach dem Prozess gegen Dreyfus kam er zu der Überzeugung, dass die Juden zwar nicht die Macht besaßen, die Welt zu verändern, doch dass es in ihrer Macht stand, ihre eigene Welt zu ändern. Israel ist die historische Schlussfolgerung eines Volkes, das die größte Veränderung herbeiführte, die es seit der Vertreibung unseres Volkes in die Diaspora vor rund 2000 Jahren gegeben hat.

Ich komme zu Ihnen aus unserer Hauptstadt. Aus dem antiken und modernen Jerusalem. Die Vergangenheit ist hier immer noch sehr lebendig, und die Zukunft öffnete ein neues Tor in der Stadt, das Tor der Wissenschaft, das sich als neue Kraft den seit der Antike bestehenden Toren anschließt. So ist es möglich, die alten Gassen Jerusalems entlang zu wandeln – und die Geschichte einzuatmen, zwischen den wissenschaftlichen Zentren der Stadt umherzuwandern und Hoffnung in sich aufzunehmen. Gegenwärtig arbeiten Österreich und Israel am Aufbau echter freundschaftlicher Beziehungen, ohne dabei die Vergangenheit außer Acht zu lassen.

Die Augen auf die Sterne gerichtet#

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

als junger Mensch haben Sie ein Jahr lang als Freiwilliger im Kibbuz Sarid in der Ebene von Jesreel gearbeitet. Ich selbst war Mitglied im Kibbuz Alumot. Später waren wir beide aktiv in der Sozialistischen Internationale. In Alumot gab es kein privates Vermögen. Und auch anderes Geld war schwer zu finden. Jedes Kibbuz-Mitglied erhielt ein Paar Schuhe, ein Paar Hosen, zwei Hemden, ein Zelt zum Wohnen und einen Pflug. Ich erhielt einen Hirtenstab, da ich damit beauftragt war, unsere Schafherde zu hüten. An meiner Hüfte hing ein Revolver, doch meine Augen waren auf die Sterne gerichtet. Wir kannten materiellen Mangel und soziales Glück. Wir waren wirklich frohe Menschen.

Denn wir arbeiteten auf ein hohes Ideal hin, freiwillig und als Freunde.

Und zu guter Letzt bauten die Kibbuzim ein neues Land auf. Das ist ein Privileg, das ich im Herzen trage. Als wir gemeinsam in der sozialistischen Internationale aktiv waren, erschien mir diese nicht als wirtschaftliche Doktrin, sondern als menschliche Zivilisation.

Weder der Kibbuz noch der Sozialismus waren eine Frage des Dogmas, sondern das Streben nach einer besseren Welt. Die Notwendigkeit einer Rehabilitation der Welt war in unseren Augen ein Anliegen, das so dringend war, wie kein anderes. Seit die Wissenschaft auf der Erde den Platz als hauptsächlicher Brotverdiener der Menschheit eingenommen hat, hat sie enorme technologische Fortschritte erzielt, doch zu meinem Leidwesen auch die Produktion tödlicher Waffen gefördert, die, wenn sie in die Hände von Fanatikern fallen, den Weltfrieden bedrohen können.

Um eine gewalttätige Machtübernahme zu verhindern, müssen wir dazu zurückkehren, unsere Kinder dazu zu erziehen, die Macht der ethischen Werte zu erkennen. Den guten Willen zu fördern und den Chauvinismus abzulehnen.

Wie die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte zeigt, führt das Geben zu Wachstum, und der, der nimmt, verarmt am Ende. Die Imperien, die den Besitz anderer stahlen, brachen letztendlich zusammen, und die Länder, wie sie nach dem Kolonialismus entstanden sind, werden nun vom Terror heimgesucht. Auch das politische Leben wird nur existieren können, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht, und nicht auf Herrschaft.

Dienen, nicht herrschen #

Wenn sie wirklich geschätzt werden sollen, müssen Führungspersönlichkeiten verstehen lernen, dass sie dienen und nicht herrschen sollen. Dass sie die Engel des guten Willens sein müssen, und nicht die Engel Gottes.

Verehrte Gäste,

Österreich und Israel sind von der Fläche her keine großen Länder. Aber sie können im Hinblick auf die Qualität große Länder sein, wenn sie den menschlichen Geist fördern und der Erziehung gegenüber den Verlockungen der Bequemlichkeit den Vorzug geben. Wir bemühen uns heute, nicht nur den Traum Herzls Wirklichkeit werden zu lassen, sondern auch die Vision von Amos, dem biblischen Propheten der sozialen Gerechtigkeit, und von Jesaja, dem Propheten des Weltfriedens.

