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Wer ist Samuel Reber junior? #

Der Staatsvertrag ist 60 Jahre alt. Dass er nur zum geringsten Teil von Österreichern verhandelt wurde, wird gerne vergessen. Außenminister und Parteichefs überschatten die eigentlichen Verhandler. Eine andere Geschichte des Vertrags. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 13. Mai 2015)

Von

Wolfgang Mueller


Reblaus. Die berühmte Karikatur über Figl und Raab
Reblaus. Die berühmte Karikatur über Figl und Raab in Moskau, welche legendenbildend wurde.
Foto: © IMAGNO/ÖNB

Wem verdanken wir den Staatsvertrag?“, wurde ich jüngst gefragt: „Figl oder Raab?“ Wir alle neigen wohl dazu, die Helden und Schurken der Geschichte unter den prominentesten Beteiligten zu suchen: Die Ringstraße hat Kaiser Franz Joseph erbaut, das AKH Joseph II., die Pyramiden der Pharao … Für manche war an den Nazigräueln allein „der Hitler“ schuld und am Stalinterror nur dessen Namensgeber. Die weniger prominenten Guten und Bösen bleiben in der Wahrnehmung meist hinter den großen Staatsmännern zurück.

So ist es auch beim Staatsvertrag. Nach der von H. E. Köhler verewigten Legende musste ja Außenminister Figl mit dem Zither schlagenden Kanzler Raab 1955 nur die „Reblaus“ anstimmen, um die Sowjets beim Trinkgelage „waach“, das heißt bereit zur Vertragsunterzeichnung, zu machen. Dass der Text nur zum geringsten Teil von Österreichern verhandelt wurde, fällt dabei unter den Heurigentisch. Aber auch bei den Großmächten, die um den Vertrag rangen, überschatten Außenminister, Präsidenten und Parteichefs die eigentlichen Verhandler.

Oft frustrierende Gespräche #

„Beim Reden kommen die Leut’ zusammen“, sagt der Volksmund und meint eine nicht nur räumliche, sondern auch inhaltliche Annäherung von Kontrahenten. Doch das gilt nicht immer für internationale Prozesse, wie das aktuelle Patt um die Ukraine beweist. Oft wird ausschließlich mit dem Ziel verhandelt, sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, nicht zu verhandeln. Und leider ebenso oft wird verhandelt, ohne auch nur im Mindesten nachgeben zu wollen.

Im Gegensatz zum „Reblaus“- Mythos waren die Staatsvertragsverhandlungen politisch folgenschwer, mühsam und oft frustrierend. Einen Vorgeschmack gab es 1946, als Österreich und die USA auf Gespräche drängten, um den Abzug der vier Kontrollmächte zu erreichen. Da aber die UdSSR nicht weg wollte, um nicht die Rechtsgrundlage für ihre Truppen in Ungarn und Rumänien zu verlieren, lehnte Außenminister Molotow Verhandlungen vorerst ab. Als sie ein Jahr später begannen, verhedderte man sich in sowjetischen Wirtschafts- und jugoslawischen Gebietsforderungen. Dass der Kreml nach langem Hin und Her plötzlich bereit war, über das von ihm beanspruchte „Deutsche Eigentum“ zu verhandeln, kommentierte der amerikanische Chefverhandler mit den vom Historiker Gerald Stourzh in seinem Standardwerk überlieferten Worten: „Heute wurden wir von einer fliegenden Untertasse getroffen.“

Die Überraschung war wohl aufrichtig, denn der Vater des Ausspruches, Samuel Reber junior, galt als erfahrener Diplomat. Der Harvard-Absolvent und ehemalige Leistungssportler im Ruder-Achter stand damals seit über zwanzig Jahren im Dienst; nach Einsätzen in Peru, Liberia und beim Völkerbund in Genf hatte er während des Zweiten Weltkrieges im Alter von 39 Jahren ein Meisterstück geliefert, indem er auf Martinique mit den Vichy-Behörden den Nicht-Einsatz der französischen Karibikflotte gegen die Alliierten verhandelte. Nach Missionen in Nordafrika, Italien und Paris übernahm er die Leitung der Europaabteilung des State Department, das er in der heiklen Phase 1947 bis 1950 als Sonderbeauftragter für den Staatsvertrag vertrat.

