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Eine Politikerin als Selige#

Hildegard Burjan#


Von der Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 20. Dezember 2008)

von

Ingeborg Schödl


Glasfenster, Burjan
Glasfenster, Burjan

Im linken Querschiff der Wiener Votivkirche erinnert ein Glasfenster an die 1891 erschienene katholische Sozialenzyklika "Rerum Novarum": Es zeigt u.a. Leo XIII., den Verfasser des päpstlichen Dokuments, und bedeutende katholische Sozialreformer, wie Carl Freiherr von Vogelsang, den Arbeiterseelsorger Anton Maria Schwartz und die christlichsozialen Politiker Leopold Kunschak und Prälat Ignaz Seipel.
Am linken Rand dieser Männerrunde ist eine Frauengestalt in einem roten Umhang zu sehen: die erste christlichsoziale Abgeordnete im Parlament der Ersten Republik und Gründerin der religiösen Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis" – Hildegard Burjan. Diese bedeutende Sozialpionierin des 20. Jahrhunderts versuchte mit bahnbrechenden Sozialprojekten die Prinzipien der katholischen Soziallehre in die Praxis umzusetzen. Der Wiener Kardinal-Erzbischof Friedrich Gustav Piffl nannte sie das "Gewissen des Parlaments" und der Priesterpolitiker Ignaz Seipel meinte, dass er "keinen Mann mit ausgeprägterer politischer Begabung, mit feinerem Fingerspitzengefühl als diese Frau gesehen habe".

Der Fingerzeig Gottes#

Geboren wurde Hildegard Burjan am 30. Jänner 1883 in Görlitz an der Neiße, damals Preußisch-Schlesien, als zweite Tochter einer konfessionell nicht gebundenen jüdischen Familie. Abraham Adolph Freund und seine Frau Berta fühlten sich dem liberalen Humanismus des 19. Jahrhunderts verpflichtet. Die bestmögliche Ausbildung ihrer Kinder war den Eltern ein großes Anliegen, daher schickten sie ihre beiden Töchter in ein Mädchenlyzeum, als die Familie 1895 nach Berlin übersiedelte. Hildegard legte die Matura aber in Basel ab, da der Vater 1899 die Schweizer Generalvertretung einer deutschen Textilfirma übernommen hatte. 1903 inskribierte sie an der Universität Zürich Germanistik, besuchte aber parallel dazu auch philosophische Vorlesungen. Zu diesem Zeitpunkt begann Hildegards Suche nach dem Sinn des Lebens, nach dem Wesen Gottes.

Während ihres Studiums lernte Hildegard den jungen Technikstudenten Alexander Burjan kennen, einen gebürtigen Ungarn jüdischer Herkunft. Das junge Paar heiratete 1907 und übersiedelte nach Berlin. Im Oktober 1908 wird Hildegard mit einer schweren Nierenkolik ins Spital eingeliefert; sieben Monate verbringt sie dort, und wird, nach mehreren Operationen, von den Ärzten bereits aufgegeben. Am Ostermorgen des Jahres 1908 aber bessert sich ihr Gesundheitszustand aus unerklärlichen Gründen plötzlich radikal. Hildegard sieht dies als einen Fingerzeig Gottes an und findet nun zum Glauben. 1909 empfängt sie das Sakrament der Taufe. Sie will, obwohl sie ihr Studium abgeschlossen hat, keine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, sondern ihr neu geschenktes Leben "ganz Gott und ganz den Menschen widmen".

Noch im selben Jahr übersiedelt das Paar nach Wien, wo Alexander Burjan eine steile Karriere beginnt, die schließlich als Generaldirektor der "Österreichischen Telephonfabriks AG" endet. Hildegard, die zeitlebens an den Folgen der Erkrankung leidet, bringt 1910, obwohl die Ärzte infolge ihres körperlichen Zustandes zu einer Abtreibung raten, unter Lebensgefahr ein Kind zur Welt: Tochter Elisabeth.

Die junge Mutter fühlte sich mit ihrem Hausfrauendasein bald unterfordert und suchte Anschluss an katholische Kreise, die sich mit der brennenden sozialen Frage, die infolge der Industrialisierung der Arbeitswelt aufgebrochen war, auseinandersetzten: Hildegard Burjan begann sich vorrangig mit Lösungsstrategien für die bedrückende Situation der Arbeiterinnen zu beschäftigen. Sie entwickelte ein Programm, das sie später bei ihrer politischen Tätigkeit im Parlament, ihrem caritativen Engagement und durch die Gründung der Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis" umzusetzen versuchte, dabei stets dem Leitsatz folgend: "Die Liebe Gottes durch den sozialen Dienst verkünden".

Elend der Arbeiterinnen#

Zu den Ausgebeuteten der Gesellschaft zählten damals auch die Heimarbeiterinnen, die rechtlich vollkommen ungeschützt waren. Sie schufteten unter miserablen Bedingungen. Für einen Wochenlohn von 12 Kronen, was gerade fürs Überleben reichte, musste tagtäglich, meist unter Mithilfe der Kinder, 15 Stunden lang gearbeitet werden. Hildegard Burjan versuchte diese Frauen in einem Verein zu erfassen, musste aber zuerst deren großes Misstrauen überwinden. Ende 1912 konnte dann doch der "Verein der christlichen Heimarbeiterinnen" gegründet werden.

