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Vom Politrebell zum Landesvater #

Mit dem Tod Jörg Haiders am 11. Oktober 2008 um 1.18 Uhr ist die österreichische Innenpolitik um eine ihrer schillerndsten Persönlichkeiten ärmer. #


Von der Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Dienstag, 14. Oktober 2008)

von

Brigitte Pechar


Haiders politische Karriere
© Wiener Zeitung

Schon zu Beginn der 1970er Jahre macht der Jus-Student Karriere beim Ring freiheitlicher Studenten. Zwei Facetten seiner Persönlichkeit bringen den aufstrebenden unkonventionellen Politiker mehrmals zu Fall. Einerseits sein lockerer Umgang mit dem nationalsozialistischen Gedankengut – die österreichische Nation sei eine „Missgeburt“, Konzentrationslager bezeichnet er als „Straflager“ – und andererseits seine Radikalität, die viele Freundschaften scheitern lässt. Die unkritische Haltung zum NS-Regime stammt aus seinem nationalsozialistisch geprägten Elternhaus.

Den politischen Aufstieg schafft der geborene Oberösterreicher (Bad Goisern) in Kärnten, wo er seit 1976 wohnt. 1979 zieht er für die FPÖ in den Nationalrat ein. Die Koalition zwischen der SPÖ mit Bundeskanzler Fred Sinowatz und der FPÖ mit Norbert Steger ist ihm ein Dorn im Auge.

Als Kärntner FPÖ-Chef organisiert er 1986 beim FPÖ-Parteitag die Abwahl Stegers, der in seinen Augen in erster Linie die eigenen Interessen und nicht jene der FPÖ verfolgt – „Putsch von Innsbruck“. Bundeskanzler Franz Vranitzky kündigt daraufhin die Koalition. Haider ist durch diese „Ausgrenzung“ aber nicht zu halten. Er übernimmt die FPÖ bei vier Prozent und verdoppelt diese im ersten Anlauf.

Er eilt von Erfolg zu Erfolg und stellt sämtliche Institutionen in Frage: die Arbeiterkammer, die Sozialpartnerschaft, die Krankenkassen. Den Landeshauptmann- sessel erobert er bereits 1989, muss ihn aber 1991 abgeben. SPÖ und ÖVP wählen ihn wegen dessen Sager von der „ordentlichen Beschäftigungspolitik“ in der NS-Diktatur ab.

Schon bei seinem Abgang kündigt er an, dass er zurückkehren werde. Das gelingt ihm 1999. Seither ist er im Land allgegenwärtig. Er ist bei jedem Fest, geht auf die Menschen zu. Die Wiederwahl im kommenden Jahr war ihm sicher. Bundespolitisch gelingt ihm 2000 eine Koalition mit der ÖVP. Obwohl die FPÖ stärker ist, steckt er zurück und mach Wolfgang Schüssel zum Kanzler. Es folgen die Sanktionen der EU. Innerparteilich übergibt er das Ruder an Susanne Riess-Passer. Aber schon bald ist Haider mit der FPÖ-Regierungsmannschaft unzufrieden.

Es kommt zu Knittelfeld. Schüssel ruft Neuwahlen aus, bei denen die FPÖ abstürzt. Dennoch geht Schwarz-Blau auf Bundesebene weiter. Nach ständigen Querelen mit der Wiener FPÖ gründet er das BZÖ. Zuletzt rettet er das Bündnis vor dem sicheren Tod und verdreifacht das Ergebnis von 2006.

Sein letzter Wahlkampf unterscheidet sich wesentlich von seinen bisherigen Auftritten. Haider gibt sich staatsmännisch – nur bei den Ortstafeln bleibt er bis zuletzt standhaft.

Wiener Zeitung, Dienstag, 14. Oktober 2008