Herr Bundespräsident,

wir sind aus der Shoah auferstanden, wir haben die Wüste überwunden und sieben Kriege gewonnen. Der Staat Israel ist ein großer menschlicher Sieg.

„Die Trauer bezwingt uns nicht,“ … schrieb Stefan Zweig, „sie ist im Gegenteil unsere Stütze. Niederlagen waren immer der Ausgangspunkt eines neuen Anfangs für uns, und aus den Tiefen erscheint Gott und nimmt uns in sein Herz auf.“ Wir wollen, dass der Staat Israel und der Nahe Osten von menschlicher Schönheit und wirtschaftlicher Blüte beeinflusst werden, mit echtem Frieden, so wie es in Ihrem Goldenen Zeitalter der Fall war.

Israel strebt nach Frieden mit allen seinen Nachbarn. Mit zweien unserer Nachbarländer haben wir Frieden geschlossen, und das umfasste territoriale Kompromisse. Und jetzt bemühen wir uns darum, uns mit unseren palästinensischen Nachbarn zu versöhnen.

Herr Bundespräsident,

Sie haben als Wissenschaftsminister gedient, und wir beide wissen, dass der Fortschritt sich nicht in der Kraft, sondern im Geist des Menschen verbirgt. Die Unruhe, die unsere Region erfährt, erzeugt neue Situationen, Risiken und Gelegenheiten. Gelegenheiten der Zusammenarbeit, die in der Vergangenheit illusorisch erschienen, sind heute möglich geworden. Alle Völker dieser Region bieten ein großes Potential, wenn wir zu kooperieren wissen. In den Bereichen der Wirtschaft, Energie, Wasserversorgung und Kommunikation, beim Kampf gegen die Wüste, bei Landwirtschaft, Ernährung, Transport und Fremdenverkehr.

Versöhnung #

Wir streben danach, eine historische Versöhnung mit unseren palästinensischen Nachbarn herbeizuführen. Es ist eine moralische Stimme, die die jüdische Weltanschauung zum Ausdruck bringt: Toleranz und Frieden sind gegenüber dem Extremismus und dem Krieg der Vorzug zu gewähren. Juden und Palästinenser haben eine einfache Wahrheit anzuerkennen: Wir müssen wie Nachbarn miteinander zusammenleben. Keiner von uns wird einfach verschwinden. Und beide sind wir unseren Kindern Frieden und Wohlstand schuldig. Das erwünschte Ziel des Friedens ist in greifbarer Nähe. Um es zu erreichen, müssen die Verhandlungen wieder aufgenommen werden und vom öffentlichen Gerangel im Rampenlicht zu diskreten und sachlichen Gesprächen hinter den Kulissen übergehen.

Österreich spielt bei diesen politischen Bemühungen eine wichtige Rolle.

Dies nicht allein, weil Österreich ein Zentrum ist, in dem sich bedeutende internationale Organisationen angesiedelt haben, sondern auch, weil das Land einen wichtigen Partner innerhalb der Europäischen Union darstellt, das in der Lage ist, einen Beitrag zu einer neuen und guten Architektur für den Aufbau unserer Zukunft zu leisten. Letztendlich wird auch der Nahe Osten sich der Europäischen Union anschließen, die Kriegsführung aufgeben und Brücken bauen, die alle jungen Menschen ohne Furcht beschreiten können.

„Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“#

Ich glaube von ganzem Herzen, dass Herzl Recht hatte, als er sagte: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“. Ich möchte unsere Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass das, was als weltweite Herausforderung betrachtet wird, sich in eine globale Wirklichkeit verwandeln wird. In eine Welt, in der jeder Mensch in den Genuss der freien Selbstentfaltung kommen wird, und dies in dem Bewusstsein, dass jeder Mensch im Abbild Gottes erschaffen wurde, dass keiner an die Stelle des Schöpfers der Welt treten kann.

Gestatten Sie mir, zu Ehren der Festigung der Beziehungen zwischen Österreich und Israel ebenso wie Ihnen zu Ehren, Herr Bundespräsident, mein Glas zu heben.

Zum Wohle (und zum Leben).