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Bernd Schilcher#

Der Ex-Politiker und Bildungsexperte Bernd Schilcher erklärt, warum an unseren Schulen bis heute Frontalunterricht herrscht, was das mit Maria Theresia zu tun hat - und warum ausgerechnet eine Handvoll alter Männer Österreich reformieren will.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung (20./21. Oktober 2012).


Von

Piotr Dobrowolski


"Wiener Zeitung": Herr Schilcher, angesichts ihrer Kritik an der aktuellen politischen Elite, angesichts Ihrer harten Aussagen rund um das Bildungsvolksbegehren: Sind Sie einer jener grantigen alten Männer, für die Österreich berühmt-berüchtigt ist?

Bernd Schilcher
Bernd Schilcher, © J.J.Kucek/Wiener Zeitung

Bernd Schilcher: Alt bin ich sicher, aber ich bin nicht grantig. Ich denke mir bloß: Wenn sich sonst keiner um Demokratie und um Bildung kümmert, dann müssen das eben wir Alten tun. Das liegt sicher daran, dass wir noch ganz anders politisch sozialisiert wurden. Wir hatten als junge Menschen noch mit Politikern zu tun, die in der Monarchie geboren wurden und den monarchischen Stil lebten: Figl, Gorbach, Pittermann. Und wir haben dagegen aufbegehrt. Wir wurden dabei wahrgenommen, wenn auch nicht mit Freude. Wenn damals ein Student den Mund aufgemacht hat, haben alle gesagt: Kusch! Wenn er dann aber trotzdem aufbegehrt hat, dann haben die Professoren das vor lauter Empörung mitgeschrieben. Wir waren also gewohnt, dagegen zu sein und haben dabei die Erfahrung gemacht, dass man mit Kritik durchaus etwas bewegen kann. Viele von uns jungen Wilden sind dann sehr bald in verschiedene programmatische Zirkel gekommen. Der Taus, der Kreisky, der Krainer in der Steiermark, die haben damals Wissenschafter um sich geschart und haben bei vielen Entscheidungen auf diese Berater auch gehört. Kurz und gut: Wir haben als Junge noch erlebt, dass man in der Politik etwas Konkretes bewegen kann.

Und ist das heute anders?

Ja. Heute sitzt jeder in der Politik auf irgendeinem sozialpartnerschaftlich geschützten Arbeitsplatz. Der eine ist der Kammer verpflichtet, der andere der Gewerkschaft. In so einem Umfeld ist es unglaublich schwer, etwas zu bewegen, weil sich alle gegenseitig blockieren. Das sehen auch die jungen Leute von heute so. Wenn ich vor zwanzig Jahren in meinen Seminaren kluge Studenten gefragt habe, ob sie nicht in die Politik wollten, dann haben von zehn zwei zumindest darüber nachgedacht. Heute schauen sie mich nur komisch an, wenn ich sie so etwas frage. Und mich wundert das nicht: In der Politik verdienst du heute nicht viel, musst dich von jedem blöden Journalisten anschnauzen lassen, hast kein Privatleben, verlierst Anschluss zu deinem gelernten Beruf und bist am Ende, wenn es blöd hergeht, ein Sozialfall. Und angesehen ist die Politik als Tätigkeitsbereich auch nicht mehr.

Das stimmt. Lustig ist nur, wenn das heute ausgerechnet jene Altpolitiker wortreich bedauern, welche die Politik dorthin geführt haben. Sie waren als wichtiger ÖVP-Mann genauso Teil des Systems, das sie kritisieren, wie ihre heutigen Mitstreiter in den diversen Volksbegehren: Androsch, Neisser, Wabl, Frischenschlager, Busek. Im Nachhinein gute Ratschläge zu geben ist ein etwas später Mut.

