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Jörg Mauthe: Rede über Wien #

Jörg Mauthe
Foto: ONB

Meine Damen und Herren, ich möchte mir heute das Recht nehmen, meine Damen und Herren, ein paar Dinge zu sagen, die mir sehr am Herzen liegen. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich das in einer Form tue, die für eine Gemeinderatsrede eher ungewöhnlich ist, nämlich in einer Art von persönlichem Glaubensbekenntnis - ja, oder besser gesagt: als eine Reihe von sehr persönlichen Thesen oder Behauptungen und Ausblicken und Hoffnungen und Befürchtungen.

Da ich mich in keinem besonders guten Zustand befinde, werden Sie's mir verzeihen, wenn ich mich nicht in lange Argumentationen verstricke und mich auch auf Zwischenrufdebatten nicht einlassen werde. Ich werde aber versuchen, meinerseits so wenig aggressiv wie nur immer möglich zu sein. Nehmen Sie's mir bitte auch nicht übel, wenn ich diesmal auch nicht nur von den Sachen, sondern auch von mir selbst spreche. Das ist normalerweise schlechter Stil, aber vielleicht erlaubt meine gegenwärtige Situation diese Ausnahme.

Ich kann von mir behaupten, dass ich mich eigentlich in meinem ganzen Leben und in jeder Funktion, die ich ausgeübt habe, mit einem einzigen Thema beschäftigt habe, nämlich mit Wien, mit dieser Stadt, die meine Heimat ist und für mich immer so etwas wie meine Geliebte war, meine große, schöne, so oft gekränkte und immer gefährdete Geliebte - ja, ich hab da wohl eine ausgesprochen erotische Beziehung zu unserer Stadt.

Und also hoffe und fürchte ich für sie - Ich fürchte für sie, weil sie gefährdet ist, gefährdet in mancherlei Hinsicht, und da spreche ich jetzt von ein paar Dingen, die keinem von uns angenehm sein können,

Wien verliert an Ansehen #

Was immer daran schuld an dieser Entwicklung gewesen sein mag - wahrscheinlich waren wie immer vieles und viele schuld - so ist es doch die Wahrheit, dass Wien innerhalb der österreichischen Föderation an Ansehen und Gewicht eingebüßt hat und weiter einbüßt und dass mancherlei zentrifugale Kräfte am Werk sind, die Unterschiede zwischen der einstigen Großstadt, die Österreich besitzt, und seinen Ländern, zu vertiefen und zu verschärfen. Es stimmt schon, dass Wien nicht länger als der Wasserkopf der Republik gilt, der Wasserkopf liegt momentan wohl mehr in der Linzer Gegend, aber ebenso sicher stimmt es, dass Wien in den Ländern mehr und mehr als ein Gebilde oder noch undefiniertes Etwas gilt, das sozusagen an den Rand des übrigen Österreich rückt: es ist ja wohl kein Zufall, dass wir selbst dauernd und mit zunehmender Selbstüberzeugung von der österreichischen "Ostregion" oder dem "Ostraum" reden, in dem sich Wien befindet. Aber die Sprache ist auch in diesem Fall verräterisch, sie zeigt oft mehr auf als wir denken. "Ostraum", "Ostregion", das ist eine weitere zentrifugale Bewegung, in der fatalen Richtung, die schon vor vielen Jahren ein Vizekanzler namens Pittermann mit seiner Trennung in einen österreichischen Alpen- und einen österreichischen Donauraum vorgezeichnet hat.

