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Volksnah und weltgewandt#

Gutsherr, Gelehrter und Präsident der Republik Österreich: Michael Hainisch wurde am 15. August 1858 geboren.#


Von der Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 9. August 2008)

Von

Friedrich Weissensteiner


Im Jahr 1920 fielen in der am 12. November 1918 nach heftigen Geburtswehen ins Leben gerufenen Ersten Österreichischen Republik eine Reihe wesentlicher politischer Entscheidungen. Im Juni zerbrach die aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen zusammengesetzte Koalitionsregierung, am 1. Oktober trat nach langen, mühsamen Verhandlungen die Verfassung des jungen Staatsgebildes in Kraft. Am 10. Oktober entschied sich die Südkärntner Bevölkerung für den ungeteilten Verbleib des Landes bei Österreich, eine Woche später gingen bei den vorgezogenen Nationalratswahlen die Christlichsozialen als Sieger hervor. Sie blieben gemeinsam mit kleineren bürgerlichen Parteien bis zur Zerstörung der Demokratie durch Engelbert Dollfuß die bestimmende politische Kraft. Die Sozialdemokraten mussten sich mit der Oppositionsrolle zufrieden geben. Am 8. Dezember 1920 schließlich wurde von der Nationalversammlung (Nationalrat plus Bundesrat) das neue Staatsoberhaupt gewählt. Die Wahl fiel im fünften Wahlgang auf den allseits geschätzten Großgrundbesitzer und Nationalökonomen Dr. Michael Hainisch.

Sozialer Großbürger#

Michael Hainisch, der am 15. August 1858 in Aue bei Schottwien (NÖ) das Licht der Welt erblickte, entstammte einer wohlhabenden, großbürgerlichen Familie. Der Vater war Textilfabrikant, die Mutter, Marianne Hainisch, der sich der Sohn bis in das hohe Alter innig verbunden fühlte, eine bekannte Frauenrechtlerin. Der begabte Michael maturierte am Wiener Akademischen Gymnasium und studierte anschließend in Leipzig und Wien Jurisprudenz (Dr. jur. 1892). Nach Abschluss des Studiums absolvierte er eine einjährige Gerichtspraxis und immatrikulierte sich danach an der Universität Berlin, wo er nationalökonomische Studien betrieb. Der Versuch, sich an der Alma Mater Rudolphina zu habilitieren, scheiterte. Hainisch trat in den Staatsdienst ein ( NÖ Finanzprokuratur, Unterrichtsministerium), verließ ihn jedoch nach wenigen Jahren, um sich voll und ganz der wissenschaftlichen Arbeit zu widmen.

In den folgenden drei Jahrzehnten, von 1890 bis 1920, beschäftigte sich Hainisch mit volkswirtschaftlichen, agrar-, sozial- und bevölkerungspolitischen Fragen, zu denen er in den verschiedensten Zeitschriften Stellung bezog. Er war in zahlreichen Vereinen tätig, nahm lebhaften Anteil am politischen Geschehen und legte damit den Grundstein für sein persönliches Ansehen, das über die Grenzen der Habsburgermonarchie hinaus in das deutschsprachige Ausland ausstrahlte.

Die materielle Basis für alle diese Tätigkeiten und für seine geistige Unabhängigkeit bildete ein landwirtschaftlicher Besitz in Jauern bei Spital am Semmering, den er zu einem Musterbetrieb machte. Seine große Popularität verdankte er nicht zuletzt dieser Tätigkeit als Landwirt. Mit seiner Zuchtkuh "Bella", die Rekord- Milchleistungen erbrachte, machte er in der Presse Schlagzeilen. Agrarfragen beschäftigten den liberal gesinnten Gutsherrn zeitlebens. Er befasste sich mit dem bäuerlichen Erbrecht, machte Vorschläge für eine Agrarreform und untersuchte in seinem Buch: "Die Landflucht", die näheren Gründe für die durch den Industrialisierungsprozess bewirkte Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte.

Michael Hainisch besaß ein ausgeprägtes soziales Gewissen, das sich in einem wachen Sinn für die sozialpolitischen Anliegen seiner Zeit manifestierte. Er befürwortete die sozialreformatorischen Bestrebungen der Sozialdemokratie, unterstützte deren Forderung nach Herabsetzung der Arbeitszeit und nach politischer Mitsprache. Auch das " allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht" fand in ihm einen Fürsprecher. Er betätigte sich im "Verein für Sozialpolitik" und beschäftigte sich eingehend mit Fragen der Heim- und Kinderarbeit. Hainisch war auch Mitglied der Wiener "Fabier-Gesellschaft", die sich nach dem Vorbild der englischen Muttergesellschaft sozialpolitische Reformen zum Ziel setzte, aber politisch keine Durchsetzungskraft besaß. Die Gesellschaft löste sich denn auch bald wieder auf.

Ein großes Anliegen war Michael Hainisch die Hebung der Volksbildung. Er unterstützte mit eigenen Mitteln die Errichtung und Ausstattung von Bibliotheken in den ländlichen Gebieten und trat vehement dafür ein, begabten Kindern die Möglichkeit für den Besuch höherer Schulen zu eröffnen. Sein Bildungskonzept sah die Schaffung einer gemeinsamen Untermittelschule vor, die den Kindern breiter Bevölkerungsschichten (Bauern, Gewerbetreibende, Arbeiter) zugänglich sein sollte. Die jungen Leute, die eine akademische Laufbahn einschlagen wollten, sollten in einem vierjährigen Oberstufenunterricht auf den Besuch der Universität vorbereitet werden. In einer Zeit, in der die Schulbildung weitgehend der gesellschaftlichen Oberschicht vorbehalten war, war diese schulpolitische Konzeption, die selbstverständlich auf heftigen Widerspruch stieß, geradezu revolutionär. Bekanntlich ist die Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen in unserem Land bis heute politisch umstritten.