Hildegard Burjan bot den Mitgliedern durch Ausschaltung des Zwischenhandels garantierte Mindestlöhne, sowie Arbeit durch Großaufträge. Es gab Unterstützung im Krankheits- und Sterbefall und unentgeltlichen Rechtsschutz. Sehr am Herzen lag Hildegard Burjan auch die berufliche Weiterbildung, religiöse Betreuung, sowie Erholungsangebote für Mütter und Kinder.

Als 1914 der Weltkrieg ausbrach, galt Hildegard Burjans Sorge wieder den Frauen, vor allem den Nichterwerbstätigen mit Kindern, deren Männer im Feld standen. Sie richtete Nähstuben ein, organisierte Großaufträge und gründete Lebensmittelverteilungsstellen. Um dies alles zu bewerkstelligen und effizienter vorgehen zu können, fasste sie verschiedene Gruppierungen und Vereine unter dem Dachverband "Soziale Hilfe" zusammen.

Nach Kriegsende war man beim Aufbau eines neues Staatsgefüges auf die Mithilfe der Frauen angewiesen. Auf Hildegard Burjan waren die Führer der christlichsozialen Partei längst aufmerksam geworden. Beim "1. Christlichen Arbeiterkongress Österreichs" 1918 hielt sie als einzige weibliche Referentin einen Vortrag. Darin setzte sie sich mit der durch den Krieg veränderten Lebenssituation der Frauen auseinander, verwies auf deren schlechte Arbeitsbedingungen und forderte vehement "gleichen Lohn für gleiche Arbeit... denn nirgends zeigt sich die Verschiebung der Verhältnisse zwischen Mann und Frau so krass wie in der Lohnpolitik."

Im Dezember 1918 zieht Hildegard Burjan in den provisorischen Gemeinderat ein, kandidiert kurz darauf als "Zugpferd" für die Wahlen zur "Konstituierenden deutsch-östereichischen Nationalversammlung". Unter den Abgeordneten, die im März 1919 ins Parlament einziehen, befinden sich acht Frauen; die einzige christlichsoziale Abgeordnete ist Hildegard Burjan. Ihre parlamentarische Tätigkeit ist kurz – sie dauert nur bis Juni 1920 –, aber sehr effizient. Die Rechte der Frauen stehen im Mittelpunkt von Burjans Anträgen. Sie fordert eine Ausweitung des staatlichen Mutter- und Säuglingsschutzes, die Anstellung von "Hauspflegerinnen" für Wöchnerinnen, die Erhöhung des Budgets für Mädchenbildung, und die Gleichstellung von Mann und Frau im Staatsdienst. Und sie trägt wesentlich zur Verabschiedung des ersten Hausgehilfinnengesetzes bei, mit dem Rechtsgrundlagen für die Arbeits- und Lohnbedingungen in diesem Berufsstand geschaffen werden.

Soziales Lebenswerk#

Als im Juni 1920 Neuwahlen ausgeschrieben werden, überrascht Hildegard Burjan den Parteivorstand mit der Mitteilung, nicht mehr zu kandidieren. Sie gibt dafür drei Gründe an: ihren schlechten gesundheitlichen Zustand, zu wenig Zeit für ihre Familie und den Klubzwang, dem sie sich als Katholikin nur schwer beugen kann. Was sie verschweigt, ist, dass sie unter den zunehmenden antisemitischen Tendenzen innerhalb der Christlichsozialen Partei leidet. In den ihr noch verbleibenden 13 Lebensjahren stellt Hildegard Burjan ein Lebenswerk auf die Beine, das auf dem Gebiet der Altenbetreuung und Hospizbewegung Pionierarbeit leistet: die religiöse Schwesterngemeinschaft "Caritas socialis", deren Vorsteherin sie bis zu ihrem Tod bleibt.

Hildegard Burjan stirbt, erst 50 Jahre alt, an den Folgen der als junge Frau durchlittenen Krankheit, am 11. Juni 1933. Als Jüdin, christlichsoziale Politikerin und vehemente Gegnerin des NS-Regimes ist ihr ein bitteres Schicksal nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland erspart geblieben. Alexander Burjan und Tochter Lisa konnten sich nur durch Flucht der Verfolgung entziehen.

Seit 1963, neu aufgerollt 1982, lief ein Seligsprechungsprozess. Dank der Zustimmung Roms im Juni 2011 erfolgt im Jänner 2012 die feierliche Seligsprechung. Es ist dies ein besonderes Zeichen für eine Frau, die sich aus tiefer Gottverbundenheit inmitten einer von Männern dominierten kirchlichen und politischen Welt gegen soziale Ungerechtigkeit einsetzte.

Ingeborg Schödl, geboren in Wien, ist Publizistin und Autorin mehrerer Bücher. Zudem Vizepostulatorin im Seligsprechungsprozess für Hildegard Burjan. Ihre Biographie "Hildegard Burjan, Frau zwischen Politik und Kirche" ist 2008 im Wiener Domverlag erschienen.

Wiener Zeitung, Samstag, 20. Dezember 2008