Ich vereinfache vielleicht ein bisschen grob, wenn ich sage, dass das vielleicht schon für einen Steirer, sicher aber schon für einen Kärntner nicht sehr gut klingt, wenn er Wien da oben und da hinten oder da draußen in einer Ostregion zu suchen hat - der Osten und das Östliche ist nun einmal ein emotional nicht gerade außerordentlich positiv bewertetes Wort. Wien ist solchermaßen im Gefühlsleben der Österreicher wieder ein Stück zur Seite und weggerückt, die Abneigung gegen die "Weana" in allen Bundesländern nachgerade grassierend, und zwar völlig unabhängig von der jeweiligen Parteizugehörigkeit; die Sache wird dadurch nicht besser, dass Wien ja weiterhin die politische und administrative Zentrale des Landes bleibt, und Zentralen ja an sich schon selten geliebt werden, wovon die Berner und die Brüsseler und die Bonner ein Lied singen können, und sie wird auch nicht besser dadurch, dass die jetzige Regierung wahrscheinlich die am wenigsten liebenswerte ist, die die 2. Republik je besessen hat - es besteht gar kein Zweifel, dass Wien, diese Stadt in der Ostregion innerhalb der österreichischen Föderation einen Image-Tiefpunkt erreicht hat, wie es ihn so nicht einmal zu den Zeiten der Wasserkopf-Nachrede gehabt hat. Anders ausgedrückt: Wien mag immer noch die Zentrale des Landes sein, seine Rolle als Metropole, als Mittelpunkt dieses Staatsgebildes geht verloren.

Charakteristisch dafür ist, dass die Steigerung des Wiener Fremdenverkehrs in der letzten Saison um 18 % beachtlich ist, der innerösterreichische Wien-Tourismus aber um 11/2 Prozent zurückgegangen ist.

Der Anteil der Österreicher im gesamten Wiener Fremdenverkehr beträgt 9,4 Prozent. Das ist, finde ich, nicht nur alarmierend, das ist schauerlich - denn wenn man annimmt, dass unter diesen 9,4 Prozent sicher ein Großteil der Besucher nicht aus Lust und Laune nach Wien gekommen ist, sondern weil er hier halt was erledigen musste, und weitere Prozente auf Schulklassen entfallen, die in Wien halt eine Lehr- und Pflichtreise absolviert haben, dann kommt man drauf, dass der innerösterreichische Wien-Tourismus de facto an der Nullprozentgrenze liegen dürfte. Und das ist eigentlich eine Erkenntnis, die jedem von uns, die wir ja alle Wiener und Bundeshauptstädter sind, die kalten Schauer über den Rücken jagen sollte. Das ist schlimm, schrecklich, grauslich. Und hat nur einen einzigen Lichtblick - aber auf den komme ich noch zu sprechen. Und nebenbei bemerkt, aber wirklich nur nebenbei, ein geradezu unglaubliches Versagen der Fremdenverkehrswerbung, aber das ist nun in diesem Zusammenhang gar nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass hier ein innerösterreichischer Imageverlust vorliegt, den ich verhängnisvoll finde, dass sich hier etwas abspielt, mit dem ein Wiener Gemeinderat und ein Stadtsenat sich mindestens ebenso intensiv beschäftigen muss wie mit Dutzenden anderen Problemen.

Stadtaußenpolitik#

Nun, das war sozusagen die innerpolitische oder innerösterreichische Situation unserer Stadt. Ich komme jetzt zu dem, was laut Busek mit einem Wort, das inzwischen allgemein gebraucht wird, "Stadtaußenpolitik" zu benennen wäre. Es ist eine zwar statistisch vorderhand schwer beweisbare, aber für jeden Wiener, der sich in den Nachbarländern umtut, erfahrbare Tatsache, dass das Ansehen Wiens dort mindestens im selben Maß steigt, in dem es in Österreich sinkt; das gilt mit allen Einschränkungen, die das Glykol-, das Frischenschlager- und nun wohl auch das VOEST-Desaster verursacht hat, selbst für die BRD und die anderen westlichen Nachbarländer, das gilt aber vor allem für unsere Nachbarn und anheimeligen, na sagen wir: Verwaltungen in Ungarn, in Polen, wahrscheinlich in der Tschechoslowakei, sicher und uns immer wieder aufs neue überraschend, in Italien, und zwar nicht nur in den irgendwann einmal von österreichischen Beamten verwalteten Gebieten, das gilt am Balkan bis runter nach Belgrad. Ist Wien für die übrigen Österreicher eine östliche Stadt, ist sie für die Genannten eine westliche, ist es Beispiel, Hoffnung, ja sogar immer noch die Metropole eines wenn auch vorderhand noch sehr imaginären Mitteleuropa. Eines, wie ich sagte, imaginären Raumes, der nicht auf den Donauraum allein zu begrenzen ist, sofern nicht Triest oder Görz, auch an der Donau liegt, wo eben wieder ein von den Italienern, wohlgemerkt: von den Italienern veranstaltetes Symposium über die alte Verwandtschaft zwischen ihnen und uns stattfindet.