Seine Lebensbilanz muss jeder für sich ziehen. Ich selbst habe im Rahmen dessen, was möglich war, die Programme, an denen ich mitgeschrieben habe, und die Dinge, die ich gefordert habe, immer auch umgesetzt. Ich habe in Graz gegen meine eigene Partei die ersten gemeinsamen Ganztagsschulen gegründet. Das als durchgängiges Element im österreichischen Schulwesen einzuführen, war damals unmöglich. Da hat der ÖAAB-Chef gesagt: Nur über meine Leiche! Der Herr Leitl, der heute für eine gemeinsame Schule aller 10- bis 14-Jährigen eintritt, hat gesagt: Das kann man so nicht machen. Die Industriellenvereinigung war damals ebenfalls dagegen. Aber wo es gegangen ist, habe ich es trotzdem gemacht. Natürlich ist die Ausgangsposition als aktiver Politiker anders. Als Klubobmann im Landtag habe ich Rücksicht auf den Landeshauptmann nehmen müssen - und ich habe Beschlüsse herbeiführen müssen. Heute kann ich ausschließlich das tun, was ich für richtig halte. Ich gebe zu, dass das eine sehr angenehme Situation ist.

Sie wettern heute als Politpensionist gegen den Parteienproporz. Als Landesschulratspräsident in der Steiermark haben Sie die reale Möglichkeit gehabt, bei der Bestellung von Direktoren den Proporz abzuschaffen.

So einfach, wie sich das der kleine Hansi vorstellt, ist das nicht. Der Kurt Scholz als damaliger Landesschulratspräsident von Wien und ich in der Steiermark haben es ja probiert. Wir haben die Kandidaten für Direktorenposten von Personalberatern reihen lassen und haben dann mit den zehn Besten Hearings gemacht, damit wirklich der Qualifizierteste den Job bekommt. In der Steiermark ging das eine Zeit gut, weil Krainer als Landeshauptmann das mitgetragen hat. Aber dann begann die SPÖ massiv dagegen zu arbeiten. Wir haben später auch bei Bundespräsident Klestil interveniert, damit er etwas gegen den Proporz bei den Direktorenbestellungen macht. Der hat aber nur gesagt: Damit komme ich nicht durch, da bringe ich mich politisch um. Aber wissen Sie, was das Allerärgste bei der ganzen Sache war?

Nein, weiß ich nicht.

Ich habe dann meine Journalistenfreunde für den Kampf gegen den Proporz gewinnen wollen. Die waren aber gar nicht interessiert daran! Sie haben gesagt: Wir machen uns doch nicht die besten Geschichten kaputt! Den Anteil, den die Medien daran haben, dass die Politik so geworden ist, wie sie ist, darf man nicht unterschätzen. Die Medien haben ja Interesse an parteipolitischen Proporzskandalen, weil sie dann etwas zum Schreiben haben. Viele Journalisten sind außerdem selbst von der Politik abhängig. Und die sagen dann natürlich: Du kannst doch nicht verlangen, dass ich gegen meine Freunde schreibe, ich bin denen ja verpflichtet.

Sie haben erwähnt, es sei unter anderem deshalb so schwierig geworden, Veränderungen in der Politik herbeizuführen, weil es kaum noch junge, unverbrauchte Menschen gibt, die eine Politikerlaufbahn einschlagen.

So ist es auch. Aber man darf es nicht nur schwarz sehen. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Vor rund eineinhalb Jahren sitze ich mit dem Andreas Salcher in Wien in der alten Börse beim Mittagessen und der Salcher hat einen jungen Mann dabei, den Vorsitzenden der Wiener JVP: sehr gescheit, sehr bescheiden, gar nicht abgehoben. Der hat mich an uns früher erinnert. Ich frage ihn daher: Sagen Sie, Sie sind ein gescheiter Mensch, wollen Sie nicht mehr, als bloß der Chef der Wiener JVP werden? Sagt er: Ja, ich will eh, aber es findet sich keiner, der mich entdeckt. Gute zwei Monate später war er Integrationsstaatssekretär. Das heißt, es gibt schon Junge wie den Sebastian Kurz. Aber es sind weniger geworden. Nicht nur in der Politik, sondern auch allgemein. Haben sie eine Erklärung dafür?