Hainisch, der nie einer Partei angehörte, war gesinnungsmäßig ein großdeutscher Liberaler und als solcher traditionell antiklerikal, antiaristokratisch und antimonarchistisch gesinnt. Sein Deutschtum, das er im privaten Kreis und bei öffentlichen Anlässen immer wieder betonte, ging ihm über alles. Für den rabiaten, lärmenden Deutschnationalismus vom Schlage eines Georg Schönerer hatte der Gutsherr und Privatgelehrte allerdings nichts übrig. Radikalismus jedweder Art war dem konzilianten Mann mit dem großbürgerlichen Horizont wesensfremd. Von den Schönerianern trennte ihn vor allem auch seine Haltung gegenüber dem Antisemitismus, dem geistigen Krebsgeschwür der (und leider nicht nur dieser) Zeit. Trotzdem war auch Hainisch nicht frei von antisemitischen Neigungen, die allerdings keinen rassenkämpferischen Charakter trugen. Sein Verhältnis zum Judentum war ambivalent. Er konzedierte den Juden hohe Intelligenz und geistige Regsamkeit, sprach sich aber dennoch gegen den hohen Prozentsatz jüdischer Studenten an der medizinischen und juristischen Fakultät an der Wiener Universität und in leitenden staatlichen Stellen aus.

Elitärer Demokrat#

Durchaus zwiespältig waren auch seine politischen Ansichten. Hainisch war ein überzeugter Republikaner. Dem Parteienstaat stand er allerdings skeptisch gegenüber. In seinen Memoiren vertritt er elitäre Vorstellungen von der Demokratie und spricht sich für eine stärkere parlamentarische Vertretung der "Hochschulen, der Ärzte -und Advokatenkammer" aus. Leider kann man ihm auch kein treffendes politisches Urteil attestieren. Die faschistische Diktatur Mussolinis beurteilte er durchaus positiv, die Nazidiktatur, die er persönlich verabscheute, hat er in ihrer abgründigen Inhumanität und teuflischen Dämonie zweifellos nicht richtig eingeschätzt.

War Michael Hainisch nun denn die richtige Wahl als Staatsoberhaupt der Republik? Ich meine, durchaus. Die Bundesverfassung von 1920 verlangte vom Bundespräsidenten keine scharfkantige Politikerpersönlichkeit. Die Rolle des Staatsoberhauptes war im Wesentlichen auf Repräsentationspflichten zugeschnitten, und diese Rolle hat Michael Hainisch mit seinem Sinn für Gerechtigkeit, seiner Redlichkeit, seiner strengen Pflichtauffassung und seiner Leutseligkeit hervorragend gespielt. Hainisch residierte nicht wie weiland Kaiser Franz Joseph in der Hofburg, er fuhr von seinem Döblinger Wohnsitz mit der Straßenbahn in das Amt, unternahm Reisen in die Bundesländer, die dem Zweck dienten, das Zusammengehörigkeitsgefühl der einzelnen Länder im neuen Staatswesen zu stärken, und suchte bei jeder Gelegenheit den Kontakt mit der Bevölkerung.

Michael Hainisch konnte mit den einfachen Menschen in ihrer Sprache reden und erwarb sich durch sein schlichtes, ungezwungenes Auftreten und sein Verständnis für die Nöte des Volkes bald die Sympathien und die Zuneigung der Menschen. Andererseits verstand es der volksnahe Bundespräsident problemlos, beim Verkehr mit ausländischen Staatsmännern und Diplomaten, bei Gesprächen mit dem hohen Klerus und den Bundesministern die Würde des Amtes zu wahren.

1924 wurde Michael Hainisch von den Christlichsozialen zur Wiederwahl vorgeschlagen und erreichte bereits im ersten Wahlgang die Mehrheit der Stimmen. Seine zweite Amtsperiode war durch die Verschärfung der innenpolitischen Gegensätze und durch zahlreiche Gewaltakte zwischen den verschiedenen politischen Gruppierungen gekennzeichnet, die bürgerkriegsähnliche Ausmaße annahmen und am 15. Juli 1927 anlässlich des Justizpalastbrandes zum blutigen Zusammenstoß zwischen der Arbeiterschaft und der Staatsgewalt führten. Der Bundespräsident nahm dazu öffentlich nicht Stellung. Ein klärendes Wort zur eventuellen Beruhigung der Situation wäre damals wohl angebracht gewesen.

Nach achtjähriger Amtstätigkeit verließ Hainisch die Hofburg und zog sich in das Privatleben zurück. Im September 1929 betrat der 71-Jährige noch einmal die Bühne der Politik, als ihn Bundeskanzler Johann Schober als Minister für Handel und Verkehr in sein Kabinett holte. Nach neunmonatiger Tätigkeit reichte er nach Meinungsverschiedenheiten mit einigen seiner Ministerkollegen seine Demission ein. Nun war der Abschied von der Politik endgültig. Michael Hainisch starb am 26. Februar 1940. Sein Tod blieb weitgehend unbeachtet. Die Zeit war über ihn hinweggeschritten.

Friedrich Weissensteiner war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Bücher.

Wiener Zeitung, 9. August 2008