Darüber sollten wir alle herzlich froh sein, denn hier eröffnet sich für Wien, eine Stadt, die seit Jahrzehnten gewisse Schwierigkeiten hat, sich selbst und ihre Rolle in Europa zu definieren - Schwierigkeiten, die nebstbei bemerkt, zu neurotischem Selbstzweifel, ja Selbsthass führen, siehe die Bernhards und Jelineks - hier eröffnen sich einfach Chancen, Aufgaben und Möglichkeiten von historischen Dimensionen. Das Skurrile an der Situation ist, dass wir eigentlich gar nicht selbst draufgekommen sind und immer noch beträchtliche Schwierigkeiten haben, das alles zu begreifen, dass da vielmehr eine Art Auftrag der anderen, eben jener Nachbarn, die ich genannt habe, vorliegt. Jeder, der in diese Ausländer gereist ist, wird's mir bestätigen - schade, dass wir uns bisher nicht drum gekümmert haben, schade, dass wir drauf und dran sind, einen Teil dieser überall aufbrechenden Mitteleuropa-Gesinnung wieder einmal den Deutschen zu überlassen. Das schaut dann so aus, dass die Westdeutschen in Paris ein Hofmannsthal-Gespräch veranstalten, in dem Hofmannsthal vom Westdeutschen Goethe-Institut als deutscher Dichter verkauft wird - warum? Weil die Regierung nicht imstande war, es mit 123.000 Schilling zu subventionieren; oder dass im Belgrader Goethe-Institut Handke unter ähnlichen Umständen als deutscher Dichter angepriesen wird - und so weiter, und so weiter, oder dass der Fernsehkritiker der AZ, der Herr Poidinger, sich nicht genug wundern kann, dass der ORF eine italienische Dokumentationsserie, hergestellt von der RAI, herstellt, in der Österreich gut wegkommt und allen Ernstes verlangt der Herr Poidinger, dass da doch wenigstens der ORF darauf hinweisen müsste, dass die alte Monarchie doch ein Völkerkerker gewesen ist - was da am Werke ist, ob Perversion oder Dummheit, ich weiß es nicht.

Wien steht vor einer Kulturexplosion#

Erste These also: Wir müssen uns drum kümmern, dass Wien vor dem übrigen Österreich besser dasteht als jetzt, dass es nicht nur zur administrativen, sondern auch wieder zur geistigen, kulturellen Metropole des Landes wird, zu einer Stadt, in der jeder Österreicher eigentlich mindestens einmal im Jahr auftauchen müsste, weil's so schön und interessant und so wichtig fürs ganze Land ist.

Zweite These: Wien muss dafür, mit einer eigenen Stadtaußenpolitik sorgen, dass es in den Augen der Nachbarn den Rang einnimmt, der ihm in vielleicht nostalgischen Träumen dort eingeräumt wird - aber was heißt schon "Nostalgie"? Es ist eine Art Heimweh, und also sollten wir froh sein, dass man Heimweh nach Wien hat und das Beste draus machen.

Und nun komme ich etwas übergangslos zu jenem Hoffnungsthema, das ich hier schon mehrfach vorgetragen habe, weil's mir besonders wichtig ist und weil es sozusagen Zukunft in sich hat und weil es mit den beiden anderen Themen und Thesen in einem ganz besonderen Zusammenhang steht. Ich habe davon gesprochen - und das Vergnügen gehabt, vor den paar hier Anwesenden, die daran interessiert sind, Zustimmung zu kriegen - dass Wien jetzt, gegen die Jahrhundertwende hin, wieder einmal vor einer Kulturexplosion steht, weil da eine begabte und zahlenmäßig starke Generation heranwächst, die kulturell außergewöhnlich gut disponiert ist - nicht nur, aber vor allem ist Wien für die Jungen in ganz Österreich attraktiver denn je.