Wir haben im gesamten Bildungssystem, egal ob in der Lehre oder auf der Uni, eine total geteilte Welt. Bei der Lehre gibt’s einerseits einige wenige exzellente Leute, die auch international jeden Vergleich gewinnen würden, und eine breite Masse, die immer schlechter wird, weil ihr alles fehlt: Grundrechenarten, Lesen, Schreiben. Wolfgang Eder von der Voest, der dort als Vorstand unter anderem für die Lehrlinge zuständig ist, sagt, dass ein Lehrling die Voest in den ersten zwei Jahren 70.000 Euro kostet, davon die Hälfte für Nachhilfestunden. Auf der Uni ist die Situation ähnlich: Einigen wenigen Spitzenleuten steht eine breite Masse gegenüber, die immer mehr abbröckelt. Eines ist klar: Die Guten gehen nicht in die Politik, weil sie bessere Möglichkeiten haben. Und der Rest ist völlig desinteressiert. Die Mitte gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch ganz gut und ganz schlecht. Dafür ist die Schule in der Form, in der sie heute existiert, mitverantwortlich. Denn die ganz Guten, die sind nicht wegen, sondern trotz der Schule so gut geworden wie sie sind.

Es ist schon ein auffallendes Phänomen: Niemand mag die Schule: die Schüler nicht, die Eltern nicht und die Lehrer auch nicht wirklich.

Genau dieser Befund war der Anlass, warum ich das Buch "Bildung nervt" geschrieben habe. Als ich in den sechziger Jahren an der Uni als wissenschaftliche Hilfskraft angefangen habe, hat es geheißen, Deutschland und Österreich haben das beste Bildungssystem, das kommt nämlich noch direkt von Humboldt und vom deutschen Idealismus. Je mehr vergleichende Untersuchungen es später gegeben hat, umso deutlicher ist es geworden, was für ein Quatsch das ist. Wir haben in Österreich ein Bildungssystem, das im Wesentlichen immer noch darauf aufbaut, was sich Maria Theresia ausgedacht hat. Sie hat eine fünfjährige Schulpflicht eingeführt und als Klassenhöchstzahl 130 Schüler festgelegt, eine Kompanie. Als Lehrer hat man ausgediente Unteroffiziere engagiert, weil die schon eine staatliche Pension hatten und man sie nicht extra bezahlen musste. Es waren auch die Einzigen, die mit so einer großen Menschenmenge umgehen konnten. Dementsprechend war das Schulleben: Konzentration auf Äußerlichkeiten, ständige Zurechtweisung, Frontalunterricht und militärischer Befehlston. Das hängt dem österreichischen Schulsystem bis heute nach. Ich war ja oft Vorsitzender bei kommissionellen Prüfungen. Und ich habe immer wieder erlebt, dass die prüfenden Professoren sofort die nächste Frage stellten, wenn sie merkten, dass der Prüfling richtig antwortet. Da hieß es immer: Ich sehe, das können Sie, und schon ist die nächste Frage gekommen. Bis sie endlich etwas erwischten, wo der Prüfling schlecht war. Das wurde dann breit getreten, dann konnten sie endlich zurechtweisen. Wir haben leider die Tradition, den Blick nicht darauf zu lenken, was einer kann, sondern darauf, was er nicht kann. In unserem Bildungssystem sucht der Lehrer immer nach Fehlern, nicht danach, was gelungen ist.

Und anderswo in der Welt ist es um so viel besser?

Ich konnte einmal den Schulanfang in den USA erleben. Kurz davor war Schulbeginn bei uns - und da habe ich mit vielen Lehrern gesprochen. Es war immer die gleiche Leier: Sie beklagten sich über den schlechten Stundenplaner und über die Schüler, die allesamt laute Flaschen und Nichtskönner seien. Und dann, ein paar Wochen später in den USA, die große Überraschung. Da erzählten mir die Lehrer was für tolle Schüler sie haben: vier singen im Schulchor, zwei sind in der Schul-Baseballmannschaft, ein anderer spielt ganz toll Gitarre. Natürlich habe ich dann gefragt: Schön, aber wie schaut es mit den wichtigen Dingen aus? Sind die Schüler gut in Englisch, Mathematik? Und wissen Sie, was ich als Antwort bekommen habe? Ach, Hauptsache, die Schüler können sich für etwas begeistern, den Rest bringen wir ihnen schon bei. Das ist ein entscheidender Unterschied zum österreichischen Zugang. Außerdem besteht bei uns nicht nur auf der Uni, sondern schon in der Mittelschule eine absurde Abneigung gegen jeglichen Praxisbezug. Oder wie es ein Schüler einmal so schön gesagt hat: Die Lehrer geben permanent Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat.