Bald wurde er zu einer zentralen Person der Verhandlungen: Als die Westmächte nach dem kommunistischen Staatsstreich in der Tschechoslowakei zweifelten, ob Österreich in einem ähnlichen Fall sicherheitspolitisch gerüstet sei, besprach Reber dies mit Außenminister Gruber. Vom Bundespräsidenten wurde er mit Argumenten gegen die jugoslawischen Forderungen gefüttert, die aber – wie man in Belgrad Reber anvertraute – angesichts der sowjetischen Bedrohung an Bedeutung für Jugoslawien verloren. Kurz zuvor hatte der Amerikaner gemeinsam mit seinen westeuropäischen Kollegen verlautbart, dass die Westmächte das „Deutsche Eigentum“ an Österreich übergaben; Moskau verlangte für die in der Sowjetzone gelegenen Aktiva immerhin 150 Millionen Dollar (plus in weiterer Folge 10 Millionen Tonnen Erdöl). Reber verlor weder die Nerven noch die Zukunft Österreichs aus den Augen, wenn mühevoll um Erdölförderstätten im Marchfeld und den Minderheitenschutz für die slowenischsprachige Bevölkerung in Kärnten gerungen wurde.

Ein Empfang der österreichischen Regierung für Samuel Reber (2. v. l.) im Hotel Bristol, 1949
Ein Empfang der österreichischen Regierung für Samuel Reber (2. v. l.) im Hotel Bristol, 1949
Foto: © IMAGNO/ÖNB

Immer neue Vorwände des Kremls #

Als nach einem vermeintlichen Endspurt im Herbst 1949 der fast fertige Vertrag erneut vertagt wurde, sprach die Enttäuschung Rebers aus den Berichten. Die Konferenz hatte in wüsten antiwestlichen Attacken Außenminister Wyschinskis geendet, der offenbar in seine alte Rolle als Chefankläger bei Stalins monströsen Schauprozessen zurückfiel. Als der Kreml immer neue Vorwände gegen einen Vertragsabschluss auftischte, hielt Reber Moskau vor, die Verhandlungen in „eine tragische Farce“ zu pervertieren, denn so erfülle man den Auftrag nicht, den Vertrag abzuschließen. Wie heute zugängliche sowjetische Archivakten zeigen, schätzte Reber Taktik und Motiv des Kremls korrekt ein, Österreich als Brückenkopf für die Kontrolle Südosteuropas zu halten. Väter der Freiheit Österreichs Empathie für Österreich und Pflichtbewusstsein für den Vertrag erwähnte Reber auch weiterhin. Als der Gesandte Josef Schöner ihn im folgenden Sommer aufsuchte, meinte der US-Diplomat, er halte angesichts der Moskauer Blockade Gespräche für aussichtslos und wäre dankbar, wenn ein anderer damit betraut würde. Allerdings versicherte er, man „solle seine pessimistischen Äußerungen nicht dahin auffassen, dass er in seinen Bemühungen um das Zustandekommen des Staatsvertrages nachlassen wolle“. Im Gegenteil sei er weiter bereit, die österreichischen „Wünsche und Anliegen in jeder Weise zu unterstützen“. Österreich, so Reber laut dem Protokoll, sei „ja über die Aufrichtigkeit seiner Intentionen im Bilde“.

Inzwischen hatte Reber auf einen Führungsposten in der USKommission für Deutschland gewechselt, wo er bald das Vertrauen Adenauers gewann. 1953 zog er sich nach Verdächtigungen über mögliche Erpressbarkeit aufgrund seines Privatlebens im Zuge der von Senator McCarthy geführten Hexenjagd aus dem Staatsdienst zurück und engagierte sich von nun an für das deutsche Kulturzentrum in New York. Deutschland hat ihm für seine Verdienste das Bundesverdienstkreuz verliehen. Zu diesem Zeitpunkt war der Staatsvertrag bereits in Kraft. Der NATO-Beitritt der Bundesrepublik hatte den Kreml unter Druck gesetzt, Chruschtschow die Vorteile einer österreichischen Neutralität für Moskau entdeckt, Raab die Gelegenheit ergriffen und der Westen seine Unterstützung gegeben. Dass die Österreicher sich für den Staatsvertrag einsetzten, ist selbstverständlich; dass andere wie Reber es in mühsamen Verhandlungen nicht minder engagiert, konzentriert und verantwortungsbewusst taten, ist es nicht. Der Historiker Günter Bischof hat vor einiger Zeit auf die Verdienste der vielen, wenig bekannten Väter von Österreichs Staatsvertrag und Freiheit hingewiesen. Samuel Reber war einer von ihnen. Wir sollten sie nicht vergessen.

Der Autor ist stv. Direktor des Instituts für Neuzeit- u. Zeitgeschichtsforschung der Österr. Akademie der Wissenschaften.

DIE FURCHE, Donnerstag, 13. Mai 2015