Vor einer "möglichen" Kulturexplosion, füge ich hinzu, denn es ist natürlich denk- und vorstellbar, dass sie durch tausenderlei Ängstlichkeiten, vielerlei Bürokratismen und nicht zuletzt durch politisches Gezänk sozusagen im Keim erstickt oder gewissermaßen zu Tode gekämpft wird. Was richtig wäre und wichtig wäre, ist die Förderung dieser schöpferischen Potenz, dieser Agglomeration von kreativen Möglichkeiten.

Ich wiederhole: Erste These: Wien muss sich um sein innerösterreichisches Image kümmern.
Zweite These: Wien muss sein österreichisches Ima-ge, vor allem aber sein gutes Bild in den Nachbarländern behaupten, erweitern und fundieren.
Dritte These: Die Kräfte dazu wären vorhanden.
Ich schließe dann die vierte These an: Wien hat in dieser Situation, in der es steht, nämlich darüber zu entscheiden, ob es hinfort eine Art von Provinz-Großstadt, die östlichste des Westens, die westliche des Ostens, sein wird oder ob es noch den Ehrgeiz hat, das zu sein, was es immer war und wieder sein könnte, nämlich eine oder auch die mitteleuropäische Metropole.

Wichtig: der Donauraum#

Und das kann und wird sich unter anderem auch an dem Projekt zur Neugestaltung des Wiener Donauraums entscheiden. Wie verhält sichs denn mit der bisherigen Entwicklung dieses Projekts, das ich, wie nach mir auch der Herr Bürgermeister, tatsächlich für eine Jahrtausendchance halte - weiß schon, dass das ein rechtes Klotzwort ist, eines von diesen Superlativworten, die ich nicht liebe, um die man aber halt in der heutigen mediendominierten öffentlichen Diskussion nicht herumkommt - wie verhält sich's damit wirklich? Ausgangspunkt aller Überlegungen der verschiedenen Seiten dieses Hauses ist die Erkenntnis, dass sich in diesem Raum beidseits der Wiener Donau eine ganze Menge von Problemen angesammelt hat, von denen jedes einzeln gelöst werden muss oder nach einer Lösung verlangt. Das beginnt beim Praterstern, der, ich kann mir diese Nachrufkritik auf die Tätigkeit eines glücklicherweise abgetretenen Stadtplaners nicht verkneifen, ein Paradebeispiel dafür darstellt, wie man anstelle von Stadtentwicklung Stadtverwicklungsplanung betreiben kann; das setzt sich fort mit dem Wurstelprater, der längst nicht mehr das ist, was er einmal im Psychohaushalt und in der Ökonomie dieser Stadt bedeutet hat, geht weiter zu der Frage, wie man die immer schäbiger werdenden Reste der vertrocknenden Praterauen, des ölspiegelnden Heustadtlwassers und soweiter wird retten können, geht über die Frage, ob das Messegelände in seiner jetzigen Form und Placierung das Maximum eines Ausstellungsplatzes von wirklich internationalem Rang darstellt, das hat seine gewissermaßen spiegelgleichen Probleme auf der anderen Seite der Lassallestraße, dort also, wo die riesigen Flächen ehemaliger Bahnhofsgelände einer Nutzung harren. Das zieht sich weiter bis und über die Donau - und da taucht das uralte Problem auf, ob sich denn Wien, das ja ursprünglich nicht an der Donau - sondern an einem Flüsschen namens Wien lag und eigentlich immer noch liegt, nicht endlich dazu entschließen könnte, wenigstens mit seiner nordöstlichen Hälfte tatsächlich an der Donau zu liegen, wie Budapest an der Donau oder Prag an seiner Moldau liegt - und jetzt schweig ich von der anderen Seite des Donauufers, von der städtebaulichen Isolation der UNO-City, von der keineswegs gelösten Verkehrssituation, von den leider durch keinerlei Stadtentwicklungspläne geordneten Silhouettierung der Uferverbauungen, wo die Betonbauerei der letzten dreißig Jahre eine wahrhafte Kraut- und Rüben-Situation geschaffen haben, auch vom WIG-Park, den sich der Gemeinderat Hirnschall offenbar nicht so sehr gut angeschaut hat, denn sonst wüsste er wie ich, dass das, leider, in seiner jetzigen Situierung eine keineswegs mehr vorbildliche Anlage ist - Probleme, Probleme, Probleme, die man natürlich auch weiterhin auf lange Bänke schieben könnte oder aber wie bisher, jeweils für sich und ohne Rücksicht darauf lösen könnte, wie das eine zum anderen passt, bis am Ende nichts mehr zu nichts mehr passt, wie das ja leider nicht nur in Wien,, sondern in vielen anderen Großstädten in den letzten Jahren passiert ist (Gasometer am Wienerberg, Kraftwerk am Steinsporn, diverse Satellitenstädte, der Plattensee am Stephansplatz).