Was vielleicht auch daran liegt, dass die meisten Lehrer nichts anderes kennen lernen als dieses System. Zuerst sind sie in der Schule als Schüler - und dann als Lehrer.

Das ist sicher ein Teil des Problems. Ich habe in der Steiermark ein System eingeführt, in dem bei Lehrereinstellungen jene, die zumindest ein Jahr irgendwo in der Privatwirtschaft gearbeitet haben, bevorzugt wurden. Die Gewerkschaft ist dagegen Sturm gelaufen, und sobald ich nicht mehr im Amt war, wurde das wieder rückgängig gemacht. Zum Teil liegt der fehlende Praxisbezug aber auch daran, dass Lehrer gar nicht anders können. In einer Halbtagsschule gehen Dinge wie etwa Exkursionen viel schwerer als in einer Ganztagsschule, weil einfach die Zeit fehlt. Und dann kommt noch die ganze Bürokratie hinzu. Für jeden Schulausgang, jeden Besuch von schulfremden Personen muss der Lehrer um Genehmigung ansuchen, einen Papierkrieg führen. Ich schimpfe auch nicht über die Lehrer, sondern über ein System, das sie dazu zwingt, so zu arbeiten, wie sie arbeiten.

Ein Teil des Problems besteht aber auch darin, dass der Lehrberuf in Österreich sehr oft von jenen gewählt wird, die sich bei ihrer Studienentscheidung unsicher sind. Sie studieren Lehramt dann gewissermaßen aus Verlegenheit.

Das ist sicher so. Wir haben leider überhaupt kein Verfahren, das überprüft, ob diejenigen, die Lehrer werden wollen, die dafür nötigen Voraussetzungen mitbringen. In Finnland, das nicht zufällig Pisa-Sieger ist, werden nur die Geeignetsten genommen. Die Leute, die dort die Eignung testen, haben mir erklärt, dass es dabei vor allem um zwei Dinge geht: zu schauen, ob der oder die Bewerberin Kinder mag - und ob sie auf Kinder zugeht oder bei der Begegnung zumacht. Ich habe dann gesagt: Das muss doch ewig dauern, das zu testen! Der Leiter der Einrichtung hat darauf gesagt: Überhaupt nicht, spätestens nach zehn Minuten sieht man’s. Ich verstehe nicht, warum solche Tests in Österreich nicht möglich sein sollen. Es wäre auch eine Hilfe, wenn sich die Schuldirektoren die Lehrer, mit denen sie arbeiten, selbst aussuchen können, und nicht von oben aufs Aug gedrückt bekommen. Aber natürlich ist auch da die Gewerkschaft dagegen.

Klingt fast so, als ob die Gewerkschaft das einzige Problem an unseren Schulen wäre.

Natürlich nicht. Aber die beharrenden Kräfte in der Politik, und dazu zählt nun einmal die Gewerkschaft, machen jede Änderung fast unmöglich. Deshalb würde es ganz oben jemand brauchen, der den Mut hat, damit zu brechen. Aber Herr Spindelegger fürchtet sich, dem Herrn Neugebauer zu nahe zu treten, und er muss außerdem auf St. Pölten Rücksicht nehmen. Und der Kanzler kümmert sich vor allem darum, dass er in der "Kronen Zeitung" gut wegkommt. So kann man keine Politik machen. Denn natürlich fängt der Fisch beim Kopf zu stinken an. Das hätte ich früher so nicht sagen können. Jetzt ist es mir egal. Das ist meine neue Freiheit.


Piotr Dobrowolski, geboren 1965, war u.a. Außenpolitik-Chef bei "Format" und Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Frontal"; lebt nun als freier Journalist in Graz.


Wiener Zeitung (20./21. Oktober 2012)