Staustufe Wien#

Aber nun taucht in diesem ganzen Riesenpaket von Problemen (das nach meinem bescheidenen Dafürhalten auch ein Riesenpaket von echten städtebaulichen Chancen ist), taucht also ein spezielles Problem auf, das alle anderen Probleme und offenen Fragen sozusagen "roglert" macht - nämlich das der Donaustaustufe Wien.

Ich mache kein Hehl daraus, dass ich dieser Wiener Donaustaustufe keineswegs a priori negativ gegenüberstehe. Ich war, wie Sie wissen, heftigst gegen Hainburg, weil dort Unersetzliches zerstört würde, ich glaube den Ökologen, denen ich im Fall Hainburg geglaubt habe, dass sie im Fall der Wiener Stufe keine unlösbaren ökologischen Fragen sehen, sondern im Gegenteil hoffen, dass sie das eine oder andere sogar verbessern könnten - etwa die Dotation der Lobau und des Praters. Aber im Ganzen fehlen da noch viele, viel zu viele Informationen, um ein endgültiges Urteil zu erlauben - außer dem einen, dass es nicht den Ingenieuren der DoKW erlaubt sein darf, zu bestimmen, wie Wien an der Donau in Zukunft aussehen wird.

Nun, ich habe Ihnen einen Haufen von Problemen vorgelegt und nicht eine, nicht eine einzige von diesen Fragestellungen ist geklärt außer, dass alle diese Möglichkeiten in irgendeiner Form eines Tages genützt werden, dass jedes dieser Probleme irgendwann einmal irgendwie gelöst werden muss - einfach weil sie da sind, weil sie vorhanden sind und weil es halt ein Naturgesetz ist, dass eine Ungelöstheit, ein Vakuum irgendwie zur Lösung drängt.

Die große Chance#

Und genau um dieses "Irgendwie" geht's. In diesem "Irgendwie" steckt der Teufel des Nichtzusammenhangs, des Dilettantismus, des Pfuschs, dessen, was ich vorhin Stadtverwicklung genannt habe. In diesem Irgendwie steckt die riesige Gefahr, dass aus ihm wieder einmal große Unternehmungen, große Betonsaurier herauswachsen, zufällig sozusagen, unabhängig von einander, durch keine übergeordnete Idee aufeinander bezogen - und dass die Dinge dann halt wieder einmal nebeneinander stehen, irgendwie, wie's halt grad kommt. Und davor fürcht' ich mich. Jawohl, davor fürcht' ich mich: dass da wieder einmal Willkür, halbe Kompromisse, dass da Dilettantismus und Egoismus, der Egoismus von Gruppen, von Politikern, von Unternehmern, von Architekturbüros und Spekulierern eine einzigartige, einmalige Chance zerbröseln, zerpflücken, verhindern.

Auf der anderen Seite liegt da, geläng'e es, alle diese Probleme unter einen Hut zu bringen, eine ungeheure städtebauliche Chance für Wien vor - die größte und letzte Chance auf lange Sicht hin letzte Chance, Vorbildlichstes entstehen zu lassen - nicht eine Versammlung von willkürlich nebeneinander hingeklotzten Sauriern, nicht ein Los Angeles, sondern ein neues Stück lebenswertes Wien, ein Wien, das in Zukunft nicht nur an der Wien, sondern endlich auch an der Donau liegt.

Ich glaube freilich: um das zu schaffen, um hier von vornherein die richtigen Bedingungen zu finden, Bedingungen, unter denen es möglich ist, die besten Städteplaner und Urbanisten der Welt herzuholen, dazu bedarf es der Gemeinsamkeit. Das ist eine Sache, die weit über Parteigrenzen, weit über das taktische Alltags-Hick-Hack hinausgeht, in dem wir alle verstrickt sind. Das ist nicht eine Vision eines Schwerkranken, wie mir in einem taktvollen Magazinartikel nachgesagt wurde, sondern sollte jedem, der noch nicht Beton im Hirn hat, als Folge schlichter aber vernünftiger Überlegung erscheinen. Und in diesem Sinne stehe ich nicht an, dem Vizebürgermeister Mayr, dem Bürgermeister Zilk, dem Präsidenten Sallaberger und dem Klubobmann der SPÖ, Edlinger und last not least ihrem Wiener SP-Obmann Gratz meine Anerkennung zu zollen, dass sie diese Chance ergriffen haben und willens sind, oder waren, ich weiß es nicht, über viele trennende Parteischatten hinwegzuspringen. Und ich hoffte sehr, dass es auch ihnen gelingen wird, sich gegen ministerialrätliche Kleinkariertheit, gegen Betonköpf igkeit und das provinzielle Denken durchzusetzen. Ich hoff's für Wien. Ich hoffe es für die begabten Jungen, die hier das bekämen, was sie wollen und was sie brauchen: eine Utopie, eine Vision in der Vorstellung, an der Bildung einer mitteleuropäischen Metropole, einer Werkstatt für morgen mitzuwirken und sich daran bewähren zu können.

Zu viel Taktiererei#

Zum Schluss noch ein Wort in eigener Sache. Es ist ziemlich sicher, dass dies die letzte große Gemeinderatssitzung ist, in der ich gesprochen habe, es ist möglich, dass es meine letzte Gemeinderatsrede überhaupt ist. Im Lauf der sieben Jahre, in denen ich hier sitze, habe ich bemerkt, dass es eine Art Brauch ist, dass man sich in einer solchen Situation gewissermaßen verabschiedet. Ich werde mich diesem Brauch nicht verschließen, aber ohne die übliche Sentimentalität. Ich habe mich bemüht, in diesen sieben Jahren politischer Tätigkeit mein Bestes zu geben, ein Urteil, ob's was genützt hat, steht mir nicht zu, das mögen andere fällen. Nicht verschweigen will ich Ihnen, dass ich mich hier, in diesem Saal, selten glücklich gefühlt habe. Ich habe hier zuviel Unverständliches, ja Irrationales gehört und erlebt, zu viel emotionale Feidseligkeit statt sachbezogener Gegnerschaft, zuviel Herumtaktiererei. Ich habe nichts gegen heftiges Streiten, auch nichts gegen einen gelegentlichen ordentlichen Krach - solange es um Dinge geht, die wichtig sind. Aber zu oft habe ich begreifen müssen, dass es nur um pure Parteidinge ging, nicht aber um das, was uns allen mehr als jede Partei bedeuten sollte, nämlich um die Stadt, um Wien. Das Wort "Gemeinderat" besagt und verlangt, dass beraten wird. Aber von Beratung habe ich in diesem Saal wenig gemerkt, wohl aber von Auseinandersetzungen, im besten Fall von Diskussionen. Mir wär's lieber gewesen, wenn ich öfter gesehen hätte, dass man sich zusammensetzte, statt auseinander, dass man weniger auseinanderschneidet - denn Diskussion heißt Auseinanderschneidung - und öfter Verbindliches treibt.

Ich denke, dass das, was ich hier als Abschied formuliert habe, sehr wohl auch auf die kommenden Diskussionen über die Probleme des Wiener Donauraums zutrifft.

Das war die letzte Rede Jörg Mauthes im Wiener Gemeindertat, gehalten am 10. Dezember 1985. Er starb am 29. Jänner 1986.

CONTUREN Nr. 23 A / Feber 1986